Der Dämp­fer

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - MAR­TIN FERBER

Ei­ne Bun­des­kanz­le­rin de­mon­tiert man nicht. Man ver­passt ihr al­len­falls ei­nen klei­nen Denk­zet­tel mit der Bot­schaft: Bis hier­hin und nicht wei­ter. Dass es an der Ba­sis bro­delt, Wah­l­er­fol­ge in den Län­dern aus­blei­ben und das Ver­hält­nis zur weiß-blau­en Schwes­ter­par­tei schwer ge­trübt ist, blieb für An­ge­la Mer­kel auf dem Par­tei­tag in Es­sen nicht oh­ne Fol­gen. Mit 89,5 Pro­zent, dem zweit­schlech­tes­ten Er­geb­nis ih­rer Amts­zeit, wur­de sie als Par­tei­che­fin be­stä­tigt – ein Dämp­fer, doch oh­ne Fol­gen. Neun Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl hat die CDU die Ope­ra­ti­on Macht­er­halt ein­ge­läu­tet. Noch ein­mal setzt die Uni­on al­les auf An­ge­la Mer­kel, weil in der gro­ßen Volks­par­tei nie­mand in Sicht ist, der sie gleich­wer­tig er­set­zen könn­te; ei­nen wirk­li­chen Kron­prin­zen, ei­ne ech­te Kron­prin­zes­sin gibt es nicht. Ei­ne fa­ta­le Ab­hän­gig­keit, die durch­aus Par­al­le­len zu den vier­ten Amts­zei­ten Ade­nau­ers und Kohls auf­weist. Da­nach war die CDU per­so­nell wie pro­gram­ma­tisch aus­ge­laugt und muss­te sich in schmerz­haf­ten Pro­zes­sen in­halt­lich er­neu­ern.

Für An­ge­la Mer­kel stellt sich die­se Her­aus­for­de­rung schon in den kom­men­den neun Mo­na­ten in ei­nem Wahl­kampf, der un­ter völ­lig an­de­ren Be­din­gun­gen als 2005, 2009 und 2013 statt­fin­det. Die CDU-Che­fin muss sich än­dern, will sie blei­ben, was sie ist. Mit der AfD, die als Ge­gen­be­we­gung zu ih­rer Eu­ro-Ret­tungs­po­li­tik ent­stand und durch ih­re Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik stark wur­de, ist ei­ne Kon­kur­renz im ei­ge­nen bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven La­gern ent­stan­den. Die Ero­si­on der ei­ge­nen Ba­sis hat die

un­ter Mer­kel weit nach links ge­rück­te CDU tief ver­un­si­chert. Auf dem Par­tei­tag in Es­sen ist der Rich­tungs­wech­sel un­über­hör­bar. Die neue CDU will wie­der ganz die Al­te sein. Nicht mehr an ers­ter Stel­le die Par­tei der ge­sell­schaft­li­chen Mo­der­ni­sie­rung und der Öko­lo­gi­sie­rung der Wirt­schaft, son­dern wie­der vor al­lem die Par­tei von Recht und Ord­nung, der har­ten Hand ge­gen Kri­mi­nel­le und des kon­se­quen­ten Vor­ge­hens ge­gen straf­fäl­li­ge Aus­län­der. In ih­rer Re­de ist die Kanz­le­rin und Par­tei­che­fin ih­ren Kri­ti­kern ent­ge­gen­ge­kom­men und hat Feh­ler zu­ge­ge­ben, die sich nicht wie­der­ho­len dür­fen, gleich­zei­tig ha­ben sich die In­nen- und Rechts­po­li­ti­ker mit ih­rer har­ten Li­nie im Leit­an­trag durch­ge­setzt. Ei­ne be­son­de­re Rol­le spielt da­bei Par­tei-Vi­ze Tho­mas Strobl, der neue In­nen­mi­nis­ter der grün­schwar­zen Re­gie­rung in Stutt­gart. Er pro­fi­liert sich als der füh­ren­de Kopf des rech­ten Flü­gels. An­ge­la Mer­kel kann da­mit le­ben. Ih­re Stär­ke war schon im­mer ihr aus­ge­präg­ter Prag­ma­tis­mus und ih­re Ge­schmei­dig­keit, sich an ver­än­der­te Be­din­gun­gen an­zu­pas­sen.

Ih­re Stra­te­gie ist klar: Als Kanz­le­rin mit bald zwölf­jäh­ri­ger Re­gie­rungs­er­fah­rung wird sie sich in ei­ner kom­pli­zier­ten, völ­lig ver­un­si­cher­ten und von Ängs­ten er­schüt­ter­ten Welt als Boll­werk der Sta­bi­li­tät, der Ver­läss­lich­keit und der So­li­di­tät prä­sen­tie­ren, als Ver­tei­di­ge­rin der li­be­ra­len De­mo­kra­tie ge­gen Ver­ein­fa­cher und Het­zer. Fürs Gro­be sind da­ge­gen an­de­re zu­stän­dig. Aber auch das ist nichts Neu­es. Schon Hel­mut Kohl hat­te sei­nen Man­fred Kan­ther und Ger­hard Schrö­der sei­nen Ot­to Schi­ly.

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