Mut auf der Bank, Men­ta­li­tät auf dem Platz

Na­gels­manns Schach­zug mit Toljan geht für Hof­fen­heim ge­gen die Köl­ner be­mer­kens­wert gut auf

Pforzheimer Kurier - - SPORT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter To­bi­as Schäch­ter Fo­to: dpa

Sins­heim. Vor je­dem Spiel dis­ku­tiert Ju­li­an Na­gels­mann mit sei­nem Trai­ner­team der TSG Hof­fen­heim den mög­li­chen Plan für die kom­men­den 90 Mi­nu­ten, es gibt im­mer ei­ne „Si­cher­heits­va­ri­an­te“und ei­ne „Ri­si­ko­va­ri­an­te“. Na­gels­mann gibt zu, „ziem­lich häu­fig“für die Ri­si­ko­va­ri­an­te zu strei­ten.

Ge­gen den 1. FC Köln aber wähl­te der Hof­fen­hei­mer Trai­ner den ver­meint­lich ri­si­koär­me­ren Weg: Statt wie zu­letzt den ge­lern­ten Of­fen­siv­spie­ler Ste­ven Zu­ber links hin­ten auf­zu­bie­ten, setz­te er auf den etat­mä­ßi­gen Au­ßen­ver­tei­di­ger Jeremy Toljan. Na­gels­mann woll­te so den schnel­len Köl­ner Rechts­au­ßen Mar­cel Ris­se kon­trol­lie­ren. Aber da Toljan un­heim­lich schnell ist und no­to­risch of­fen­siv denkt, hat sich Na­gels­mann durch den Schach­zug Toljan für Zu­ber kei­ner Of­fen­siv­kraft be­raubt. Im Ge­gen­teil: Toljan er­ziel­te das 2:0 (39.) und be­rei­te­te das 4:0 (89.) durch den ein­ge­wech­sel­ten Mark Uth vor. Und da Mar­cel Ris­se schon nach 20 Mi­nu­ten we­gen ei­nes Kreuz­band­ris­ses (sechs Mo­na­te Pau­se) aus­ge­wech­selt wer­den muss­te, spiel­te Toljan 70 Mi­nu­ten oh­ne­hin eher Links­au­ßen statt lin­ker Ver­tei­di­ger.

Die­se klei­ne Per­so­na­lie sagt viel über die­sen mu­ti­gen Trai­ner aus. Wohl wä­re zu­nächst nie­mand auf der Welt au­ßer Na­gels­mann auf die Idee ge­kom­men, den de­fen­si­ven An­alpha­be­ten Zu­ber links hin­ten auf­zu­stel­len. Das hat dann pri­ma funk­tio­niert. Nun spiel­te aber wie­der Toljan präch­tig – und schon hat sich die­ser Trai­ner in ei­nem oh­ne­hin von Op­tio­nen auf al­len Po­si­tio­nen strot­zen­den Ka­der wie­der ein­mal selbst ei­ne Op­ti­on mehr ge­schaf­fen. Durch das tak­ti­sche Drauf­gän­ger­tum ih­res Trai­ners ist die­se TSG für Geg­ner un­be­re­chen­bar.

Wo die Gren­zen die­ser Mann­schaft lie­gen, ist nach die­sem be­mer­kens­wer­ten 4:0 ge­gen den 1. FC Köln noch ein biss­chen un­kla­rer ge­wor­den. Ne­ben Ta­bel­len­füh­rer RB Leip­zig ist die TSG auch nach Spiel­tag 13 wei­ter die ein­zi­ge un­ge­schla­ge­ne Elf in der Bun­des­li­ga. Aus ei­nem Fast-Ab­stei­ger hat Na­gels­mann im Schat­ten des Leip­zig-Hy­pes ei­nen ernst­zu­neh­men­den Eu­ro­pa­po­kal-Kan­di­da­ten ge­formt. Und Na­gels­mann gibt das Tem­po vor, er ist der An­trei­ber. In re­vo­lu­tio­nä­rer Ab­sicht hat er aus ei­ner zau­dern­den, nai­ven und bra­ven Elf ei­ne ag­gres­si­ve, gie­ri­ge mit Sie­ges­wil­len ge­macht. Ge­gen Köln er­weck­te die­se TSG den Ein­druck, dass sie auch noch ei­ne drit­te Halb­zeit mit Voll­gas auf wei­te­re To­re ge­spielt hät­te, statt sich wie in der Ver­gan­gen­heit mit Er­reich­tem zu­frie­den zu ge­ben. Ge­lernt war ge­lernt: Am vier­ten Spiel­tag in Darm­stadt war die Elf in al­te Mus­ter zu­rück­ge­fal­len und woll­te ei­ne Füh­rung ver­wal­ten – und wur­de mit dem Aus­gleich be­straft. Na­gels­mann hat die­se Men­ta­li­tät an­ge­pran­gert. Et­wai­ge Lethar­gie im Ka­der wur­de auch durch die klu­ge Ein­kaufs­po­li­tik im Som­mer ver­än­dert, die Mi­schung stimmt jetzt: Ge­holt wur­den Pro­fis wie Mit­tel­stür­mer San­dro Wa­gner, die Ach­ter Ke­rem De­mir­bay und Lu­kas Rupp so­wie die De­fen­siv­spie­ler Ben­ja­min Hüb­ner und Ke­vin Vogt. Und ge­gen Köln stan­den bei Ab­pfiff in Ni­k­las Sü­le, Jeremy Toljan, Na­diem Ami­ri, Phil­ipp Ochs und De­bü­tant Ba­ris Atik fünf Groß­ta­len­te auf dem Platz, die im ei­ge­nen Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum aus­ge­bil­det wur­den. Es ist ei­ne Po­in­te, dass der ehe­ma­li­ge Ju­gend­trai­ner Na­gels­mann in der Ver­gan­gen­heit al­so je­ne Pro­fis aus­ge­bil­det hat, von de­nen nun der Pro­fi­trai­ner Na­gels­mann pro­fi­tiert.

Aber auch äl­te­re Spie­ler ent­wi­ckeln ganz neue Cha­rak­ter­zü­ge. Der ehe­dem zö­ger­li­che Se­bas­ti­an Ru­dy ist plötz­lich ein ag­gres­si­ver Le­a­der. „Männ­li­cher“soll­te sei­ne Mann­schaft wer­den, hat Na­gels­mann ge­for­dert. Das klingt mar­tia­lisch und soll es auch. Mar­tia­lisch spielt Wa­gner. Der aus Darm­stadt ge­kom­me­ne Mit­tel­stür­mer schießt To­re und reißt mit sei­ner kör­per­li­chen Art Mit­spie­ler und Pu­bli­kum mit. Na­gels­mann, 29, ge­fällt an Wa­gner, 29, vor al­lem des­sen Lern­fä­hig­keit im Kom­bi­na­ti­ons­spiel und im frü­hen Atta­ckie­ren des Geg­ners: „San­dro ist nicht nur auf sei­ne Stär­ken fi­xiert, ich glau­be, sei­ne Ent­wick­lung ist noch nicht zu En­de – auch wenn er so alt ist wie ich.“

WUCHTIG: San­dro Wa­gner, Er­folgs­ga­rant im An­griff der Hof­fen­hei­mer, bei sei­nem Tref­fer zum 3:0 ge­gen die Köl­ner.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.