Mer­kels Vor­teil

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

RU­DI WAIS

An­ge­la Mer­kel kann froh sein, dass sie nicht die Vor­sit­zen­de der SPD ist. Ver­lo­re­ne Land­tags­wah­len, Um­fra­gen weit un­ter dem Er­geb­nis der letz­ten Bun­des­tags­wahl, da­zu der Kotau vor dem Ko­ali­ti­ons­part­ner bei der Su­che nach dem neu­en Bun­des­prä­si­den­ten: Es ge­hört nicht viel Fan­ta­sie da­zu, um sich aus­zu­ma­len, wie die So­zi­al­de­mo­kra­ten in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on re­agie­ren wür­den. Sig­mar Ga­b­ri­el hät­te da­nach si­cher mehr Zeit für sei­ne Fa­mi­lie. Dass An­ge­la Mer­kel beim CDU-Bun­des­par­tei­tag in Es­sen un­ver­än­dert fest im Sat­tel sitzt, hat vor al­lem ei­nen Grund. Sie ist die Kanz­le­rin – und da­mit für wei­te Tei­le ih­rer Par­tei sa­kro­sankt. An­ders als die SPD, die sich mit de­struk­ti­ver Lust re­gel­mä­ßig selbst zer­fleischt, igelt die CDU sich in schwie­ri­gen Pha­sen ein. Vor ei­nem Jahr, auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­kri­se, fei­er­ten die De­le­gier­ten ih­re Che­fin in Karls­ru­he mit de­mons­tra­ti­vem Trotz – ob­wohl vie­le Christ­de­mo­kra­ten ins­ge­heim ent­setzt wa­ren über ih­re Po­li­tik der of­fe­nen Tür. Am En­de aber zähl­te nur ei­nes: Loya­li­tät. Auch die größ­ten Nörg­ler ap­plau­dier­ten ihr da­mals im Ste­hen.

Un­ter Hel­mut Kohl wur­de die CDU ger­ne als Kanz­ler­wahl­ver­ein ver­spot­tet. An­ge­la Mer­kels Art, die Par­tei zu füh­ren, ist sub­ti­ler, aber nicht min­der ef­fi­zi­ent. Nach­dem sie sich ent­schie­den hat, noch ein vier­tes Mal als Spit­zen­kan­di­da­tin in ei­ne Wahl zu zie­hen, wird der Par­tei­tag

sie nun auch mit ei­nem gu­ten Er­geb­nis als Vor­sit­zen­de be­stä­ti­gen. Dampf ab­ge­las­sen hat die Ba­sis be­reits bei ei­ner Rei­he von Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen wie zu­letzt in Je­na, wo die bei­den Wel­ten der CDU so un­ge­hin­dert wie lan­ge nicht mehr auf­ein­an­der­prall­ten: Hier An­ge­la Mer­kel, die lä­chelnd mit ei­nem Flücht­ling po­siert – dort auf­ge­brach­te Kon­ser­va­ti­ve, die sie zum Rück­tritt auf­for­dern. Da­zwi­schen liegt viel Un­aus­ge­spro­che­nes, viel Un­ver­stan­de­nes, viel Un­er­klär­tes auch. Bis heu­te rät­seln selbst ihr wohl­ge­son­ne­ne Par­tei­freun­de, wie es zu die­ser ein­zig­ar­ti­gen Met­a­mor­pho­se kom­men konn­te, wie aus der prag­ma­tisch-tro­cke­nen An­ge­la Mer­kel über Nacht die Frau wur­de, die buch­stäb­lich kei­ne Gren­zen mehr kennt.

Die Be­din­gungs­lo­sig­keit, mit der die CDU sich ih­ren Vor­sit­zen­den un­ter­wirft, war lan­ge Zeit ein Wett­be­werbs­vor­teil – nichts nervt den Wäh­ler mehr als Par­tei­en, die sich nur mit sich selbst be­schäf­ti­gen. Mitt­ler­wei­le je­doch ver­kehrt sich die­ser Ef­fekt ins Ge­gen­teil: Men­schen, die sich selbst als kon­ser­va­tiv be­zeich­nen wür­den, füh­len sich von der CDU nicht mehr ver­tre­ten, sie wäh­len sie nicht mehr um ih­rer selbst wil­len, son­dern wen­den sich von ihr ab und schie­len wei­ter nach rechts. Tat­säch­lich ist es nicht der ört­li­che Ab­ge­ord­ne­te, mit dem sie ha­dern, oder das Pro­gramm der CDU – es ist An­ge­la Mer­kel selbst.

Par­tei­che­fin sitzt fest im Sat­tel

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.