Über Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­ti­ken lässt sich treff­lich strei­ten

Wie auf­fäl­lig sind Zu­wan­de­rer bei Se­xu­al­straf­ta­ten? Da sind vor al­lem die Be­zugs­grö­ßen ent­schei­dend – und die In­ter­pre­ta­tio­nen

Pforzheimer Kurier - - DER FALL FREIBURG - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied El­vi­ra Wei­sen­bur­ger

Ist das Frei­bur­ger Se­xu­al­ver­bre­chen an der Stu­den­tin Ma­ria L. ein schreck­li­cher Ein­zel­fall – oder muss ihn die deut­sche Öf­fent­lich­keit im Zu­sam­men­hang mit der Flücht­lings­kri­se dis­ku­tie­ren? Ist mit der Zu­wan­de­rung Hun­dert­tau­sen­der männ­li­cher Flücht­lin­ge aus we­nig eman­zi­pa­to­ri­schen Ge­sell­schaf­ten die Ge­fahr von se­xu­el­len Über­grif­fen si­gni­fi­kant ge­stie­gen? Dar­über ge­hen die Mei­nun­gen im Land ex­trem weit aus­ein­an­der. Emo­tio­nen ko­chen hoch und Ner­ven lie­gen blank, seit ein 17-jäh­ri­ger Af­gha­ne un­ter drin­gen­dem Tat­ver­dacht ver­haf­tet wur­de. Um die Ge­füh­le ab­zu­küh­len, zi­tie­ren Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer ger­ne Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­ti­ken. Doch hier kommt es vor al­lem dar­auf an: Wel­che Zah­len pickt man sich her­aus?

Zu Be­ginn der gro­ßen Flücht­lings­strö­me war die Zahl der an­ge­zeig­ten Se­xu­al­straf­ta­ten ge­sun­ken: Im Ge­biet des Po­li­zei­prä­si­di­ums Karls­ru­he wur­den 2015 ins­ge­samt 516 Fäl­le ak­ten­kun­dig – das be­deu­te­te ein Mi­nus von 5,5 Pro­zent zum Vor­jahr. In 76 Fäl­len han­del­te es sich um Ver­ge­wal­ti­gun­gen/se­xu­el­le Nö­ti­gun­gen (Vor­jahr: 89). Er­fasst wur­den bei den Se­xu­al­de­lik­ten un­ter an­derm auch die Ver­brei­tung por­no­gra­fi­scher Schrif­ten (106), Ex­hi­bi­tio­nis­mus (110) und Kin­des­miss­brauch (139). Von ins­ge­samt 371 ge­fass­ten Tat­ver­däch­ti­gen wa­ren da­mals 95 Aus­län­der – ein An­teil von 25,6 Pro­zent.

Ver­ge­wal­ti­gun­gen und se­xu­el­le Über­grif­fe wa­ren in Deutsch­land und der Re­gi­on be­reits 2014 rück­läu­fig. Für das zu En­de ge­hen­de Jahr 2016 rech­net die Po­li­zei nun al­ler­dings mit ei­ner Kehrt­wen­de: „Wir ha­ben ei­nen An­stieg im Be­reich der Straf­ta­ten ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung“, er­klärt ei­ne Karls­ru­her Po­li­zei­prä­si­di­ums­spre­che­rin auf BNNAn­fra­ge. Ge­naue Zah­len zu den ver­schie­de­nen Se­xu­al­de­lik­ten im Prä­si­di­ums­be­reich Karls­ru­he, Pforz­heim und Calw kön­ne das Po­li­zei­prä­si­di­um je­doch erst im neu­en Jahr nen­nen, wenn al­le De­tails aus­ge­wer­tet sind. An­lass zu „ex­tre­men Sor­gen“lie­fer­ten die Zah­len al­ler­dings nicht.

Bei nied­ri­gen Fall­zah­len im zwei­stel­li­gen Be­reich ist die Deu­tung, ob sich Ge­fah­ren zu­spit­zen oder ob sie ab­neh­men, ge­ne­rell hei­kel. „Wenn ein Fall be­kannt wird, in dem ein On­kel 20-mal sei­ne Nich­te miss­braucht hat, dann ha­ben wir plötz­lich 20 Fäl­le mehr in der Sta­tis­tik“, er­läu­tert die Po­li­zei­spre­che­rin. Au­ßer­dem sei nach den Sil­ves­ter­über­grif­fen von Köln auch zu be­rück­sich­ti­gen: „Das An­zei­ge­ver­hal­ten hat sich seit Köln ver­än­dert.“

Wei­te­re Be­son­der­heit: In der Groß­stadt Karls­ru­he sei­en 2016 so­gar we­ni­ger Se­xu­al­straf­ta­ten an­ge­zeigt wor­den. Ob die­ser Rück­gang auch da­mit zu­sam­men­hängt, dass die Zahl der Asyl­be­wer­ber-Not­un­ter­künf­te im Stadt­ge­biet ge­sun­ken sind, sei der­zeit noch „pu­re Spe­ku­la­ti­on“, er­klärt die Po­li­zei­spre­che­rin.

Über­grif­fe wie das „Be­grap­schen“tau­chen in Po­li­zei­sta­tis­ti­ken üb­ri­gens nicht auf – sie sind kein ei­ge­ner Straf­tat­be­stand. Je nach Hef­tig­keit, fällt das Be­fin­gern und Be­tat­schen un­ter se­xu­el­le Nö­ti­gung und se­xu­el­le Be­lei­dung. Ganz schwie­rig ist bei Se­xu­al­de­lik­ten auch die ho­he Dun­kel­zif­fer: Wie vie­le Ver­ge­wal­ti­gun­gen und bru­ta­le Miss­brauchs­fäl­le nie­mals an­ge­zeigt wer­den, da­zu gibt es un­ter­schied­li­che Ein­schät­zun­gen.

