Ein Satz, der sitzt

CDU-Che­fin Mer­kel schlägt deut­li­che Tö­ne an

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Ru­di Wais ELF MI­NU­TEN BEI­FALL ern­te­te An­ge­la Mer­kel für ih­re Re­de.

Es­sen. Ei­ne mit­rei­ßen­de Red­ne­rin war An­ge­la Mer­kel noch nie. Manch­mal aber ge­nügt schon ein Wort, um ein Pu­bli­kum in Fahrt zu brin­gen – ein Wort wie „Voll­ver­schleie­rung“. 45 Mi­nu­ten lang schleppt sich die Re­de der Vor­sit­zen­den be­reits da­hin, als die zum ers­ten Mal den Nerv die­ses Par­tei­ta­ges trifft. „Bei uns heißt es Ge­sicht zei­gen“, mahnt die Kanz­le­rin et­was en­er­gi­scher als es sonst ih­re Art ist. „Des­we­gen ist die Voll­ver­schleie­rung nicht an­ge­bracht, sie soll­te ver­bo­ten sein.“In Wirk­lich­keit will die CDU mus­li­mi­schen Frau­en das Tra­gen ei­ner Bur­ka zwar nicht ge­ne­rell un­ter­sa­gen, son­dern nur vor Ge­richt, im Stra­ßen­ver­kehr oder bei Po­li­zei­kon­trol­len. Für den Mo­ment aber ge­nügt den 1 000 De­le­gier­ten im Saal schon die Aus­sicht, dass sich über­haupt et­was be­wegt. So mü­de und pflicht­schul­dig sie Mer­kel bis­her ap­plau­diert ha­ben, so sehr fei­ern sie nun für die­sen Satz. Bis­her galt die Kanz­le­rin nicht als An­hän­ge­rin ei­nes sol­chen Ver­bo­tes.

Es­sen, Gru­ga-Hal­le. Di­ens­tag­mit­tag. Neun Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl will die CDU al­les, nur kei­nen neu­en Streit um die Flücht­lings­po­li­tik. „Ich ha­be Euch ei­ni­ges zu­ge­mu­tet, weil uns die Zei­ten ei­ni­ges zu­mu­ten“, hat die Par­tei­che­fin gera­de ein­ge­räumt. „Das weiß ich sehr wohl.“Die Aus­spra­che nach ih­rer Re­de al­ler­dings do­mi­nie­ren dann die ver­söhn­li­chen Tö­ne, ob­wohl sie selbst sagt, sie kön­ne nicht ver­spre­chen, dass die Zu­mu­tun­gen jetzt we­ni­ger wür­den. Paul Zie­mi­ak et­wa, der sonst so kri­ti­sche Vor­sit­zen­de der Jun­gen Uni­on, schwärmt von der neu­en Ge­schlos­sen­heit in der CDU. Die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Ab­ge­ord­ne­te Anet­te Wid­man­nMautz, seit lan­gem ei­ne be­ken­nen­de Mer­kel-Ver­eh­re­rin, rühmt die Auf­rich­tig­keit und die Un­ei­tel­keit der Bun­des­kanz­le­rin und der hes­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier die Kul­tur des Re­spekts, die die CDU von den Kra­wall­ma­chern und den Po­pu­lis­ten im Lan­de un­ter­schei­de.

