Ei­ne Bran­che dreht auf

Ver­pa­cken, sor­tie­ren, auf­la­den und ab geht die Post: In der Vor­weih­nachts­zeit brummt das Ge­schäft

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von Pe­ter Less­mann und Su­san­ne Kup­ke

Pforz­heim. Mo­der­ne Weih­nachts­wich­tel ar­bei­ten nicht in Lap­p­land, son­dern auch schon mal hin­ter grau­en Fas­sa­den na­he der Au­to­bahn. Statt ro­ten Zip­fel­müt­zen tra­gen sie oran­ge­far­be­ne Warn­wes­ten. Doch sie tun noch im­mer das­sel­be: den gan­zen Tag pa­cken. Im Buch­busch am Ran­de von Pforz­heim herrscht in die­sen Wo­chen Hoch­be­trieb. Dort steht ei­nes von neun Lo­gis­tik­zen­tren des Ver­sand­händ­lers Ama­zon in Deutsch­land. Kurz vor dem Fest läuft es be­son­ders gut. Rund 13 000 Aus­hilfs­kräf­te hat der On­li­neRie­se bun­des­weit ein­ge­stellt, um die Be­stel­lun­gen in den letz­ten Wo­chen des Jah­res ab­zu­ar­bei­ten und Pa­ke­te an die Kun­den aus­zu­lie­fern.

An die­ser Stel­le kom­men je­ne Män­ner und Frau­en ins Spiel, die es in die­sen Ta­gen be­son­ders ei­lig ha­ben. Für meh­re­re Zehn­tau­send Pa­ket­bo­ten in gel­ben, ro­ten oder blau­en Ja­cken heißt es: Är­mel hoch­krem­peln, schlep­pen, klin­geln, ab­le­gen. Es ist ein gro­ßes Rä­der­werk – das Zu­sam­men­spiel von On­line­han­del und Pa­ket­lo­gis­tik – und es muss wie ge­schmiert lau­fen. Die bei­den Be­rei­che boo­men. Von Jahr zu Jahr wird die Pa­ket­flut

Von Jahr zu Jahr wird die Pa­ket­flut grö­ßer

grö­ßer. Im­mer mehr Ver­brau­cher be­stel­len be­quem vom So­fa Wa­ren per Maus­klick im In­ter­net. Nach Zah­len des Han­dels­ver­ban­des Deutsch­land (HDE) legt der elek­tro­ni­sche Han­del je­des Jahr zu. Von den 91 Mil­li­ar­den Eu­ro, die der ge­sam­te Han­del im No­vem­ber und De­zem­ber 2016 vor­aus­sicht­lich ins­ge­samt um­set­zen wird, dürf­ten laut HDE über zwölf Mil­li­ar­den Eu­ro in die Kas­sen der On­line-Händ­ler flie­ßen. Ten­denz wei­ter stei­gend.

Die ro­si­gen Aus­sich­ten be­flü­geln die Fan­ta­si­en der Lo­gis­ti­ker. Bis 2025 könn­te der An­teil des In­ter­net­han­dels am ge­sam­ten Han­del nach Zu­kunfts­sze­na­ri­en der Post von acht Pro­zent auf 40 Pro­zent in ent­wi­ckel­ten Volks­wirt­schaf­ten stei­gen. „Die Lo­gis­tik wird in Zu­kunft für den On­line­han­del noch sehr viel stär­ker als heu­te die Rol­le des Enablers über­neh­men“, sagt Post­vor­stand Jür­gen Ger­des. Was er meint: Die Pa­ket­lo­gis­tik be­rei­tet dem On­line­han­del den Bo­den.

Beim Bran­chen­pri­mus Deut­sche Post DHL ist das Pa­ket­ge­schäft in­zwi­schen ei­ne Er­trags­säu­le des Kon­zerns. Ein dich­tes Zu­stel­ler­netz ha­ben die Bon­ner nicht nur im In­land ge­knüpft, son­dern auch in Eu­ro­pa. An den Ta­gen kurz vor Hei­lig­abend rech­net das Un­ter­neh­men in Deutsch­land mit mehr als acht Mil­lio­nen zu­ge­stell­ter Pa­ke­te täg­lich. Ins­ge­samt sol­len die Pa­ket­men­gen im Weih­nachts­ge­schäft in die­sem Jahr um zehn Pro­zent wach­sen.

