Kar­tei­lei­chen im Mel­de­sys­tem

Neue Zweit­wohn­sitz­steu­er bringt Ir­ri­ta­tio­nen und Är­ger im Ad­vent

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kirs­ten Et­zold

„Die gu­cken, wo sie was ho­len kön­nen.“Die Ge­schäfts­frau ist ziem­lich auf der Pal­me: Post aus dem Rat­haus ist ihr ins Haus ge­flat­tert, die Ar­beit bringt und sie des­halb är­gert. Die Karls­ru­he­rin soll ei­ne Zweit­woh­nungs­steu­er­er­klä­rung ab­ge­ben. Da­bei sei sie längst nicht mehr Mie­te­rin der an­ge­ge­be­nen Woh­nung in der Ost­stadt, son­dern im Herbst 2011 nach Dur­lach um­ge­zo­gen, wo sie seit­her un­ver­än­dert wohnt. Re­gu­lär um­ge­mel­det ha­be sie sich, doch die Mel­de­be­stä­ti­gung hat sie jetzt nicht mehr griff­be­reit. „Nach so lan­ger Zeit ist es nicht mei­ne Auf­ga­be, das nach­zu­wei­sen“, fin­det die Selbst­stän­di­ge. Die Ge­schäfts­un­ter­la­gen pflicht­ge­mäß auf­zu­be­wah­ren, ver­schlin­ge ge­nug Platz, da tür­me sie nicht noch ei­nen Berg Pri­vat­un­ter­la­gen auf: „Al­les, was äl­ter ist als ein Jahr, fliegt weg.“

Im Bür­ger­bü­ro hat sich die An­ge­schrie­be­ne da­her ei­ne ak­tu­el­le Mel­de­be­stä­ti­gung be­sorgt. „Jetzt schaf­fe ich schon hier, zah­le mei­ne Ge­wer­be­steu­er, ha­be mei­ne Steu­er­num­mern und schi­cke je­des Jahr mei­ne Er­klä­rung. Da kön­nen die doch nach­gu­cken“, schimpft die re­so­lu­te Frau. Und der Da­ten­schutz? „Ja“, räumt sie ein, „aber so kos­tet es doch mehr, als es bringt. Viel­leicht ha­ben die kei­ne Ar­beit? Ich hat­te je­den­falls die Ren­ne­rei, aus­ge­rech­net jetzt im Ad­vent.“

Die Dur­la­che­rin ist bei Wei­tem nicht die ein­zi­ge, die sich der­zeit mit ei­ner be­hörd­li­chen Auf­for­de­rung zur Steu­er­er­klä­rung be­treffs Zweit­wohn­sitz her­um­schlägt. Mehr als 18 000 Ein­woh­ner hat die Stadt­käm­me­rei in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Ord­nungs- und Bür­ger­amt erst­mals im Ju­li dar­über in­for­miert, dass den Un­ter­la­gen des Mel­de­am­tes zu­fol­ge ei­ne Zweit­woh­nungs­steu­er auf sie zu­kom­me. Dar­auf­hin re­gis­trier­te die Be­hör­de erst ein­mal rund 4 500 Ab­mel­dun­gen, be­rich­tet Ord­nungs­amts­lei­ter Björn Wei­ße. Den ver­blei­ben­den rund 14 000 Adres­sa­ten schick­te die Stadt die Steu­er­er­klä­rung – so auch der Dur­la­che­rin. Die neue, ab Ja­nu­ar 2017 er­ho­be­ne kom­mu­na­le Steu­er hat­te der Ge­mein­de­rat im Herbst als ei­nen Schritt zur Kon­so­li­die­rung des städ­ti­schen Haus­halts be­schlos­sen. (Die BNN be­rich­te­ten.)