Wie auf­fäl­lig oder un­auf­fäl­lig sind Zu­wan­de­rer in der Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik? Auch da kommt es auf die Be­zugs­grö­ßen an. In Ba­den-Würt­tem­berg wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr 8 994 „Straf­ta­ten ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung“und se­xu­el­le Be­lei­di­gun­gen re­gis­triert – in 439 Fäl­len wa­ren Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge tat­ver­däch­tig. Das ent­spricht ei­nem An­teil von 4,88 Pro­zent. Die 185 000 Flücht­lin­ge, die vo­ri­ges Jahr nach Ba­den-Würt­tem­berg ka­men, ma­chen hin­ge­gen nur 1,7 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus. Al­ler­dings sind die bei­den Pro­zent­wer­te nicht di­rekt zu ver­glei­chen: Asyl­be­wer­ber, die schon län­ger da sind und nicht mehr in Erst­auf­nah­me­la­gern oder der Fol­ge­un­ter­brin­gung woh­nen, sind sta­tis­tisch nicht ge­son­dert er­fasst.

Ei­ne Rol­le spielt au­ßer­dem, dass bei den Zu­wan­de­rern ein kla­rer Män­ner­über­schuss be­steht: Rund zwei Drit­tel der Flücht­lin­ge sind männ­lich. Auch bei der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung sind Män­ner jun­ger und mitt­le­rer Jah­re über­pro­por­tio­nal für Se­xu­al­de­lik­te ver­ant­wort­lich. „Flücht­lin­ge sind nicht kri­mi­nel­ler als die Durch­schnitts­be­völ­ke­rung“, so lau­tet ein oft auf­tau­chen­des Ar­gu­ment in der ak­tu­el­len De­bat­te. Den Op­fern von se­xu­el­len Über­grif­fen und be­un­ru­hig­ten El­tern sind sol­che Re­la­ti­vie­run­gen kein Trost. Doch auch der be­kann­te Kri­mi­no­lo­ge Chris­ti­an Pfeif­fer gab sich ges­tern im „Ta­ges­schau-In­ter­view“ge­las­sen, als er ei­ne Sta­tis­tik des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes be­wer­te­te. Bun­des­weit stieg der An­teil von Zu­wan­de­rern an den Tä­tern im Be­reich „Straf­ta­ten ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung“vo­ri­ges Jahr deut­lich: von 2,6 Pro­zent auf 4,6 Pro­zent. Pfeif­fer er­klär­te das al­lein mit der gro­ßen Zahl der Zu­züg­ler und sag­te: „Die Häu­fig­keit von Ver­ge­wal­ti­gun­gen hat in Deutsch­land seit 2004 um 20 Pro­zent ab­ge­nom­men – und dies par­al­lel zu ei­nem deut­li­chen An­stieg der Men­schen, die aus dem Aus­land zu uns ge­kom­men sind.“

Ein an­de­res Bild er­gibt sich, wenn man nicht die frisch Zu­ge­wan­der­ten und al­le Ar­ten von Se­xu­al­straf­ta­ten be­trach­tet, son­dern die Ver­ur­tei­lun­gen in Ver­ge­wal­ti­gungs­fäl­len und das Ver­hält­nis von Deut­schen und Nicht-Deut­schen: Hier weist das Bun­des­amt für Sta­tis­tik im Jahr 2014 ei­nen Aus­län­der­an­teil von 35 Pro­zent aus. Die baye­ri­sche Kri­mi­nal­sta­tis­tik nennt fürs ver­gan­ge­ne Jahr ei­nen Aus­län­der­an­teil von 42,7 Pro­zent bei den er­mit­tel­ten Tat­ver­däch­ti­gen in der Ver­bre­chens­ka­te­go­rie „Ver­ge­wal­ti­gung und se­xu­el­le Nö­ti­gung“aus.

Wer­den Aus­län­der häu­fi­ger ge­fasst? Spielt es ei­ne Rol­le, dass sie häu­fi­ger in schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen le­ben? Auch dar­über wird re­gel­mä­ßig ge­strit­ten. Mar­tin Jä­ger, Staats­se­kre­tär des ba­den­würt­tem­ber­gi­schen In­nen­mi­nis­ters Tho­mas Strobl (CDU), stell­te ges­tern kei­ne Zah­len­in­ter­pre­ta­tio­nen an, son­dern kün­dig­te de­mons­tra­tiv Po­li­zei­prä­senz und kon­se­quen­te Straf­ver­fol­gung an – „un­ge­ach­tet sei­ner Na­tio­na­li­tät, egal, seit wann er in Deutsch­land lebt“, er­klär­te er: „Wir prak­ti­zie­ren Kon­se­quenz und Här­te ge­gen­über den­je­ni­gen, die glau­ben, sich ih­re ei­ge­nen Spiel­re­geln ma­chen zu kön­nen – in Frei­burg und an­ders­wo.“

„Be­grap­schen“exis­tiert als Straf­tat­be­stand gar nicht

NACH SE­XU­AL­STRAF­TA­TEN von Aus­län­dern wird meist so­fort da­vor ge­warnt, ei­ne neue Ras­sis­mus­de­bat­te an­zu­zet­teln – wie hier nach den Über­grif­fen in Köln. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.