Im Enz­kreis nicht an­ders als in Aser­bai­dschan

Bei der Film­rei­he „Na­tur und Bäu­er­li­ches Le­ben“spricht Land­wirt Jörg Bles­sing über Kü­he und Vor­ur­tei­le

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Nach­voll­zie­hen kann der Land­wirt aus Wi­erns­heim schon, was er da sieht. Jörg Bles­sing ver­folgt im Kom­mu­na­len Ki­no, wie Tap­diq sei­ne mu­hen­de „Ma­do­na“den gan­zen Tag hät­schelt, tät­schelt und mit Ko­se­wor­ten ein­deckt. Sie wird zur „Ho­ly Cow“, zur hei­li­gen Kuh. Und so heißt auch der Film, der in der Rei­he „Na­tur und Bäu­er­li­ches Le­ben“läuft. „Als Ju­gend­li­cher gab es für mich auch nichts Wich­ti­ge­res als Kü­he“, sagt Jörg Bles­sing im Ge­spräch mit Pro­gramm­bei­rat Win­fried Thein.

Es geht um ei­ne ein­zi­ge Kuh in die­ser ers­ten in­ter­na­tio­na­len Do­ku­men­ta­ti­on aus Aser­bai­dschan. Es ist ei­ne schwarz-bun­te Hol­stei­ner, die der Fa­mi­lie viel Milch und da­mit Wohl­stand brin­gen soll. Bei Jörg Bles­sing sind 40 Kü­he im Frei­lauf. Ein­zel­hal­tung ist ta­bu. „Aber wenn ei­ne Kuh so be­tü­telt wird wie im Film, dann ist das nicht so schlimm“, sagt der Bi­o­bau­er grin­send. Er hilft da­bei, dass das The­ma des Abends re­gio­nal wird. Klei­ne Kuh-Kun­de über Ras­sen und Hal­tung in­be­grif­fen.

Es gibt durch­aus Par­al­le­len zwi­schen der Welt in Aser­bai­dschan und dem Enz­kreis. Fa­mi­li­en­va­ter Ta­piq igno­riert in dem Land na­he Ge­or­gi­en und dem Iran den Wi­der­stand des gan­zen Dor­fes und zieht los, um ei­ne eu­ro­päi­sche Kuh zu kau­fen, die mehr Milch als die ein­hei­mi­schen ge­ben soll (und es auch tut). „Die passt hier nicht her. Die kann hier nicht le­ben, weil sie die Ber­ge nicht kennt. Wir wol­len nichts Neu­es“, be­kommt er zu hö­ren. Nicht ein­mal sei­ne ei­ge­ne Frau un­ter­stützt ihn zu­erst – ih­re Au­gen glän­zen erst, als „Ma­do­na“so viel Milch gibt, dass da­von noch Kä­se ge­macht und ver­kauft wer­den kann und Ta­piq Ge­schen­ke mit nach Hau­se in das nun fer­tig­ge­stell­te neue Haus bringt.

„Das war hier auch nicht an­ders, als in den 1950er Jah­ren die ers­te Hol­stei­ner hier­her ge­bracht wur­de“, sagt der Enz­kreis-Land­wirt. Die glei­chen Ar­gu­men­te sei­en vor­ge­bracht wor­den, weil man nicht glau­ben woll­te, dass die Kü­he aus dem Flach­land tat­säch­lich in ei­ner ber­gi­gen Ge­gend gut ge­dei­hen wür­den. Aber: „Die Hol­stei­ner ist sehr an­pas­sungs­fä­hig.“

Das Ge­spräch im Ki­no führt dann vom Stall in die Kü­che: Wäh­rend ei­ne Be­su­che­rin er­zählt, wie gut es ihr ge­he, seit sie kei­ne tie­ri­schen Pro­duk­te mehr zu sich neh­me und wie sehr sie seit­dem das Leid der Tie­re wahr­neh­me, bricht der Land­wirt ei­ne Lan­ze so­wohl für Aus­ge­wo­gen­heit bei der Er­näh­rung, aber auch be­züg­lich der Ein­stel­lung. Von Schwarz­weiß-Ma­len hält er nichts. Da­von, Le­bens­mit­tel an den „Kon­kur­rent“Tier zu ver­füt­tern, ist er eben­falls nicht be­geis­tert, und den ve­ga­nen und ve­ge­ta­ri­schen Trend be­trach­tet er als „wich­ti­gen Ge­gen­pol“. Aber: „Wir brau­chen die Tier­hal­tung für die Frucht­fol­ge. Den Klee könn­ten wir auch un­ter­pflü­gen, aber wir füt­tern ihn an die Tie­re, und der Mist kommt wie­der auf den Acker.“

Fo­to: Roth

BRINGT DIE HEI­LI­GE KUH auf den Bo­den der Enz­kreis-Tat­sa­chen: Land­wirt Jörg Bles­sing von der IG Enz­kreis Bi­o­bau­ern (links) wird von Pro­gramm­bei­rat Win­fried Thein im „Ko­ki“be­grüßt.

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