„Ziel­ge­rich­te­te Be­we­gung fehlt“

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Knapp zu­sam­men­ge­fasst: Wel­che Hin­wei­se gibt „Pi­sa 2015“der deut­schen Bil­dungs­po­li­tik?

Schlei­cher: Ich will die Er­fol­ge der ver­gan­ge­nen Jah­re nicht klein­re­den, aber das Land muss sei­nen Re­form­stau über­win­den. Die Auf­wärts­dy­na­mik ist zum Er­lie­gen ge­kom­men, die zwei­te Ra­ke­ten­stu­fe hat in Deutsch­land nicht ge­zün­det. Hier­zu­lan­de wur­den die Struk­tu­ren für Bil­dung ver­bes­sert, aber in den Schu­len sieht es oft noch ge­nau­so aus wie 2006.

Was ist pas­siert? Oder bes­ser: Was ist nicht pas­siert?

Schlei­cher: Die Un­ter­stüt­zungs­sys­te­me, auch die Po­si­ti­on des Leh­rers als Ein­zel­kämp­fer im Klas­sen­zim­mer, die Krea­ti­vi­tät im Un­ter­richt – all das blieb un­ver­än­dert, weil das Bil­dungs­sys­tem wei­ter­hin sehr alt­mo­disch ist. Das Er­geb­nis: Wo Deutsch­land sich ein­bil­det, gut zu sein, sind gro­ße Lü- cken. Fach- und Pauk­wis­sen ver­liert an Be­deu­tung – Goog­le weiß schon al­les. Die Welt be­lohnt uns da­für, was wir mit dem Fach­wis­sen am En­de an­stel­len.

Was hat Deutsch­land bei sei­nen Re­for­men falsch ge­macht?

Schlei­cher: Es gibt hier ei­ne stän­di­ge Be­we­gung im Sys­tem, die aber nicht ziel­ge­rich­tet ist. Und die Be­tei­li­gung von Prak­ti­kern wie Leh­rern und Schul­lei­tern am De­sign von Re­for­men ist zu ge­ring. Ein sol­cher Dia­log ist je­doch für die Um­set­zung ganz ent­schei­dend. Mit 4,2 Pro­zent vom Brut­to­in­lands­pro­dukt gibt Deutsch­land auch nicht wirk­lich viel für Bil­dung aus – bei den Re­pa­ra­tur­aus­ga­ben dann wie­der ei­ne Men­ge. Oft wur­de in klei­ne­re Klas­sen in­ves­tiert statt in bes­se­re Leh­rer. Ja, Deutsch­land ist lei­der ein Bei­spiel da­für, wie mehr Geld für Bil­dung ei­gent­lich eher we­nig bringt. Das Gieß­kan­nen­prin­zip war in­ef­fi­zi­ent.

Wie steht Deutsch­land bei der so­zia­len Durch­läs­sig­keit sei­nes Bil­dungs­sys­tems nach 15 Jah­ren Pi­sa da?

Schlei­cher: Im­mer noch nicht wirk­lich gut. Bei der Kluft zwi­schen so­zia­ler Her­kunft und Bil­dungs­chan­cen liegt Deutsch­land jetzt im OECD-Mit­tel­feld. Vor 15 Jah­ren wa­ren die­se Dis­pa­ri­tä­ten mit die größ­ten un­ter den OECD-Staa­ten. Am un­te­ren En­de des Leis­tungs­spek­trums hat sich et­was ver­än­dert, das auch nach­hal­tig ist. Frü­he­re und in­di­vi­du­el­le­re För­de­rung, Ganz­tags­schu­le, ver­bind­li­che Bil­dungs­stan­dards – das war wirk­lich wich­tig. Die ent­spre­chen­de Va­ri­anz, der Zu­sam­men­hang von So­zi­al­sta­tus und Bil­dungs­er­folg, ist et­was ge­sun­ken. Text/Fo­to: dpa

Andre­as Schlei­cher, Pi­sa-Chef bei der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung, über Er­kennt­nis­se aus dem Ver­gleichs­test.

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