„Das wird wie­der ein hei­ßes Weih­nachts­ge­schäft“, pro­phe­zeit In­go Ber­tram vom Pa­ket­dienst­leis­ter Her­mes. Das zur Ot­to-Grup­pe ge­hö­ren­de Un­ter­neh­men aus Ham­burg, ei­nes der größ­ten in der Bran­che, er­war­tet für das Weih­nachts­ge­schäft beim Pa­ket­vo­lu­men ein Plus von 20 Pro­zent. Das heißt, Her­mes hält über 42 Mil­lio­nen Sen­dun­gen al­lein im De­zem­ber und mehr als zwei Mil­lio­nen Pa­ke­te an Spit­zen­ta­gen für mög­lich.

Nach An­ga­ben des Bran­chen­ver­bands Pa­ket und Ex­press­lo­gis­tik ha­ben die Un­ter­neh­men in die­sem Jahr rund 25 000 Aus­hilfs­kräf­te en­ga­giert, um das wach­sen­de Sen­dungs­vo­lu­men zu be­wäl­ti­gen. Der­weil ist Ama­zon mit ers­ten Pack­statio­nen in die Do­mä­ne der Pa­ket­dienst­leis­ter ein­ge­bro­chen. So kön­nen Kun­den un­ter an­de­rem in Mün­chen und Ber­lin di­rekt in ei­nem Ama­zon-Schließ­fach ih­re Pa­ke­te ab­ho­len. Aber DHL, Her­mes & Co las­sen sich die But­ter nicht vom Brot neh­men. Al­le sind bun­des­weit ak­tiv und ar­bei­ten an der Op­ti­mie­rung ih­rer Zu­stel­lun­gen. Schnel­ler, zu­ver­läs­si­ger und si­che­rer lau­tet das Ziel. Von der Haus­tür bis zum Pa­ket­kas­ten, von der Pack­stati­on bis zum Pa­ket­but­ler, vom Ar­beits­platz bis zum Nach­barn als Zu­stell­ort. Der neu­es­te Clou: An­lie­fe­rung in den Kof­fer­raum, per Ro­bo­ter oder mit selbst­fah­ren­den Fahr­zeu­gen, die schon heu­te in der La­ger­lo­gis­tik ein­ge­setzt wer­den.

Bei Ama­zon in Pforz­heim sind die fünf­stö­cki­gen Re­ga­le im Wa­ren­ein­gang bis zum An­schlag ge­füllt. Ei­ne aus­ge­klü­gel­te Lo­gis­tik bringt die Wa­ren zum Pack­tisch: Flach­bild­schir­me, Bil­der­rah­men, Spiel­zeug­schif­fe, Gi­tar­ren, Schlit­ten, Kin­der­wa­gen, Pfan­nen und je­de Men­ge Tep­pi­che – ein kun­ter­bun­ter Ga­ben­tisch. Man­ches geht in Ori­gi­nal­ver­pa­ckung auf die Rei­se, an­de­res wird weih­nacht­lich ein­ge­wi­ckelt. Über ver­schie­de­ne Wa­ren­bän­der ge­lan­gen die Pa­ke­te schließ­lich bis zu den To­ren, wo Fahr­zeu­ge der Pa­ket­dienst­leis­ter von DHL, Her­mes oder DPD schon war­ten.

Fo­to: Deck

SPIEGLEIN, Spieglein an der Wand, wer be­ar­bei­tet die meis­ten Pa­ke­te im Land? Nicht nur bei Ama­zon – hier das Lo­gis­tik­zen­trum Pforz­heim – geht die Post ab. Oh­ne die Zu­stel­ler wä­ren die On­line­händ­ler auf­ge­schmis­sen.

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