Die we­ni­gen Red­ne­rin­nen und Red­ner, die Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik für ei­ne gan­ze Se­rie ver­lo­re­ner Land­tags­wah­len ver­ant­wort­lich ma­chen oder ih­re Ent­schei­dung kri­ti­sie­ren, kei­nen ei­ge­nen Kan­di­da­ten für die Wahl des neu­en Bun­des­prä­si­den­ten ins Ren­nen ge­schickt zu ha­ben, spre­chen vor ei­nem na­he­zu lee­ren Saal: Der Par­tei­tag hat sich in wei­ten Tei­len in die Mit­tags­pau­se ver­ab­schie­det. So ver­hallt auch der Vor­wurf der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen De­le­gier­ten Chris­ti­ne Arlt-Pal­mer im Nichts, die CDU ha­be es zu­ge­las­sen, „dass sich am rech­ten Rand die AfD ge­bil­det hat“. Die­ses Ter­rain, fürch­tet sie, „wer­den wir nicht zu­rück ge­win­nen“. Ein an­de­rer De­le­gier­ter, eben­falls aus dem Süd­wes­ten, se­kun­diert ihr: „Links ge­win­nen wir we­ni­ge Wäh­ler, rechts ver­lie­ren wir vie­le.“Ei­ne Pa­last­re­vol­te aber sieht an­ders aus. Mit hand­ge­stopp­ten elf Mi­nu­ten Bei­fall ha­ben die Mit­glie­der ih­re Par­tei­vor­sit­zen­de zu­vor für ei­ne knapp 80-mi­nü­ti­ge Re­de ge­fei­ert, in der sie von der Ren­te über die Pfle­ge und die ge­plan­ten Steu­er­sen­kun­gen bis zur Di­gi­ta­li­sie­rung prak­tisch nichts aus­ge­las­sen hat, was die deut­sche Po­li­tik im Wahl­jahr 2017 so al­les be­schäf­tig­ten wird, die neue Kon­kur­renz von der AfD aber nicht ein­mal er­wähnt. Elf Mi­nu­ten Ap­plaus – das ist ein si­che­res In­diz da­für, dass ihr Er­geb­nis bei der Neu­wahl der Par­tei­spit­ze spä­ter ir­gend­wo im Be­reich der 90 Pro­zent lie­gen wird, wenn nicht gar dar­über. Am En­de sind es dann zwar „nur“89,5 Pro­zent, das zweit­schlech­tes­te Er­geb­nis ih­rer bis­he­ri­gen Amts­zeit, nach ei­nem tur­bu­len­ten Jahr für die CDU aber ein Dämp­fer, den Mer­kel ver­schmer­zen kann. „Ich freue mich über

„Voll­ver­schleie­rung soll­te ver­bo­ten sein“

das Er­geb­nis“, sagt sie de­mons­tra­tiv. Mehr als 16 Jah­re CDU-Che­fin, elf Jah­re Kanz­le­rin: „Man kann es“, staunt sie, „kaum glau­ben“.

Auf ih­re Flücht­lings­po­li­tik lässt die Kanz­le­rin auch in Es­sen nichts kom­men. Es ha­be sich um ei­ne „be­son­de­ren hu­ma­ni­tä­ren Not­la­ge“ge­han­delt, ver­tei­digt sie sich. „Nie­mand ver­lässt leicht­fer­tig sein Land.“Gleich­zei­tig aber be­teu­ert sie auch: „Nicht al­le, die ge­kom­men sind, kön­nen und wer­den blei­ben.“Zu­stän­de wie im Spät­som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res könn­ten und dürf­ten sich nicht wie­der­ho­len. Na­tür­lich weiß auch die Vor­sit­zen­de der CDU, wie tief die Skep­sis in der Par­tei ist, wie groß die Sor­ge vie­ler Men­schen ist, ir­gend­wann fremd im ei­ge­nen Land zu sein. Und des­halb, so scheint es zu­min­dest, passt sie ih­re Ton­la­ge auch et­was den Er­war­tun­gen an. Die Schlep­per im Mit­tel­meer? „Skru­pel­lo­se Ver­bre­cher.“Das um­strit­te­ne Rück­nah­me­ab­kom­men mit der Tür­kei? „Ret­tet Le­ben.“Und über­haupt: „Es gibt kein Zu­rück in die Welt vor der Glo­ba­li­sie­rung.“Für ei­ne Frau, die sich sonst ger­ne in ih­ren Schach­tel­sät­zen ver­liert, for­mu­liert Mer­kel dies­mal er­staun­lich pla­ka­tiv. „Wer das Volk ist“, sagt sie ein­mal an die Adres­se ih­rer Kri­ti­ker, na­ment­lich die in den Tie­fen des In­ter­nets, „be­stim­men wir al­le, nicht ein paar we­ni­ge, und mö­gen sie auch noch so laut sein“.

