Sanf­te und fre­che Tö­ne aus ei­ner an­de­ren Welt

Auf dem Mit­tel­al­ter-Weih­nachts­markt in Pforz­heim sind vie­le der Händ­ler al­te Nach­barn

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Clau­dia Kraus

Das „Mit­tel­al­ter“ist ein Dorf, in dem je­der sei­nen Nach­barn kennt. Al­le Jah­re wie­der kom­men sie auf dem Blu­men­hof zu­sam­men, wenn Pforz­heim für ei­ni­ge Wo­chen aus der Neu­zeit her­aus­fällt. Am Stand der Waf­fen­schmie­de wird rus­sisch ge­spro­chen. Ein Händ­ler ist aus Pa­ris an­ge­reist, und ei­nen wei­ten Weg hat auch Mar­tin Ro­sen­berg zu­rück­ge­legt. Der Mann der vie­len Düf­te – „wie sie die Na­tur uns schenkt“– stammt aus Salz­we­del in der Alt­mark. „Bei ihm gibt es den duf­tends­ten Tee, die feins­ten Räu­ch­er­ker­zen und die hei­ßes­ten Ker­zen – fin­den Sie sonst nir­gends“, macht Da­na Keß­ler eu­pho­risch Wer­bung für ih­ren Stand­nach­barn auf dem Mit­tel­al­ter­li­chen Weih­nachts­markt. Sie selbst kommt aus Leip­zig und ver­kauft „die schärfs­ten Mes­ser“.

Da­na Keß­ler, Mar­tin Ro­sen­berg und über­haupt ein Groß­teil der 33 Bu­den­be­schi­cker ken­nen sich noch von NeuUl­mer-Zei­ten, wo es tra­di­tio­nell ei­nen Mit­tel­al­ter­li­chen Weih­nachts­markt gab. „Dann wur­de das ur­sprüng­li­che Ge­län­de be­baut.“Der Platz, den die Stadt ih­nen beim nächs­ten Mal zu­wies, ge­fiel ih­nen nicht. „So hat uns das Le­ben hier­her ge­führt“, er­zäh­len die bei­den grin­send, wäh­rend Ro­sen­berg klei­ne St­ein­chen er­hitzt und dem Be­su­cher un­ter die Na­se hält. „Son­nen­glit­zert­raum“. Die Mi­schung, die es na­tür­lich „nur hier gibt“, ver­gleicht Ro­sen­berg mit „Tau im Gras, wenn die Son­ne drauf fällt“.

„Sü­ße Dra­chenWaf­feln“, schallt es von ir­gend­wo her. Die Stim­me der Waf­fel­bä­cke­rin dringt bis in die hin­ters­ten Win­kel der Bu­den. Un­er­müd­lich preist Aga­ta Tro­fi­mi­ak ih­re Le­cke­rei­en an, die frisch von der Waf­fel-Rut­sche her­un­ter pur­zeln und von de­nen es erst­mals auch ei­ne Schwarz­wäl­der-Kir­schVa­ri­an­te gibt. We­der Käl­te, noch die ewi­gen Wie­der­ho­lun­gen ih­rer Lock­ru­fe schei­nen sie zu brem­sen in ih­rem Spaß, in die Rol­le der Markt­schreie­rin zu schlüp­fen. „Es ist ei­ne an­de­re Welt und ich über­le­ge mir, was die Leu­te brau­chen. Mal bin ich frech, mal sanft“, sagt die ge­bür­ti­ge Po­lin.

Hier riecht es nach Kä­se, dort nach Weih­rauch, und über al­lem wa­bert der Ge­ruch of­fe­nen Feu­ers, der bis in die tiefs­ten Rit­zen der Klei­dung dringt. „Ich emp­fin­de das nicht als Gestank. Das ken­ne ich von zu Hau­se“, er­klärt Clau­dia von der Le­der­schmie­de. Zu­hau­se, das ist die grie­chi­sche Halb­in­sel Pe­lo­pon­nes. Hin und wie­der kommt sie nach Deutsch­land, bis vor ein paar Jah­ren nach Neu-Ulm und jetzt ins mit­tel­al­ter­li­che

Ge­ruchs­wel­ten auf dem Blu­men­hof

Pforz­heim. Dick ein­ge­mum­melt un­ter meh­re­ren Klei­dungs­schich­ten aus Wol­le und Stoff sitzt Clau­dia an ei­nem Holz­tisch und be­ar­bei­tet Le­der­arm­bän­der, Haar­span­gen, Le­der­ta­schen. Am Wo­che­n­en­de hilft ih­re Schwes­ter mit. Dann pun­zie­ren sie ge­mein­sam für ihr Pu­bli­kum. „Die Leu­te sind nett. Es macht Spaß, In­for­ma­tio­nen über das al­te Hand­werk wei­ter zu ge­ben.“

Viel Zeit für Aus­flü­ge in die Neu­zeit hat das mit­tel­al­ter­li­che Völk­chen auf dem Blu­men­hof nicht. Wo­zu auch? Es­sen und Trin­ken gibt es in die­sem Teil der Pforz­hei­mer Weih­nachts­welt reich­lich. Hat ei­ner Hun­ger, passt der Nach­bar auf den Stand auf. „Man hilft sich ge­gen­sei­tig“, sagt Mar­tin Ro­sen­berg. Nur Aga­ta Tro­fi­mi­ak taucht ab und zu aus dem Mit­tel­al­ter auf – um im Em­maJa­e­ger-Bad ab­zu­tau­chen. „Schwim­men mor­gens um 7 vor der Ar­beit, das brau­che ich“, sagt sie. Noch bis 23. De­zem­ber gibt es mit­tel­al­ter­li­che Hand­werks­be­ru­fe und -kunst, Büh­nen­pro­gramm so­wie Ba­de­haus mit Aus­schank.

DIE „DUF­TENDS­TEN“KRÄU­TER gibt es am Stand von Mar­tin Ro­sen­berg, der sei­ner Nach­ba­rin Da­na Keß­ler gera­de ei­nen „Son­nen­glit­zert­raum“un­ter die Na­se hält. Fo­tos: Eh­mann

WAF­FEL­BÄ­CKE­RIN Aga­ta Tro­fi­mi­ak wirbt char­mant für ih­re Le­cke­rei­en.

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