May setzt auf ei­nen pa­trio­ti­schen Br­ex­it

Die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin will jetzt doch das Par­la­ment in ih­re EU-Aus­tritts­plä­ne ein­wei­hen

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Jo­chen Witt­mann

London. Es wird im­mer bun­ter. Ei­nen wei­chen oder har­ten, ei­nen wei­ßen, schwar­zen oder viel­leicht grau­en Br­ex­it muss die Re­gie­rung an­steu­ern, so lau­te­ten bis­her die For­de­run­gen. Nein, er­klär­te Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May, „was wir an­stre­ben soll­ten ist ein rot­weiß-blau­er Br­ex­it“, und spiel­te da­mit auf die Far­ben der Na­tio­nal­flag­ge an. „Der rich­ti­ge De­al für das Ver­ein­te Kö­nig­reich,

London stellt Ma­xi­mal­for­de­run­gen

nach­dem wir die Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­las­sen ha­ben.“Ein pa­trio­ti­scher Br­ex­it al­so. Das sagt uns auch nicht mehr als ihr bis­he­ri­ges Man­tra „Br­ex­it be­deu­tet Br­ex­it“. Al­le Welt war­tet auf den Plan und will wis­sen, wie der Br­ex­it denn nun aus­se­hen soll. Der Op­po­si­ti­ons­par­tei La­bour wur­de es zu bunt. Sie stell­te ei­nen An­trag im Un­ter­haus, nach dem „die Pre­mier­mi­nis­te­rin sich ver­pflich­tet, den Plan der Re­gie­rung für den Aus­tritt aus der EU zu ver­öf­fent­li­chen, be­vor der Ar­ti­kel 50 an­ge­ru­fen wird“. Erst ei­ne of­fi­zi­el­le Be­nach­rich­ti­gung nach Ar­ti­kel 50 des Lis­s­a­boner Ver­tra­ges setzt den Schei­dungs­pro­zess in Gang. The­re­sa May will ihn bis spä­tes­tens En­de März nächs­ten Jah­res ein­lei­ten.

Bis­her hat sich die Pre­mier­mi­nis­te­rin strikt ge­wei­gert, ih­re Plä­ne of­fen­zu­le­gen. Man wer­de „kei­nen lau­fen­den Kom­men­tar“zum Br­ex­it ab­ge­ben, sag­te sie und mau­er­te stur. Al­les an­de­re, so ihr Ar­gu­ment, wür­de die bri­ti­sche Ver­hand­lungs­po­si­ti­on un­ter­gra­ben. Nicht nur die La­bour-Frak­ti­on, auch vie­le Ab­ge­ord­ne­te der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei em­pör­ten sich über die Ar­ro­ganz der Re­gie­rungs­che­fin, die so völ­lig oh­ne Mit­wir­kung und Mit­spra­che des Par­la­ments den Br­ex­it deich­seln will. Jetzt lenk­te The­re­sa May über­ra­schend ein. Die Pre­mier­mi­nis­te­rin gab be­kannt, dass sie den La­bour-An­trag un­ter­stützt. Sie wird noch vor En­de März ei­nen Plan zum EU-Aus­tritt zur Aus­spra­che im Un­ter­haus vor­le­gen. Die Op­po­si­ti­on ju­belt. Da­bei ist jetzt schon deut­lich, wie die Eck­da­ten die­ses Pla­nes aus­se­hen wer­den.

May hat im­mer be­tont, dass sie zwei Zie­le ver­folgt. Sie will „den best­mög­li­chen De­al für den Han­del mit dem Bin­nen­markt“und sie will „die Kon­trol­le über die Ein­wan­de­rung von EU-Bür­gern“. Bei­des zu­sam­men geht nicht, wie ihr ih­re Kol­le­gen in Eu­ro­pa klar­ge­macht ha­ben, denn zum Bin­nen­markt ge­hört die Per­so­nen­frei­zü­gig­keit. Bri­ti­sche Oh­ren scheint die­ser Ein­wand noch nicht er­reicht zu ha­ben. Die Bri­ten ha­ben ein Sprich­wort: „to ha­ve the ca­ke and eat it“. Auf deutsch heißt das so­viel wie „wasch’ mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. May denkt, dass es durch­aus mög­lich sein soll­te, dass ih­re Ma­xi­mal­for­de­run­gen er­füllt wer­den.

Der Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son hat­te kürz­lich vier Punk­te auf­ge­führt, die er von ei­nem Br­ex­it er­war­tet: „Kon­trol­le der Gren­zen, Kon­trol­le des Gel­des, Kon­trol­le der Ge­set­ze und die Mög­lich­keit, Frei­han­dels­ab­kom­men ab­schlie­ßen zu kön­nen“. Das si­gna­li­siert ei­nen har­ten Br­ex­it. Denn ne­ben der Ein­schrän­kung der Frei­zü­gig­keit kommt hin­zu, dass Groß­bri­tan­ni­en nicht mehr die Vor­schrif­ten und Re­gu­la­ri­en der EU be­fol­gen will, die ei­nen Bin­nen­markt erst mög­lich ma­chen. Auch will man die Zah­lun­gen ins Brüs­se­ler Bud­get be­schrän­ken. Und die „Mög­lich­keit, Frei­han­dels­ab­kom­men ab­schlie­ßen zu kön­nen“be­deu­tet, dass man we­der Mit­glied im Bin­nen­markt noch in der Zoll­uni­on sein kann.

Aber dies will bis­her kein Re­gie­rungs­mit­glied of­fen aus­spre­chen. Statt­des­sen deu­tet man an, wei­ter­hin Zu­gang zum Bin­nen­markt in be­stimm­ten Wirt­schafts­sek­to­ren an­stre­ben zu wol­len, in­dem man da­für be­grenz­te Zah­lun­gen leis­tet. Im­mer­hin, so das Ar­gu­ment, sei kei­nem ge­dient, wenn der Han­del durch ho­he Zöl­le im Au­to­mo­bil­sek­tor et­wa tor­pe­diert wür­de. Doch ob die Bri­ten die­se Vor­stel­lun­gen um­set­zen kön­nen, ist mehr als frag­lich.

ZU­VER­SICHT­LICH: Die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin hofft bei den EU-Aus­tritts­ver­hand­lun­gen mit Brüs­sel dar­auf, dass sie ih­re Ma­xi­mal­for­de­run­gen durch­set­zen kann. Fo­to: dpa

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