Mäch­ti­ge IWF-Che­fin auf der An­kla­ge­bank

Chris­ti­ne La­g­ar­des Glaub­wür­dig­keit steht auf dem Spiel

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Se­bas­ti­an Ku­nig­keit

Pa­ris. Das Ma­ga­zin „For­bes“lis­tet sie auf sei­ner Rang­lis­te der mäch­tigs­ten Frau­en der Welt auf Platz sechs. Seit mehr als fünf Jah­ren führt Chris­ti­ne La­g­ar­de den In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds, sou­ve­rän und in flie­ßen­dem Eng­lisch – die Fran­zö­sin ist auf in­ter­na­tio­na­lem Par­kett hoch ge­ach­tet. Doch von kom­men­dem Mon­tag an sitzt die IWF-Che­fin in Pa­ris auf der An­kla­ge­bank: La­g­ar­de muss sich we­gen ei­ner um­strit­te­nen Mil­lio­nen­zah­lung in ih­rer Zeit als fran­zö­si­sche Fi­nanz­mi­nis­te­rin ver­ant­wor­ten. Die Er­mitt­ler wer­fen der 60-Jäh­ri­gen Fahr­läs­sig­keit im Amt vor, mit der sie die Ver­un­treu­ung öf­fent­li­cher Gel­der er­mög­licht ha­be. Ein De­likt, das in Frank­reich mit bis zu ei­nem Jahr Ge­fäng­nis und 15 000 Eu­ro Stra­fe ge­ahn­det wird.

Auf dem Spiel steht auch die Glaub­wür­dig­keit der Fi­nanz-Ma­na­ge­rin – es stellt sich die Fra­ge, ob sie im Fall ei­ner Ver­ur­tei­lung an der Spit­ze des IWF blei­ben könn­te. Ihr Pro­zess ist ein wei­te­res Ka­pi­tel ei­nes spek­ta­ku­lä­ren Wirt­schafts­kri­mis, der in Frank­reich seit Jah­ren für Schlag­zei­len sorgt. Der GeMit­teln schäfts­mann Ber­nard Ta­pie sah sich beim Ver­kauf sei­ner An­tei­le am deut­schen Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler Adi­das in den 1990er Jah­ren von der da­mals staat­li­chen Groß­bank Cré­dit Lyon­nais ge­prellt. In ei­nem Schieds­ver­fah­ren er­hielt Ta­pie 2008 ei­ne Ent­schä­di­gung von mehr als 400 Mil­lio­nen Eu­ro zu­ge­spro­chen. Doch in­zwi­schen ha­ben Ge­rich­te den Schieds­spruch auf­ge­ho­ben, ge­gen Ta­pie und meh­re­re wei­te­re Be­tei­lig­te wird we­gen des Ver­dachts auf ban­den­mä­ßi­gen Be­trug er­mit­telt. Ei­ner der drei Schieds­män­ner soll en­ge Ver­bin­dun­gen zu Ta­pie ge­habt und das Ur­teil in des­sen Sin­ne be­ein­flusst ha­ben. Auch La­g­ar­des frü­he­rer Bü­ro­chef steht im Vi­sier der Er­mitt­ler. Wel­che Rol­le spiel­te die da­ma­li­ge Mi­nis­te­rin bei der gan­zen Sa­che?

Nach der Wahl von Ni­co­las Sar­ko­zy zum Prä­si­den­ten wur­de die An­wäl­tin 2007 Wirt­schafts- und Fi­nanz­mi­nis­te­rin. We­ni­ge Mo­na­te spä­ter gab sie grü­nes Licht für das Schieds­ver­fah­ren. Und als der po­li­tisch gut ver­netz­te Ta­pie im Jahr dar­auf gut 400 Mil­lio­nen Eu­ro zu­ge­spro­chen be­kam, ver­zich­te­te sie auf ei­nen Ein­spruch – aus Sicht der Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on des Ge­richts ei­ne fahr­läs­si­ge Ent­schei­dung. La­g­ar­de

Fahr­läs­si­ge Mil­lio­nen-Ent­schei­dung?

selbst hat die Vor­wür­fe stets zu­rück­ge­wie­sen. „Ich bin ge­las­sen und ent­schlos­sen“, sag­te sie vor we­ni­gen Wo­chen dem fran­zö­si­schen Ra­dio­sen­der RTL. Sie fürch­te sich nicht vor dem Pro­zess. „Ich bin froh, dass die­se An­ge­le­gen­heit zum Ab­schluss kommt.“In ei­nem wei­te­ren In­ter­view mit dem Ma­ga­zin „L“Obs“be­ton­te sie: „Mei­ne An­wäl­te wer­den die ju­ris­ti­schen Mit­tel fin­den, um die­ser merk­wür­di­gen Si­tua­ti­on zu be­geg­nen.“

Wäh­rend der seit Jah­ren lau­fen­den Er­mitt­lun­gen hat­te der IWF-Exe­ku­tiv­rat ihr stets sein Ver­trau­en aus­ge­spro­chen. Die IWF-Che­fin hat­te sich mit al­len ge­gen den Pro­zess ge­wehrt. Ih­re An­wäl­te kri­ti­sier­ten vor al­lem, dass die par­al­lel lau­fen­den Be­trugs­er­mitt­lun­gen noch nicht ab­ge­schlos­sen sind. Es sei da­her noch gar nicht er­wie­sen, ob Gel­der ver­un­treut wur­den. Das höchs­te fran­zö­si­sche Ge­richt wies ih­re Ein­sprü­che im Som­mer zu­rück – oh­ne sich je­doch in­halt­lich mit den Vor­wür­fen zu be­fas­sen. „Die­se De­bat­te wird vor dem Ge­richts­hof der Re­pu­blik statt­fin­den, und ich bin über­zeugt, dass die­ser je­de Ver­ant­wort­lich­keit von Frau La­g­ar­de aus­räu­men wird“, sag­te ihr An­walt da­mals.

WEHRT SICH GE­GEN DIE VOR­WÜR­FE: IWF-Che­fin Chris­ti­ne La­g­ar­de sieht dem Ge­richts­ver­fah­ren ge­las­sen ent­ge­gen. Fo­to: AFP

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