Die Ba­sis re­det Kl­ar­text

Die De­le­gier­ten fal­len der Par­tei­spit­ze bei dem Dop­pel­pass in den Rü­cken

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Ferber GIBT WIDERWORTE: Jens Spahn auf dem CDU-Par­tei­tag.

Es­sen. Tho­mas de Mai­ziè­re kämpft ei­nen aus­sichts­lo­sen Kampf. Mit be­leg­ter, fast schon hei­se­rer Stim­me steht der In­nen­mi­nis­ter in der Es­se­ner Gru­ga­hal­le auf dem Po­di­um am Mi­kro­fon und ver­tei­digt den erst vor zwei Jah­ren von der Gro­ßen Ko­ali­ti­on in Ber­lin be­schlos­se­nen Kom­pro­miss zur dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft. Ei­ne Rück­kehr zum bis 2014 gel­ten­den Op­ti­ons­mo­dell, wo­nach sich in Deutsch­land ge­bo­re­ne Kin­der von Aus­län­dern im Al­ter zwi­schen 18 und 23 Jah­ren ent­schei­den muss­ten, wel­chen Pass sie ha­ben wol­len, sei po­li­tisch mit kei­nem ein­zi­gen Ko­ali­ti­ons­part­ner durch­setz­bar, ar­gu­men­tiert er. Auch sei es „nicht schön“, ei­nen ge­ra­de erst ge­fun­de­nen Kom­pro­miss wie­der zu kip­pen. Nicht zu­letzt wür­de ei­ne Rück­kehr zum al­ten Recht vie­le in Deutsch­land le­ben­de Men­schen „vor den Kopf sto­ßen“.

Doch die Ar­gu­men­te des In­nen­mi­nis­ters zie­hen nicht. Und auch der Ap­pell von Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber, trotz al­ler Be­den­ken bei der Re­ge­lung zu blei­ben, ver­hallt un­ge­hört. Aus­ge­rech­net ein Mit­glied der Bun­des­re­gie­rung, Fi­nanz-Staats­se­kre­tär Jens Spahn, gibt Kon­tra und un­ter­stützt of­fen­siv den An­trag der Jun­gen Uni­on (JU), den Dop­pel­pass wie­der ab­zu­schaf­fen. Na­tür­lich müs­se ei­ne Ko­ali­ti­on Kom­pro­mis­se ein­ge­hen, ruft das CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied un­ter dem Ju­bel der De­le­gier­ten „aber wir sind hier auf ei­nem Par­tei­tag“. Es sei „kei­ne Zu­mu­tung“, den jun­gen Men­schen ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung für ei­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit ab­zu­ver­lan­gen.

So kommt es, wie es kom­men muss. Bei der Ab­stim­mung leh­nen 319 De­le­gier­te die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft ab, nur 300 De­le­gier­te fol­gen der Bit­te des In­nen­mi­nis­ters, an der gel­ten­den Re­ge­lung nicht zu rüt­teln.

