„Vie­le ver­hed­dern sich im Mul­ti­kul­ti-Den­ken“

CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn über den Bun­des­tags­wahl­kampf, Kanz­le­rin Mer­kel und die Flücht­lings­po­li­tik

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Ber­lin. Jens Spahn gilt als ei­nes der größ­ten po­li­ti­schen Ta­len­te in der Uni­on. Der 36-jäh­ri­ge hat ei­ne Bank­leh­re ab­sol­viert und an­schlie­ßend par­al­lel zu sei­ner Ar­beit als Ab­ge­ord­ne­ter noch Po­li­tik stu­diert. Im Bun­des­tag sitzt der Müns­ter­län­der seit 2002. Er ist Mit­glied im Prä­si­di­um der CDU und seit Ju­li ver­gan­ge­nen Jah­res Staats­se­kre­tär im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um. Un­ser Ber­li­ner Kor­re­spon­dent Ru­di Wais sprach mit Spahn über den CDU-Bun­des­par­tei­tag, die Flücht­lings­po­li­tik und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel.

Herr Spahn, wie ein­sam füh­len Sie sich ei­gent­lich – als letzter Kon­ser­va­ti­ver in der CDU?

Spahn: Ich bin we­der ein­sam noch der letz­te Kon­ser­va­ti­ve. In der Uni­on ste­hen wir ge­mein­sam für mehr Ver­bind­lich­keit, für Zu­ver­läs­sig­keit, für Recht und Ord­nung. Für die Tu­gen­den al­so, die Deutsch­land so er­folg­reich ge­macht ha­ben und uns als Ge­sell­schaft zu­sam­men­hal­ten. Ich füh­le mich in mei­ner Par­tei in bes­ter Ge­sell­schaft. Ein­spruch! Wolf­gang Bos­bach ver­ab­schie­det sich aus der Po­li­tik, Ro­land Koch und Fried­rich Merz sind lan­ge weg, gleich­zei­tig fin­den vie­le Wäh­ler der Uni­on bei der AfD ein neu­es Zu­hau­se. Ist das kon­ser­va­ti­ve Va­ku­um in der CDU nicht zu groß ge­wor­den? Spahn: Es stimmt, die Stim­mung ist po­la­ri­siert und po­li­ti­siert wie schon lan­ge nicht mehr. Es geht wie­der um et­was. Und zwar im Kern um un­se­re The­men: das Durch­set­zen von Recht und Ord­nung, Ver­läss­lich­keit, So­li­di­tät. Ein ein­fa­ches Bei­spiel: Wenn Sie hier in Ber­lin die 110 wäh­len, kön­nen sie nicht si­cher sein, dass die Po­li­zei auch wirk­lich kommt. Da­bei ge­hört das zu den öf­fent­li­chen Kern­auf­ga­ben! Die­ses Sich-auf-den-Staat-ver­las­senKön­nen ist ein Teil un­se­rer DNA, auch in der Füh­rung un­se­rer Par­tei. Viel­leicht be­to­nen wir ein­zel­ne The­men un­ter­schied­lich, aber im Prin­zip zie­hen al­le am sel­ben Strang.

Wird das The­ma Flücht­lin­ge die Bun­des­tags­wahl im nächs­ten Herbst ent­schei­den? Nur weil die Zah­len sin­ken, sind die Pro­ble­me ja nicht ge­löst.

Spahn: Der Wahl­kampf wird ein an­de­rer sein, es geht um Un­ter­scheid­bar­keit und ein kla­res Pro­fil. Der größ­te Auf­re­ger 2013 war der Veg­gie Day. Die­se Zei­ten sind vor­bei. Heu­te geht es um viel grund­sätz­li­che­re Fra­gen, um un­se­re Iden­ti­tät, um den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt, um die Wer­te und Prin­zi­pi­en, die un­ser Land zu­sam­men­hal­ten, um un­se­re Leit­kul­tur. Ich fin­de, sich nur an Recht und Ge­setz zu hal­ten, das reicht nicht, das muss je­der Tou­rist auch. Wer zu uns ein­wan­dern will, muss sich auch als Teil die­ser Ge­mein­schaft mit all ih­ren Tra­di­tio­nen und ih­rer Ge­schich­te be­grei­fen wol­len. Im Wahl­kampf ist das si­cher nicht das ein­zi­ge The­ma, aber ver­mut­lich ein be­stim­men­des, ganz ein­fach weil es auch für vie­le Men­schen ein be­stim­men­des ist.

Vie­le Deut­sche ha­ben die Sor­ge, dass die Flücht­lings­kri­se der Po­li­tik über den Kopf wächst, dass der Staat die La­ge nicht mehr im Griff hat. War An­ge­la Mer­kels Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen al­ter­na­tiv­los? Spahn: Nichts ist al­ter­na­tiv­los. Die Fra­ge ist im­mer: Was wä­re die bes­se­re Al­ter­na­ti­ve? Es gibt nie nur die ei­ne wah­re, die ei­ne rich­ti­ge oder die ei­ne ver­nünf­ti­ge Lö­sung. Mit der Ent­schei­dung, die Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, die sich vor gut ei­nem Jahr auf ei­ner Au­to­bahn in Un­garn auf dem Weg ge­macht ha­ben, ist Cha­os und Leid ver­mie­den wor­den. In vie­len an­de­ren Fra­gen rin­gen wir noch um die Lö­sun­gen, nicht zu­letzt zwi­schen CDU und CSU.