Rück­blen­de. Eben­falls Es­sen, eben­falls die Gru­ga-Hal­le, der 10. April 2000. Der CDU ste­cken noch die Wahl­nie­der­la­ge 1998 und der Spen­den­skan­dal in den Kno­chen als die da­ma­li­ge Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin An­ge­la Mer­kel ans Red­ner­pult tritt. Mit küh­ler Prä­zi­si­on hat sie mit ih­rem ehe­ma­li­gen Men­tor Hel­mut Kohl ge­bro­chen, dass sein Nach­fol­ger Wolf­gang Schäu­b­le eben­falls noch über ei­ne Par­tei­spen­de stol­pert, ist zwar ein glück­li­cher Zu­fall, aber er macht den Weg frei für den Auf­stieg von Kohls eins­ti­gem „Mäd­chen“zur viel­leicht mäch­tigs­ten Frau der Welt. Mit 95,9 Pro­zent wählt die CDU die Pfar­rers­toch­ter aus der Ucker­mark in Es­sen zur neu­en Vor­sit­zen­den, ein Er­geb­nis, das Vor­schuss und Hy­po­thek zu­gleich für sie ist. Ein Er­geb­nis aber auch, das die Sehn­sucht in der Uni­on nach ei­nem Neu­an­fang aus­drückt wie kei­ne Wahl seit­dem. „Es kann doch nicht sein“, sagt Mer­kel da­mals, ein knap­pes Jahr vor der Ein­füh­rung des Eu­ro, „dass in ei­nem Eu­ro­pa der glei­chen Wäh­rung und der glei­chen Wirt­schafts­be­din­gun­gen die Be­las­tun­gen durch Asyl­be­wer­ber und Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge völ­lig un­ter­schied­lich ver­teilt sind“. Ei­ne Po­li­tik nach Lust und Lau­ne, fügt sie dann noch hin­zu, die mal Zu­wan­de­rung be­trei­be und mal be­kla­ge, dass zu vie­le Men­schen kä­men – „ei­ne sol­che Po­li­tik wer­den wir nicht dul­den“.

Nun al­ler­dings wer­fen ih­re Geg­ner ihr ge­nau das vor: dass zu vie­le Men­schen kom­men, dass ihr die Din­ge ent­glit­ten sind und dem Staat die Kon­trol­le, dass sie ih­re Par­tei so weit nach links ge­führt hat, dass der grü­ne Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann sie in­zwi­schen in sei­ne Nacht­ge­be­te ein­schließt. Mer­kel selbst da­ge­gen sieht vor al­lem Eu­ro­pa in der Pflicht. Die So­li­da­ri­tät der an­de­ren EU-Län­der bei der Auf­nah­me und dem Ver­tei­len von Flücht­lin­gen, warnt sie in ih­rer Re­de, „lässt mehr als zu wün­schen üb­rig“. Auf Initia­ti­ve des ba­den-würt­tem­ber­gi­schen In­nen­mi­nis­ters Tho­mas Strobl, im Zweit­be­ruf stell­ver­tre­ten­der CDU-Vor­sit­zen­der, ver­schärft die Par­tei in Es­sen die Dik­ti­on ih­res Leit­an­tra­ges, ei­ner Art Blau­pau­se für das Wahl­pro­gramm. Strobl hat un­ter an­de­rem vor­ge­schla­gen, die Ab­schie­be­haft für ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber aus­zu­wei­ten und ih­nen die So­zi­al­leis­tun­gen zu kür­zen. Es ist der Ver­such, der Ba­sis mit ei­ner Po­li­tik der neu­en Kom­pro­miss­lo­sig­keit et­was von ih­ren Zwei­feln zu neh­men. Stro­bls Wah­l­er­geb­nis von knapp 74 Pro­zent fällt trotz­dem et­was schlech­ter aus als vor zwei Jah­ren.

„Nie­mand ver­lässt leicht­fer­tig sein Land“

AL­LES BLICKT AUF DIE CDU-CHE­FIN: Beim Par­tei­tag in Es­sen räumt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in ih­rer Re­de Feh­ler ein, be­rei­tet die Uni­on auf ei­nen har­ten Wahl­kampf vor und bit­tet die Ba­sis um Un­ter­stüt­zung. Fo­tos: dpa

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