26. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Zu­rück zu den Zah­len und Buch­sta­ben! Als sie auf­stand und sich die Krü­mel vom Rock wisch­te, traf sie ein Tan­nen­zap­fen an der Schul­ter. Sie blick­te hoch und sah Wal­burg mit Har­reis am Wald­rand ste­hen. Über den Bäu­men kreis­te ihr Fal­ke.

Ag­nes war sich nicht si­cher, ob ihr die Jung­frau Ma­ria die Schwes­ter ge­schickt hat­te. Am liebs­ten hät­te sie so ge­tan, als sä­he sie sie nicht, am liebs­ten wä­re sie ganz schnell in der Kü­che ver­schwun­den, aber Wal­burg mach­te ihr mit dem Arm ein her­ri­sches Zei­chen. In wei­ten Schrit­ten hetz­te Ag­nes durch das feuch­te Gras und stell­te sich ne­ben die Schwes­ter auf ei­nen fri­schen Baum­stumpf, da­mit ih­re gu­ten Schu­he nicht noch nas­ser wur­den. Wal­burg wä­re das egal ge­we­sen, aber die ar­bei­te­te auch nicht in ei­nem vor­neh­men Ho­tel. Der Hund sprang zur Be­grü­ßung an Ag­nes hoch. Doch die dräng­te ihn von sich weg. Der gu­te Rock.

„Ich hab den Frido­lin von der Berg­wacht ’trof­fe. Du hast mich g’sucht?“

Ag­nes be­trach­te­te die Schwes­ter. An­dert­halb Köp­fe grö­ßer als sie, brei­te Schul­tern, die Haut ge­gerbt wie die ei­nes In­dia­ners. Das Haar wie im­mer in zwei Zöp­fe ge­floch­ten. Zum ers­ten Mal be­merk­te Ag­nes wei­ße Fä­den dar­in. Acht­und­drei­ßig wur­de die Wal­burg im Herbst. Zwan­zig war sie schon ge­we­sen, als Ag­nes ge­bo­ren wur­de. Sie trug Ho­sen, Berg­schu­he und ein al­tes Hemd des Va­ters. Ihr Re­gen­cape hing über dem Ruck­sack, ihr Ge­wehr über der Brust. Sie roch nach Wald und Wild. Ag­nes scheu­te sich, Wal­burg in die Au­gen zu se­hen, denn seit der April­nacht 1945 hat­te Wal­burg den un­heim­li­chen Blick der hei­li­gen Per­pe­tua, de­ren Bild in der Büh­ler­ta­ler Kir­che hing. Per­pe­tua, ge­zeich­net durch ihr drei­fa­ches Mar­ty­ri­um: ge­gei­ßelt, von wil­den Tie­ren ge­jagt und mit dem Schwert ent­haup­tet.

Jetzt, wo die Hei­li­ge Jung­frau ihr ge­hol­fen und die Zah­len und Buch­sta­ben ihr in­ne­ren Frie­den ge­schenkt hat­ten, war es ihr gar nicht mehr recht, dass die Wal­burg her­ge­kom­men war. Bes­ser, sie weiß von nichts, bes­ser, sie er­fährt nie, dass der schwar­ze En­gel zu­rück­ge­kehrt ist, ent­schied sie. Aber als Wal­burg den St­ein, auf dem Ag­nes ihr die Nach­richt hin­ter­las­sen hat­te, aus der Ho­sen­ta­sche hol­te, wuss­te Ag­nes, dass es da­für zu spät war.

„Ich war beim Fal­ken­fel­sen“, sag­te Wal­burg. „Wo isch er?“Jetzt blick­te Ag­nes doch kurz in Wal­burgs Au­gen und sah dar­in ein ge­fähr­li­ches Glü­hen. Ein Glü­hen wie das in der Teu­fels­frat­ze vom Letz­ten Ge­richt, ein Bild, das eben­falls in ih­rer Kir­che hing.

„Er ist hier bei uns im Ho­tel“, wis­per­te sie, weil sie die Schwes­ter noch nie an­lü­gen konn­te. „Sein rich­ti­ger Na­me ist Nour­ri­di­ne. Aber mor­gen reist er wie­der ab. Dann ist er für im­mer fort.“

„Er isch nie für im­mer fort. Er isch in uns, der Lum­pe­si­ach.“Da­mals, nach­dem al­les vor­bei war, war Wal­burg mit ihr zum Bach ge­stol­pert, hat­te ihr die zer­ris­se­nen Klei­der vom Leib ge­zerrt und sie in das ei­si­ge Was­ser ge­taucht. Da­nach hat­te auch Wal­burg sich aus­ge­zo­gen und war eben­falls in den Bach ge­stie­gen. Beim Auf­tau­chen hat­te sie in den nächt­li­chen Wald hin­aus­ge­schrien, dass die Schan­de nur weg­ge­wischt wer­den konn­te, wenn Blut mit Blut ver­gol­ten wur­de. Wie ei­ne Wild­sau woll­te sie ihn ab­knal­len und aus­wei­den. „Ag­nes, jetzt red! Was macht er?“„Er wollt auf die Jagd. Im Bret­ter­wald.“ „Al­lein?“„Weiß ich nicht. Mor­gen ist er wie­der weg“, flüs­ter­te sie. „Wal­burg! Ver­sün­di­ge dich nicht.“

Sie schau­te schnell zu Bo­den, denn jetzt hat­te ih­re Schwes­ter wie­der den Blick der hei­li­gen Per­pe­tua: hohl und leer, un­er­reich­bar für Got­tes Gna­de, in ein fer­nes Reich ge­rich­tet, wo der Irr­sinn re­gier­te. Als Ag­nes wie­der auf­schau­te, wa­ren die Schwes­ter und ihr Hund zwi­schen den Bäu­men ver­schwun­den. Nur noch der Fal­ke kreis­te über dem Wald.