Sind Kin­der­ehen, voll­ver­schlei­er­te Frau­en oder se­xis­ti­sche Über­grif­fe der Preis, den Deutsch­land nun für sei­ne Hilfs­be­reit­schaft be­zahlt?

Spahn: Nein, auf kei­nen Fall. Nichts da­von dür­fen und wer­den wir ak­zep­tie­ren. Ei­ne Ehe mit Min­der­jäh­ri­gen ist Kin­des­miss­brauch. Voll­ver­schleie­rung ist das Ge­gen­teil ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft. Wir ma­chen in un­se­rem Leit­an­trag deut­lich, dass wir das nicht still­schwei­gend hin­neh­men. Viel­leicht muss ich ein Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes ak­zep­tie­ren, das ei­ner mus­li­mi­schen Er­zie­he­rin das Tra­gen ih­res Kopf­tu­ches im Kin­der­gar­ten er­laubt. Aber rich­tig fin­de ich es des­we­gen noch lan­ge nicht. Auf mus­li­mi­sche Mäd­chen wird so in Schu­len und Kin­der­gär­ten ein sub­ti­ler Druck aus­ge­übt: War­um tragt ihr denn noch kein Kopf­tuch?

Frank­reich, die Nie­der­lan­de und ei­ni­ge an­de­re Län­der ha­ben be­reits ein Bur­ka-Ver­bot be­schlos­sen. War­um tut Deutsch­land sich mit sol­chen Ent­schei­dun­gen so schwer? Auch um das Ver­bot von Kin­der­ehen hat die Ko­ali­ti­on be­fremd­lich lan­ge ge­run­gen.

Spahn: Ehr­lich ge­sagt ver­ste­he ich auch nicht, war­um man über Kin­der­ehen län­ger als fünf Mi­nu­ten dis­ku­tie­ren muss. In die­sen De­bat­ten ar­ti­ku­liert sich viel falsch ver­stan­de­ne To­le­ranz, vie­le ver­hed­dern sich hier in ih- rem Mul­ti­kul­ti-Den­ken. Nur weil je­mand aus ei­ner an­de­ren Kul­tur kommt, darf er bei uns kei­nen Ra­batt auf un­se­re Wer­te be­kom­men. Wir müs­sen da Ver­ständ­nis ha­ben, heißt es dann. Ich aber sa­ge: Nee, das müs­sen wir nicht. Klar zu sa­gen, was wir nicht ak­zep­tie­ren, ist gera­de nö­ti­ger denn je.

Der Par­tei­tag in Es­sen wird An­ge­la Mer­kel ver­mut­lich mit ei­nem ful­mi­nan­ten Er­geb­nis als Vor­sit­zen­de be­stä­ti­gen. Wie vie­le De­le­gier­te bal­len da­bei ins­ge­heim die Faust in der Ta­sche?

Spahn: An­ge­la Mer­kel hat als Bun­des­kanz­le­rin ei­ne Er­fah­rung und ei­ne Kom­pe­tenz, wie sie welt­weit ih­res­glei­chen sucht. Die CDU ist sich in vie­len Fra­gen ei­nig: Wir al­le wol­len Men­schen hel­fen, die in Not sind. Wir al­le wol­len, dass Deutsch­land wirt­schaft­lich stark bleibt und un­ser Land fa­mi­li­en­freund­lich ist. Wir in­ves­tie­ren so viel wie nie zu­vor in Bil­dung und For­schung, das ist die Hand­schrift der Uni­on. Und na­tür­lich wird die In­ne­re Si­cher­heit ein Schwer­punkt auf dem Par­tei­tag und im Wahl­kampf sein: Recht und Ord­nung, Ab­schie­ben ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber, Durch­set­zen von Ge­set­zen.

Auch wenn Sie selbst sich nicht als letz­ten Kon­ser­va­ti­ven in der CDU se­hen: ha­ben Sie sich in den letz­ten ein­ein­halb Jah­ren von Horst See­ho­fer po­li­tisch nicht bes­ser ver­tre­ten ge­fühlt als von An­ge­la Mer­kel?

Spahn: Ich füh­le mich in der CDU sau­wohl – und ich füh­le mich mit der Kanz­le­rin wohl. Das Rin­gen um die rich­ti­ge Lö­sung in der Flücht­lings­fra­ge ha­ben wir in bei­den Par­tei­en, nicht nur zwi­schen CDU und CSU. Ich hal­te es da mit dem Bun­des­prä­si­den­ten: Un­ser Herz ist weit, aber un­se­re Mög­lich­kei­ten sind be­grenzt. Im Üb­ri­gen bin ich seit vie­len Jah­ren Gast­mit­glied in der CSU – und zwar zah­len­des!

IM AN­STE­HEN­DEN BUN­DES­TAGS­WAHL­KAMPF will Jens Spahn das Pro­fil der CDU als Par­tei von Recht und Ord­nung schär­fen. Fo­to: Vennenbernd

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