Das Ven­til

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

RU­DI WAIS

Die Ohr­fei­ge sitzt, aber sie tut nicht weh. Dass der Par­tei­tag sich so ve­he­ment ge­gen die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft aus­ge­spro­chen hat, ist für die CDU-Spit­ze zwar ein schmerz­haf­ter Schlag. Al­lein: Der Be­schluss wird auf ab­seh­ba­re Zeit kei­ne Fol­gen ha­ben, An­ge­la Mer­kel hät­te sich ih­re her­ri­sche Re­ak­ti­on al­so dar­auf spa­ren kön­nen. Ehe Kin­der aus Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­en sich wie­der zwi­schen dem deut­schen Pass und dem ih­rer El­tern ent­schei­den müs­sen, müss­te die Uni­on schon die ab­so­lu­te Mehr­heit im Bun­des­tag ho­len. Egal mit wem sie nach der Wahl ko­aliert: We­der mit der SPD noch mit den Grü­nen oder den Li­be­ra­len ist ei­ne sol­che Rol­le rück­wärts im Staats­bür­ger­schafts­recht zu ma­chen.

Den meis­ten De­le­gier­ten, die sich trotz­dem für ei­nen Kurs­wech­sel aus­ge­spro­chen ha­ben, war das zwei­fels­oh­ne be­wusst. Das legt den Ver­dacht na­he, dass es ih­nen nicht nur um die Sa­che selbst ging, al­so um Ju­gend­li­che vor­nehm­lich aus tür­ki­schen Fa­mi­li­en, die sich zwar

ger­ne ei­nen deut­schen Pass aus­stel­len las­sen, aber sich nicht wirk­lich in Deutsch­land hei­misch füh­len und sich auch nicht in­te­grie­ren wol­len. Je­der Par­tei­tag braucht ein Ven­til, mit des­sen Hil­fe die Ba­sis Dampf ab­las­sen kann. Häu­fig sind das die Wah­len zum Prä­si­di­um oder zum Vor­stand. In die­sem Fall ist es ein po­li­ti­scher Ne­ben­kriegs­schau­platz wie der Streit um den Dop­pel­pass. Die Bot­schaft, die sich da­hin­ter ver­birgt, ist un­miss­ver­ständ­lich: Die Mehr­heit der Par­tei will nicht, dass An­ge­la Mer­kel die Uni­on noch wei­ter nach links führt. Das li­be­ra­le Staats­bür­ger­schafts­recht, das sie mit der SPD aus­ge­han­delt hat, ist für vie­le Christ­de­mo­kra­ten nur ein Syn­onym für die schlei­chen­de Preis­ga­be kon­ser­va­ti­ver Po­si­tio­nen. Des­halb ha­ben sie der Par­tei­che­fin, die sie tags zu­vor noch mit ei­ner gro­ßen Mehr­heit in ih­rem Amt be­stä­tigt ha­ben, zum Ab­schied aus Es­sen noch ei­ne klei­ne Ohr­fei­ge ver­passt. Und bei der, so scheint es, lie­gen die Ner­ven of­fen­bar doch et­was blan­ker als es bis­her aus­sah.

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