Frei­burg

Be­vor sie gin­gen, zog Eck­stein Schnur und Wachs­pa­pier mit der Si­gna­tur ei­nes Frei­bur­ger Kauf­hau­ses aus der Schub­la­de. „Ist vom ers­ten Haus am Plat­ze“, er­klär­te er lei­se la­chend und be­gann, den Waf­fen­kof­fer dar­in ein­zu­wi­ckeln. „Das wird man auf der Büh­ler­hö­he zu wür­di­gen wis­sen.“Ge­schickt schnür­te er im An­schluss den Bän­del um das Pa­ket, so­gar an ei­nen klei­nen Holz­griff zum Fest­hal­ten hat­te er ge­dacht. „Bit­te schön, gnä­di­ge Frau“, imi­tier­te er beim Über­rei­chen des Päck­chens ei­nen de­vo­ten Ver­käu­fer. „Wir wün­schen Ih­nen viel Spaß da­mit.“

Ro­sa nahm nicht nur das Pa­ket, son­dern auch sei­nen Arm, als Eck­stein sich er­bot, sie zum Bahn­hof zu be­glei­ten.

„Was un­ter­rich­ten Sie?“, frag­te Ro­sa, nach­dem sie das Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de ver­las­sen hat­ten.

„Alt- und Mit­tel­hoch­deutsch. Ich ha­be über Ha­gen von Tron­je pro­mo­viert.“

Ein pas­sen­des The­ma für ei­nen Ju­den, spot­te­te Ro­sa in Ge­dan­ken. Sie er­in­ner­te sich an die Ni­be­lun­gen­sa­ge, die sie im letz­ten Jahr an ih­rer Köl­ner Schu­le im Deutsch­un­ter­richt be­han­delt hat­ten. Der deut­sche My­thos schlecht­hin, auf Ni­be­lun­gen­treue hat­ten die Na­zis ih­re Sol­da­ten ein­ge­schwo­ren.

Eck­stein re­de­te nicht wei­ter über sein Fach­ge­biet. Er er­zähl­te von den Bäch­le, die man in der Alt­stadt an­ge­legt hat­te, und von dem Müns­ter, dem Wahr­zei­chen der Stadt. Wahr­schein­lich woll­te er sie be­ru­hi­gen, aber Ro­sa war nicht nach tou­ris­ti­schen Be­son­der­hei­ten. „War­um sind Sie zu­rück­ge­kehrt?“, woll­te sie wis­sen.

Von Oz wuss­te sie, dass Eck­stein in der Schweiz im Exil ge­we­sen war. Bei der Fa­mi­lie ei­nes Kol­le­gen in ei­nem Berg­dorf un­ter­ge­bracht, hat­te er som­mers als Knecht und win­ters als Dorf­leh­rer über­lebt und nachts Flücht­lin­ge über die fran­zö­si­sche Gren­ze ge­bracht.

„Nu was, Land­luft hab ich im Ju­ra ge­nug für ein gan­zes Le­ben ge­schnup­pert.“„War­um sind Sie nicht nach Is­ra­el?“„Im Ge­lob­ten Land in­ter­es­siert sich kei­ner für Ha­gen von Tron­je, und Hoch­schul­leh­rer gibt’s dort fast mehr als Stu­den­ten.“

Wie kann ein Ju­de in das Land der Schläch­ter zu­rück­keh­ren? Wie kann er ei­nem die Hand ge­ben, an der viel­leicht jü­di­sches Blut klebt? Wie kann er für die mu­si­zie­ren, die sechs Mil­lio­nen sei­ner Brü­der und Schwes­tern um­ge­bracht ha­ben? Abend für Abend hat­te sie Nat­han mit die­sen und ähn­li­chen Fra­gen bom­bar­diert, nach­dem er ihr ge­stan­den hat­te, dass er wie­der nach Deutsch­land ge­hen wol­le. Ge­fetzt und ge­strit­ten hat­ten sie sich und da­bei ih­re Lie­be ram­po­niert. All die Grün­de, die er an­führ­te, wa­ren letzt­end­lich lä­cher­lich, und die für sie ent­schei­den­de Fra­ge be­ant­wor­te­te er nie: Wie­so soll­te man in die­ses mit jü­di­schem Blut ge­tränk­te Land zu­rück­keh­ren, wo die Ju­den jetzt ihr ei­ge­nes Land hat­ten?

„Ich weiß, wie man in Is­ra­el über uns Rück­keh­rer denkt“, sag­te Eck­stein in ihr Schwei­gen hin­ein. „Trotz al­lem, was pas­siert ist: Dies ist mein Land, aus dem man mich ver­trie­ben hat. Jetzt bin ich wie­der da. Deutsch ist mei­ne Spra­che. Ein ju­den­frei­es Deutsch­land wä­re doch ein nach­träg­li­cher …“

Eck­stein ver­stumm­te mit­ten im Satz, auch Ro­sa er­schrak. Was sie hör­te, er­in­ner­te sie an ih­re letz­ten Ta­ge in Deutsch­land, auch in Eck­steins Au­gen blitz­te Angst auf. Das Grol­len mar­schie­ren­der Kno­bel­be­cher hall­te durch die Frei­bur­ger Gas­sen. Von den Wän­den als be­droh­li­ches Echo ge­dop­pelt und zu­rück­ge­wor­fen, wur­de das ver­hass­te Ge­räusch ste­tig lau­ter, stei­ger­te sich zu ei­nem in­fer­na­li­schen Lärm.

Fort­set­zung folgt

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