„Das Le­ben ist mehr als Den­ken“

Al­ters­for­scher be­trach­tet De­menz­kran­ke nicht nur aus der Per­spek­ti­ve der Pa­tho­lo­gie

Pforzheimer Kurier - - WISSENSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin In­grid Voll­mer

Karls­ru­he. Andre­as Kru­se sieht im Äl­ter­wer­den gro­ße Chan­cen. „Das Al­ter ist ei­ne hoch­in­ter­es­san­te Le­bens­pha­se“, sagt der Ge­ron­to­psy­cho­lo­ge. Für den 61-jäh­ri­gen Di­rek­tor des In­sti­tuts für Ge­ron­to­lo­gie an der Ruprechts-Kar­lU­ni­ver­si­tät in Hei­del­berg hat das Al­ter kei­ne Schre­cken. Als Deutsch­lands füh­ren­der De­menz­for­scher for­dert er die Ge­sell­schaft auf, die Le­bens­qua­li­tät von Men­schen mit De­menz zu er­fas­sen und po­si­tiv zu be­ein­flus­sen. Das tat er jüngst auch als Re­fe­rent bei den Karls­ru­her De­menz­wo­chen.

„Das Le­ben ist nicht nur Den­ken, es ist un­gleich viel­schich­ti­ger“. Da­mit macht Kru­se deut­lich, dass er bei sei­ner For­schung den De­menz­kran­ken nicht nur aus der Per­spek­ti­ve der Pa­tho­lo­gie be­trach­tet, son­dern des­sen Res­sour­cen, die bis weit in die Krank­heit hin­ein vor­han­den sind, un­ter­sucht. Für vie­le, die den Be­fund De­menz er­hal­ten, sei der Satz „Ent­de­cken Sie Ih­re Per­sön­lich­keit“ei­ne Er­mu­ti­gung. Kru­se er­mun­tert Er­krank­te und de­ren Part­ner auf­zu­schrei­ben, was Ih­nen wich­tig ist, was sie wol­len, wie sie sich ih­re Be­glei­tung und Pfle­ge vor­stel­len. „Das gibt Si­cher­heit“, sagt Kru­se. „Man merkt, man wird als Per­son an­er­kannt, man wird ge­ach­tet, auch wenn die De­menz fort­schrei­tet.“Re­flek­tie­ren zu ei­nem Zeit­punkt, an dem es noch geht - das ist für ihn, der seit mehr als drei Jahr­zehn­ten übers Al­tern forscht, wich­tig für den Er­halt der Per­sön­lich­keit.

Kru­se ver­bringt Ta­ge und Näch­te in De­menz­w­ohn­ge­mein­schaf­ten, geht in Al­ten­hei­me und be­treibt Mi­mi­kana­ly­sen. Die Ge­füh­le der Men­schen, die nicht mehr re­den kön­nen, misst er nicht über Hirn­strö­me. Mi­mik und Ges­tik der De­menz­kran­ken ge­ben dem Ge­ron­to­psy­cho­lo­gen Auf­schluss über de­ren emo­tio­na­le Be­find­lich­keit. Kom­mu­ni­zie­ren oh­ne Wor­te sei mög­lich über Düf­te, über Mu­sik, über Er­in­ne­run­gen. So kön­ne man die „In­seln des Selbst“des Men­schen er­rei­chen. Die­se In­seln sind ge­speist von bio­gra­fi­schen Er­eig­nis­sen und ge­hen prak­tisch nie ver­lo­ren. Auch al­te und sehr al­te Men­schen mit De­menz hät­ten Po­ten­zi­al. Sie woll­ten sich im­mer mit­tei­len, sie woll­ten im­mer mit­ge­stal­ten, sich küm­mern, ver­ant­wort­lich sein.

Der­zeit er­forscht Kru­se, ob das Sichum-An­de­re-sor­gen-wol­len auch in der De­menz er­hal­ten bleibt. „Habt im­mer im Au­ge, dass De­menz­kran­ke euch et­was mit­tei­len wol­len“, ruft Kru­se ins Ge­dächt­nis, „nur das Co­die­ren die­ser Mit­tei­lung ist schwie­rig.“

Auch Men­schen, die sich völ­lig zu­rück­zö­gen, könn­ten emo­tio­nal ge­weckt wer­den. „Die Vor­leis­tun­gen da­zu lie­gen bei uns“, for­dert Kru­se. Fin­de zu we­nig Kom­mu­ni­ka­ti­on statt, ent­wi­ckel­ten De­menz­kran­ke ei­ne Un­ru­he, die von Au­ßen­ste­hen­den oft als Ag­gres­si­on ge­deu­tet wer­de. In die­sen Fäl­len ein Neu­ro­lep­ti­kum (Ner­ven­dämp­fungs­mit­tel) zu ver­ab­rei­chen, sei nicht nur fach­lich, son­dern auch ethisch falsch.

Kru­se ruft da­zu auf, Fa­mi­li­en mit De­menz­kran­ken zu un­ter­stüt­zen. Man kön­ne an­bie­ten, den Kran­ken für ein paar St­un­den zu um­sor­gen. Für die­sen sei der neue so­zia­le Kon­takt ein Ge­schenk, für die pfle­gen­den An­ge­hö­ri­gen ei­ne Er­leich­te­rung.

AL­TERS­FOR­SCHER Andre­as Kru­se vor ei­nem Bild der Fo­to­schau „Blaue und graue Ta­ge“der Fo­to­gra­fin Clau­dia Thoelen. Das Fo­to links zeigt Ernst und Gi­se­la, die vor vier Jah­ren an De­menz er­krank­te. Fo­to: ivo-press

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