Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

Als Ro­sa und Eck­stein sich um­dreh­ten, sa­hen sie ei­nen Trupp Uni­for­mier­ter di­rekt auf sich zu­kom­men. Die schwar­zen Tscha­kos in die Stirn ge­zo­gen, die Au­gen starr ge­ra­de­aus ge­rich­tet, die Schlag­stö­cke in der Hand, zum Zu­schla­gen be­reit.

Eck­stein hat­te sich als Ers­ter wie­der un­ter Kon­trol­le. „Der Veit-Har­lanFilm, die De­mons­tra­ti­on. Viel­leicht schaf­fen wir es noch, vor ih­nen zum Ki­no zu kom­men, um die Leu­te dort zu war­nen. Kom­men Sie, ich ken­ne ei­ne Ab­kür­zung.“Er nahm Ro­sas Hand und zerr­te sie in ei­ner für ei­nen al­ten Mann aben­teu­er­li­chen Ge­schwin­dig­keit von den Schutz­män­nern weg und durch ein Ge­wirr von Gas­sen hin zum Thea­ter­platz, wo sie schon von wei­tem über dem Ki­no das rie­si­ge Pla­kat ei­nes Frau­en­por­träts sah: Blond­haar, lei­den­der Blick, ein Kett­chen mit präch­ti­gem Gold­kreuz um den Hals. „Kris­ti­na Sö­der­baum ist Han­na Amon“, las Ro­sa.

Vor dem Ki­no er­blick­te sie ei­ne klei­ne Grup­pe De­mons­tran­ten, Stu­den­ten, die sie be­reits im Flur des Uni­ver­si­täts­ge­bäu­des ge­se­hen hat­te, und noch an­de­re jun­ge Leu­te. Sie hiel­ten Pla­ka­te hoch, auf de­nen stand: „Kei­ne Fil­me von Na­zis!“, „Har­lan hat Jud Süß und Kol­berg ge­dreht!“oder: „(Reichs)Was­ser­lei­chen hat­ten wir ge­nug!“

Die De­mons­tran­ten stan­den dicht bei­ein­an­der, ei­ne An­samm­lung von Leu­ten hat­te sie ein­ge­keilt, Haus­frau­en mit Ein­kaufs­ta­schen, äl­te­re Her­ren, Kriegs­ver­sehr­te. Die Meu­te feu­er­te wü­ten­de Sät­ze auf die De­mons­trie­ren­den ab. „Bet­tel­stu­den­ten“, schrie ei­ne fet­te Frau. „So was hat es bei Hit­ler nicht ge­ge­ben“, ein Ein­ar­mi­ger. „Ihr kriecht den Ju­den in den Arsch“, ein wü­ten­der Greis. Krei­schen und Kei­fen, Ap­pel­le zum Ru­he­be­wah­ren gin­gen im Lärm un­ter. Hass und Kamp­fes­lust la­gen in der Luft. Wer griff an? Wer ver­tei­dig­te sich? Ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der. Hör­te au­ßer Ro­sa kei­ner die na­hen­den Schlag­stö­cke?

„Gen­dar­men sind auf dem Weg hier­her“, rief Eck­stein, aber kei­ner hör­te ihm zu. „Sie müs­sen gleich hier sein.“

„Geht erst mal ar­bei­ten“, rief ei­ne Stim­me, die Ro­sa nicht zu­ord­nen konn­te.

„Veit Har­lan ist ein Na­zi, auch wenn ihn die Spruch­kam­mer ent­na­zi­fi­ziert hat“, kam es re­tour.

Die­se Stim­me kann­te Ro­sa, die­se Stim­me hät­te sie zwi­schen tau­send Stim­men im­mer und über­all her­aus­ge­hört.

„Nat­han“, schrie sie in die wo­gen­de Men­ge hin­ein und ge­gen die Uni­for­mier­ten an, die nach ih­rer An­kunft auf ein kur­zes Kom­man­do hin die Men­ge um­kreis­ten und dann wahl­los auf die Men­schen ein­d­ro­schen.

„Das ist ei­ne fried­li­che De­mons­tra­ti­on“, rief ei­ner, nur um kurz dar­auf un­ter Schlä­gen zu Bo­den zu ge­hen.

„Nat­han“, schrie Ro­sa wie­der, und plötz­lich dreh­te sich ein Kopf zu ihr um. Für ei­ne Se­kun­de sah Ro­sa hin­ter ei­ner Horn­bril­le Nat­hans blaue Au­gen, dann scho­ben sich schwar­ze Tscha­kos in ihr Blick­feld. Sie stürz­te vor, mit­ten ins Ge­tüm­mel, ein Schlag­stock traf sie am Kopf, sie schlug mit ih­rem „Pa­ket“zu­rück, lief tau­melnd wei­ter, stol­per­te über ein blut­über­ström­tes Mäd­chen. „Frau Sil­ber­mann“, hör­te sie Eck­stein ru­fen. Sie sprang in die Hö­he, ver­such­te un­ter all den Köp­fen Nat­han aus­zu­ma­chen, fand ihn nicht zwi­schen den Po­li­zei­hel­men. Je­mand box­te sie in die Sei­te, ein an­de­rer riss ihr das Tuch vom Kopf.