„Wir ver­su­chen, so un­bü­ro­kra­tisch wie mög­lich vor­zu­ge­hen“, er­klärt Uwe El­sä­ßer, der die Ab­tei­lung kom­mu­na­le Steu­ern in der Stadt­käm­me­rei lei­tet. Aber je­der, der mehr als ei­ne Woh­nung in Karls­ru­he be­wohnt, ge­hö­re zum Kreis der neu­en Steu­er­pflich­ti­gen. Dass dar­über vie­le nicht froh sind, ist El­sä­ßer und sei­nem 20-köp­fi­gen Team klar. Auch die Be­schei­de zur Grund­steu­er, die ab 2017 steigt, wer­den den Be­ar­bei­tern ei­ne Men­ge kri­ti­sche Kon­tak­te ein­brin­gen, sieht El­sä­ßer vor­aus.

Kom­mu­na­le Steu­ern – das wa­ren bis­her Ge­wer­be­steu­er, Grund­steu­er, Hun­de­steu­er und Ver­gnü­gungs­steu­er. Jetzt kommt als fünf­te Steu­er­pflicht ge­gen­über der Stadt eben die Ab­ga­be für Zweit­woh­nun­gen da­zu. Im­mer­hin kün­digt El­sä­ßer an: „Wir sind noch nicht so weit, zu kas­sie­ren.“Zwar ge­be es be­reits „täg­lich je­de Men­ge Rück­mel­dun­gen“, bis 1. Ja­nu­ar könn­ten aber nicht al­le Er­klä­run­gen be­ar­bei­tet sein. „Vor­aus­sicht­lich im Fe­bru­ar kön­nen wir ei­nen Strich drun­ter zie­hen“, pro­gnos­ti­ziert er – 4 000 bis 5 000 Adres­sa­ten al­ler­dings sei­en wohl noch­mals zu er­in­nern.

Dass sich vie­le Ver­an­la­gungs­an­sin­nen in Karls­ru­he an fal­sche Adres­sen rich­ten, sei Fol­ge des teils ver­al­te­ten Mel­de­re­gis­ters, sagt Ord­nungs­amts­chef Wei­ße. „Das zu be­rei­ni­gen, war auch ein Zweck der Zweit­woh­nungs­steu­er“, er­klärt er. Man­che Kar­tei­lei­che ist ei­ne Alt­last: Erst seit der Jahr­tau­send­wen­de re­gie­ren elek­tro­ni­sche Da­ten­er­fas­sung und -wei­ter­ga­be. Vie­les wur­de ir­gend­wann aus Kar­tei­kar­ten über­nom­men. Noch heu­te wür­den Mel­de­da­ten nicht zwi­schen al­len Bun­des­län­dern au­to­ma­tisch über­mit­telt – ei­ne wei­te­re Feh­ler­quel­le bei der Er­fas­sung von Zweit­woh­nun­gen.

Al­len, die we­gen un­zu­tref­fen­der Mel­de­un­ter­la­gen an­ge­schrie­ben wur­den, will das Ord­nungs­amt die Klä­rung nun mög­lichst ein­fach ma­chen. „Wenn je­mand in Karls­ru­he stu­diert hat und 1989 nach Ham­burg oder Mün­chen um­ge­zo­gen ist, glau­ben wir das“, be­tont Wei­ße. „Ein An­ruf oder ei­ne Mail, das reicht.“Gar nicht zu re­agie­ren, sei hin­ge­gen nicht rat­sam, warnt El­sä­ßer. „Letzt­lich kön­nen wir die Steu­er­sum­me auch schät­zen“, er­klärt er. So­gar ein Buß­geld­ver­fah­ren wä­re mög­lich.

Ser­vice

WOH­NEN IN KARLS­RU­HE – wie in der Goe­the­s­tra­ße lie­gen Alt und Neu oft dicht bei­ein­an­der. Ab Neu­jahr zahlt kom­mu­na­le Zu­satz­steu­er, wer sich ei­ne Zweit­adres­se in der Fä­cher­stadt leis­tet. Ar­chiv­fo­to: Sand­bil­ler

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