Wie teu­er wird der Atom­aus­stieg am En­de?

Wei­te­re Kla­gen der AKW-Be­trei­ber sind noch an­hän­gig / Ener­gie­rie­sen ver­bu­chen Ver­lus­te

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­ren Mit­ar­bei­tern André Stahl und Rolf Schraa

Karls­ru­he/Ber­lin. Wenn En­de nächs­ter Wo­che der Bun­des­tag den Mil­li­ar­denDe­al mit den Atom­kon­zer­nen be­schlie­ßen soll­te, dürf­ten et­li­che Ab­ge­ord­ne­te mit er­heb­li­chen Bauch­schmer­zen ab­stim­men. Denn mit dem an­ste­hen­den Ent­sor­gungs­pakt kön­nen sich die Ener­gie­ver­sor­ger Eon, RWE, EnBW und Vat­ten­fall von der Haf­tung bei der Be­sei­ti­gung ih­rer nu­klea­ren Alt­las­ten frei­kau­fen. Schon das passt nicht je­dem.

Mit dem Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aber müs­sen die Steu­er­zah­ler, die be­reits die schwer vor­her­seh­ba­ren Kos­ten­ri­si­ken für die Atom­müll-La­ge­rung tra­gen sol­len, wohl noch et­was drauf zah­len. Die Ener­gie­rie­sen ha­ben in Karls­ru­he zu­min­dest in Tei­len das Recht auf Ent­schä­di­gun­gen für den be­schleu­nig­ten Atom­aus­stieg nach dem Fu­kus­hi­ma-Schock 2011 durch­ge­setzt. Und wei­te­re Kla­gen der AKW-Be­trei­ber mit Scha­den­er­satz-For­de­run­gen sind noch an­hän­gig. Ko­ali­ti­on und Op­po­si­ti­on po­chen uni­so­no dar­auf, dass die Kon­zer­ne im Ge­gen­zug für den mil­li­ar­den­schwe­ren Ent­sor­gungs­pakt mit dem Staat auch sämt­li­che Kla­gen fal­len las­sen müss­ten. Da­nach sieht es – bis­her zu­min­dest – aber nicht aus. Das bis­he­ri­ge Ge­set­zes­pa­ket sieht das nicht vor. Und die Kon­zer­ne win­ken kühl ab. Mög­li­che Ent­schä­di­gun­gen für 2010/2011 sei­en oh­ne­hin sehr über­schau­bar. Es ge­he si­cher nicht um Mil­li­ar­den­be­trä­ge, sag­te ei­ne RWE-Spre­che­rin. Die Kla­ge ha­be au­ßer­dem mit dem End­la­ger­pro­blem und sei­ner Fi­nan­zie­rung gar nichts zu tun, heißt es in Bran­chen­krei­sen. Die Ener­gie­rie­sen äch­zen an­ge­sichts des ab­ge­stürz­ten Bör­sen­strom­prei­ses und des da­mit ver­bun­de­nen Wert­ver­lus­tes ih­rer Kraft­wer­ke un­ter ge­wal­ti­gen Ab­schrei­bun­gen. Eon ver­bucht Re­kord­ver­lus­te; RWE steht un­ter dem Druck sei­ner vie­len kom­mu­na­len und Klein­ak­tio­nä­re, bald wie­der ei­ne Di­vi­den­de aus­zu­schüt­ten. Für 2015 war sie ge­stri­chen wor­den. Vor die­sem Hin­ter­grund den­ken die Kon­zer­ne gar nicht dar­an, For­de­run­gen fal­len zu las­sen.

Bei dem Atom-De­al ist ge­plant, dass der Staat den Un­ter­neh­men die Ver­ant­wor­tung für die Atom­müll-End­la­ge­rung ab­nimmt. Da­für sol­len die Strom­kon­zer­ne bis zum Jahr 2022 rund 23,55 Mil­li­ar­den Eu­ro bar in ei­nen staat­li­chen Fonds über­wei­sen, der die Zwi­schen- und End­la­ge­rung des Strah­len­mülls ma­na­gen soll. Da­für sol­len die Be­trei­ber zu­min­dest die Kla­gen zu Fra­gen der End- und Zwi­schen­la­ger fal­len las­sen, wo­zu sie auch be­reit sind. Bei die­sen „ent­sor­gungs­spe­zi­fi­schen Kla­gen“geht es dar­um, dass der Bund Gorleben als End­la­ger ge­kippt hat, ob­wohl die In­dus­trie schon Mil­li­ar­den in die Er­kun­dung des Salz­stocks im Wend­land ge­steckt hat. An­hän­gig ist aber un­ter an­de­rem noch die „Mo­ra­to­ri­ums­kla­ge“für die AKW-Ab­schal­tung von März bis Mai 2011. Der schwe­di­sche Staats­kon­zern Vat­ten­fall strei­tet zu­dem vor ei­nem Schieds­ge­richt in den USA um 4,7 Mil­li­ar­den Eu­ro Ent­schä­di­gung von der Bun­des­re­gie­rung. Ge­run­gen wird zu­dem um die Brenn­ele­men­te-Steu­er, die En­de 2016 oh­ne­hin aus­läuft.

Schon bei der An­hö­rung im Wirt­schafts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges in der ver­gan­ge­nen Wo­che wur­de deut­lich, dass der Ge­set­zes­ent­wurf zur Fi­nan­zie­rung der Atom-Fol­ge­kos­ten nach dem Wil­len der Po­li­tik noch nach­ge­bes­sert wer­den soll­te. Im Kern heißt es, wenn die Ener­gie­kon­zer­ne sich frei­kau­fen kön­nen, dann nur, wenn sie auch al­le For­de­run­gen nach Scha­den­er­satz fal­len las­sen. Für Fran­zis­ka Buch vom Um­welt­in­sti­tut Mün­chen steht fest: Soll­ten die Un­ter­neh­men auf ih­ren Scha­den­er­sat­zFor­de­run­gen be­ste­hen, müs­se der Ge­setz­ge­ber die Ein­zah­lung in den öf­fent­lich-recht­li­chen Fonds für die Atom­müll­la­ge­rung ent­spre­chend er­hö­hen.

Um­welt­ex­per­tin for­dert kon­se­quen­tes Han­deln

NACH DEM KARLS­RU­HER UR­TEIL zum Atom­aus­stieg ha­ben AKW-Be­trei­ber das Recht auf ei­ne Ent­schä­di­gung. Muss jetzt auch der um­strit­te­ne Ent­sor­gungs­pakt des Staa­tes mit den Ener­gie­kon­zer­nen ganz neu ver­han­delt wer­den? Je­den­falls wird wohl noch ein­mal kräf­tig ge­po­kert. Fo­to: dpa

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