Jetzt misch­te sich der Him­mel ins Ge­sche­hen ein, ein kräf­ti­ger Re­gen­schau­er pras­sel­te auf die er­hitz­te Men­ge, oh­ne sie zu be­ru­hi­gen. Ei­ne krei­schen­de Haus­frau schlug mit ih­rem Ein­kaufs­netz um sich, Kar­tof­feln kul­ler­ten zu Bo­den. Vor sich zwei schluch­zen­de Mäd­chen, ne­ben sich den Ein­ar­mi­gen, der mit sei­nem Stock auf ei­nen strau­cheln­den Jun­gen ein­schlug, such­te Ro­sa fieb­rig nach Nat­han, ihr Pa­ket jetzt wie ei­nen Schutz­schild nut­zend. Kar­tof­feln flo­gen nun durch die Luft, wur­den als Wurf­ge­schos­se ge­gen wen auch im­mer be­nutzt. Dann, erst aus der Fer­ne, aber schnell nä­her kom­mend, das grel­le Bim­meln der grü­nen Min­na, das die Men­ge für ei­nen Mo­ment er­star­ren ließ. Wer im­mer sich in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft ei­nes Schutz­man­nes be­fand, wur­de ge­packt und in Rich­tung des Wa­gens ge­schleppt.

„Weg hier!“Si­mon Eck­stein griff mit ei­ser­ner Hand nach ihr und zog sie aus dem Ge­tüm­mel in ei­ne der klei­nen Gas­sen. Er ließ sie nicht los, zerr­te sie schnel­len Schritts durch den Re­gen, schlug Ha­ken wie ein flie­hen­der Ha­se, bog mal nach rechts, mal nach links ab, durch Tor­ein­fahr­ten und Hin­ter­hö­fe hin­durch, im­mer mit ängst­li­chem Blick zu­rück, aber es folg­te ih­nen nie­mand. Erst un­ter den Rat­haus­ar­ka­den hielt er keu­chend an. Er hat­te sei­nen Hut ver­lo­ren, das wei­ße Haar stand in wil­dem Durch­ein­an­der vom Kopf ab. Ro­sa sah, dass er ei­ne Platz­wun­de am Kopf hat­te, und stell­te zu ih­rem Er­stau­nen fest, dass sie die Hand­ta­sche und das Pa­ket mit dem Waf­fen­kof­fer noch in Hän­den hielt. Das Ein­wi­ckel­pa­pier war nur ein we­nig nass und wie durch ein Wun­der kaum be­schä­digt.

„Hat Sie der Teu­fel ge­rit­ten? Wol­len Sie die nächs­te Zeit in ei­ner Zel­le ver­brin­gen? Sie tra­gen ei­ne Waf­fe bei sich und müs­sen zu­rück auf die Büh­ler­hö­he“, keuch­te Eck­stein.

„Sie brin­gen die De­mons­tran­ten ins Ge­fäng­nis?“

Ro­sa nahm ein Ta­schen­tuch aus ih­rer Hand­ta­sche, be­träu­fel­te es mit Köl­nisch Was­ser, deu­te­te auf Eck­steins Wun­de und reich­te ihm das Tuch. Wenn sie das nächs­te Mal mit Ra­chel sprach, muss­te sie ihr sa­gen, wie recht sie mit dem Köl­nisch Was­ser hat­te. Es kam nun schon zum zwei­ten Mal zum Ein­satz. Wie ver­wirrt war sie, dass sie jetzt an Köl­nisch Was­ser dach­te? Sie be­tas­te­te ih­ren Kopf, der weht­at, fühl­te auf der rech­ten Hälf­te ei­ne Beu­le.

„Ja, aber nicht für lang.“Eck­stein press­te das Tuch auf die Wun­de. „Auch wenn es gera­de nicht so aus­sah, wir le­ben tat­säch­lich in ei­ner De­mo­kra­tie, mit dem Recht zu de­mons­trie­ren. Kol­le­gen von der ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät ha­ben für ei­nen sol­chen Fall ih­re Hil­fe zu­ge­sagt. Sie wer­den die In­haf­tier­ten schnell wie­der frei­be­kom­men.“Eck­stein fal­te­te das Tuch fein säu­ber­lich und gab es ihr zu­rück. „Wen ha­ben Sie er­kannt?“, wech­sel­te er das The­ma, und sei­ne Stim­me be­kam ei­nen schar­fen Klang. „Wer ist Nat­han?“

Ro­sa fror. Der dün­ne Man­tel war rui­niert und hielt die Näs­se nicht ab. Ei­ne Gür­tel­schlei­fe ab­ge­ris­sen, ei­ne Sei­te mit Dreck­was­ser be­spritzt. Die Sei­den­strümp­fe zer­ris­sen, die Schu­he hin­über. An ih­re Fri­sur wag­te sie gar nicht zu den­ken.

„So kann ich auf kei­nen Fall auf die Büh­ler­hö­he zu­rück.“

„Frau Sil­ber­mann?“Eck­steins Stim­me jetzt scharf wie ein Ra­sier­mes­ser.

„Nat­han Na­gel­stein, ein Mu­si­ker, kommt ur­sprüng­lich aus Ba­den-Ba­den. Hat acht Jah­re bei uns in Oma­rim ge­lebt. Ist dann nach Deutsch­land zu­rück­ge­kehrt.“Ro­sa müh­te sich um ei­nen be­lang­lo­sen Ton, merk­te, wie er ihr miss­lang.

Eck­stein nick­te. Aus der frisch ge­wa­sche­nen Wun­de rann ein we­nig Blut und tropf­te ihm in den Hemd­kra­gen.

„Mög­li­cher­wei­se ist ihm wie uns die Flucht ge­lun­gen. Und falls er un­ter den Fest­ge­nom­me­nen ist, kommt er frei wie al­le an­de­ren auch.“Eck­stein mach­te ei­nen Schritt auf sie zu und sah sie lan­ge und durch­drin­gend an. „Frau Sil­ber­mann“, be­schwor er sie in schar­fem Ton. „Sie ha­ben ei­nen Auf­trag. Und nie­mand darf Sie da­von ab­hal­ten. Nie­mand! Ist das klar?“

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