Ei­ne Nie­der­la­ge für die Par­tei­spit­ze, die zwar nur sym­bo­li­scher Na­tur ist, weil die Re­gie­rung das Ge­setz nicht an­tas­ten will, wie Mer­kel am En­de des Par­tei­tags of­fen zu­gibt. Mit ihr wer­de es kei­ne Än­de­rung ge­ben, zu­dem hal­te sie den Be­schluss für falsch. Auch glau­be sie nicht, „dass wir ei­nen Wahl­kampf über den Dop­pel­pass ma­chen“. Doch da hat die Ba­sis be­reits Mus­keln ge­zeigt, sie will, dass die CDU gut neun Mo­na­te vor der Bun­des­tags­wahl ihr kon­ser­va­ti­ves Pro­fil schärft und sich vom Ko­ali­ti­ons­part­ner ab­setzt. Und das nicht nur an die­ser Stel­le. Schon im Vor­feld des Par­tei­tags gab es mas­si­ve Kri­tik am Leit­an­trag des CDU-Bun­des­vor­stands un­ter dem Mot­to „Ori­en­tie­rung in schwie­ri­gen Zei­ten“. Vor al­lem in Ba­den-Würt­tem­berg stieß das Pa­pier auf mas­si­ve Kri­tik, „weich­ge­spült und oh­ne Biss“war noch die harm­lo­ses­te For­mu­lie­rung. Die Par­tei­spit­ze um Mer­kel und Tau­ber scheue den Kon­flikt und wol­le sich schon vor der Wahl bei den Grü­nen an­bie­dern, mo­nier­ten et­li­che Süd­west-Ab­ge­ord­ne­te. So­wohl die Land­tags­frak­ti­on mit Wolf­gang Rein­hart an der Spit­ze als auch Lan­des­chef und In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl poch­ten da­her auf ei­ne deut­li­che Ver­schär­fung und for­der­ten ei­ne kon­se­quen­te­re Ab­schie­bung von ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern und Aus­län­dern oh­ne gül­ti­ges Blei­be­recht. Die Uni­on, sagt Strobl in Es­sen, sei die Par­tei von Recht und Ord­nung, die in­ne­re Si­cher­heit ge­hö­re zu ih­ren Kern­kom­pe­ten­zen.

Ein­stim­mig nimmt der Par­tei­tag den Leit­an­trag an, der ge­ra­de in der Aus­län­de­r­und Flücht­lings­po­li­tik von der Bun­des­re­gie­rung wei­ter­ge­hen­de Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen for­dert. So sol­len in Nord­afri­ka Auf­nah­me­zen­tren ein­ge­rich­tet wer­den, in die Flücht­lin­ge, die im Mit­tel­meer ge­ret­tet wer­den, zu­rück­ge­bracht wer­den, zu­dem sol­len die nord­afri­ka­ni­schen Ma­ghreb-Staa­ten zu si­che­ren Her­kunfts­län­dern er­klärt wer­den. „Ge­ra­de der Asyl­miss­brauch aus die­sen Län­dern un­ter­gräbt mas­siv die Ak­zep­tanz in der Be­völ­ke­rung für das Asyl­recht für die wirk­lich Schutz­be­rech­tig­ten“, heißt es in dem Leit­an­trag. Leis­tun­gen für Nord­afri­ka­ner soll­ten auf „das un­um­gäng­lich Not­wen­di­ge“be­schränkt wer­den, die Ab­leh­nung des Asyl­an­trags hat ei­ne so­for­ti­ge Aus­rei­se­pflicht zur Fol­ge.

An ei­nem an­de­ren Punkt setzt sich der Wirt­schafts­flü­gel ge­gen die Par­tei­spit­ze durch. Hieß es in der ur­sprüng­li­chen Fas­sung noch eher un­ver­bind­lich, die CDU leh­ne ei­ne Er­hö­hung der Steu­er­quo­te ab, dräng­ten die Ord­nungs­po­li­ti­ker auf die deut­lich schär­fe­re For­mu­lie­rung: „Wir schlie­ßen Steu­er­er­hö­hun­gen grund­sätz­lich aus, ins­be­son­de­re auch ei­ne Ver­schär­fung der Erb­schafts­steu­er und ei­ne Ein­füh­rung der Ver­mö­gens­steu­er.“So kon­kret woll­ten es Mer­kel und Co. gar nicht ha­ben. Doch die Ba­sis for­dert Kl­ar­text.

ERKENNUNGSZEICHEN DER KANZ­LE­RIN: An­ge­la Mer­kel hat sich an­ge­wöhnt, bei öf­fent­li­chen Auf­trit­ten ih­re Hän­de zu ei­ner Rau­te zu for­men. Da sie nun schon über elf Jah­re die Ge­schi­cke Deutsch­lands lenkt, ist man ge­neigt, die­se Re­gie­rungs­zeit als ei­ne Herr­schaft un­ter der Rau­te zu be­zeich­nen. Fo­tos: dpa

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