Bloß kei­ne Pa­nik in tur­bu­len­ten Zei­ten

Die EU re­agiert mit de­mons­tra­ti­ver Ge­las­sen­heit

Pforzheimer Kurier - - NACH DEM REFERENDUM - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­kus Gra­bitz

Nur nichts her­bei re­den. Das ist die De­vi­se, als sich ges­tern Mor­gen bei ei­si­gen Tem­pe­ra­tu­ren die Fi­nanz­mi­nis­ter der Eu­ro-Grup­pe zu ih­rer plan­mä­ßi­gen Sit­zung in Brüs­sel ein­fin­den. EU-Wäh­rungs­kom­mis­sar Pier­re Mosco­vici be­schwört das „gro­ße und so­li­de Land“Ita­li­en. Er ha­be gro­ßes Ver­trau­en, in die ita­lie­ni­schen Be­hör­den, sie sei­en „gut aus­ge­stat­tet“, um die­se Kri­se zu be­wäl­ti­gen. Im Hin­blick auf den ita­lie­ni­schen Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi, der von den Wäh­lern beim Re­fe­ren­dum über sei­ne Ver­fas­sungs­re­form ab­ge­straft wur­de, gibt sich der deut­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) un­auf­ge­regt: „Mit ge­wis­ser Ge­las­sen­heit muss man zur Kennt­nis neh­men, dass die Pro­zes­se so sind.“

Die Mi­nis­ter be­schwich­ti­gen. Sie müs­sen sich da­bei nicht ein­mal gro­ße Mü­he ge­ben. Die Re­ak­tio­nen an den Fi­nanz­märk­ten auf das Schei­tern von Ren­zi sind näm­lich über­ra­schend ent­spannt aus­ge­fal­len. Das Be­ben der Bör­sen fiel aus. Es spricht viel da­für, dass die An­le­ger ein Schei­tern, wor­auf al­le Um­fra­gen hin­deu­te­ten, vor­ab ein­ge­preist hat­ten. Denn in den ver­gan­ge­nen Ta­gen wa­ren die Kur­se schon in den Kel­ler ge­gan­gen und die Ri­si­ko­auf­schlä­ge auf ita­lie­ni­sche Staats­an­lei­hen in die Hö­he. Schäu­b­le stellt klar: „Es gibt kei­nen Grund, von ei­ner Eu­ro-Kri­se zu re­den.“Der Chef der Eu­ro­grup­pe, der nie­der­län­di­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Je­ro­en Di­js­sel­blo­em, ver­weist je­doch dar­auf, dass „sich die wirt­schaft­li­che La­ge auch nicht über Nacht ver­än­dert hat“. Die Pro­ble­me, „die wir heu­te ha­ben, sind die glei­chen, die wir ges­tern hat- ten“. Vor al­lem die ita­lie­ni­schen Ban­ken ge­ben Grund zur Sor­ge. Die po­li­ti­sche Un­si­cher­heit mit dem Rück­tritt von Ren­zi, der als Re­for­mer an­ge­tre­ten war und als Eu­ro­pa-Freund galt, ist Gift für Ban­ken in der Kri­se.

Die Pro­ble­me der Ban­ken sind nicht die ein­zi­gen wirt­schaft­li­chen Sor­gen des Lan­des. So rich­tig hat sich Ita­li­en noch im­mer nicht von der Welt­fi­nanz­kri­se nach der Leh­man-Plei­te er­holt. Seit 2008 ist die Wirt­schafts­leis­tung des Lan­des viel­mehr um acht Pro­zent ge­schrumpft. Die Ar­beits­lo­sen­zahl liegt bei zehn Pro­zent, die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit, zu­mal im Sü­den des Lan­des, ist noch hö­her. Trotz der nied­ri­gen Zin­sen ha­ben Un­ter­neh­men Schwie­rig­kei­ten, an Kre­di­te zu kom­men und zu in­ves­tie­ren. Hin­zu kommt, dass die Staats­ver­schul­dung von Ita­li­en bei 135 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung liegt. Das ist der zweit­höchs­te Wert in der EU nach Grie­chen­land (179 Pro­zent).

In Brüs­sel ist zu­dem die Sor­ge vor den po­li­ti­schen Fol­gen groß. Wer kommt nach Ren­zi? Soll­te es zu Neu­wah­len kom­men, droht Ita­li­en zu ei­nem wei­te­ren Kri­sen­herd zu wer­den. Mit Po­len und Un­garn ist ei­ne kon­struk­ti­ve Zu­sam­men­ar­beit schon jetzt kaum mög­lich. Die Be­fürch­tung ist groß, dass Ita­li­en sich an­schließt. Der EU droht in oh­ne­hin schwie­ri­ger Pha­se die Läh­mung.

ITA­LIE­NI­SCHE RU­HE­STÖ­RUNG: Gera­de war es am eu­ro­päi­schen Him­mel wie­der et­was freund­li­cher ge­wor­den, weil in Ös­ter­reich der be­ken­nen­de Eu­ro­pä­er Alex­an­der Van der Bel­len die Prä­si­den­ten­wahl ge­won­nen hat­te, da sorg­ten die Nach­rich­ten aus Rom schon wie­der für Tris­tesse. Nach dem Re­fe­ren­dum er­scheint der Kurs, den das Land im Sü­den der Uni­on künf­tig neh­men wird, un­be­re­chen­bar. Fo­to: AFP

GE­BEU­TEL­TE GE­MEIN­SCHAFT: Die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat in der Ver­gan­gen­heit be­reits ei­ni­ge Tief­schlä­ge ein­ste­cken müs­sen. Fo­to: dpa

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