Au­to­her­stel­ler sol­len stren­ger kon­trol­liert wer­den

EU-Kom­mis­si­on plant Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ge­gen meh­re­re Län­der we­gen zu la­scher Prüf­ver­fah­ren

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­kus Grabitz

Brüs­sel. Die EU-Kom­mis­si­on ver­sucht seit Mo­na­ten, Kon­se­quen­zen aus dem VW-Ab­gas­skan­dal zu zie­hen. Doch vie­le EU-Haupt­städ­te wol­len den Re­form­schwung aus Brüs­sel brem­sen. Nun zieht die Kom­mis­si­on die Dau­men­schrau­ben an. Wie zu hö­ren ist, ha­ben die 28 Kom­mis­sa­re bei ih­rer wö­chent­li­chen Sit­zung be­schlos­sen, ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ge­gen Deutsch­land, Grie­chen­land, Li­tau­en, Luxemburg, Spa­ni­en, Tsche­chi­en und Groß­bri­tan­ni­en ein­zu­lei­ten. Heu­te soll der Be­schluss ver­kün­det wer­den. Der Vor­wurf: Be­sag­te Län­der ha­ben kei­ne „wirk­sa­men, an­ge­mes­se­nen und ab­schre­cken­den Sank­ti­ons­maß­nah­men“er­las­sen. Mit Stra­fen sol­len Her­stel­ler wie et­wa VW be­legt wer­den, die trotz Ver­bo­tes auf Tricks wie Ab­schalt­ein­rich­tun­gen set­zen, wie sie im Die­sel-Skan­dal ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben.

EU-In­dus­trie­kom­mis­sa­rin Elz­bie­ta Bi­en­kow­s­ka hat­te im Par­la­ment be­reits ge­droht, Ver­fah­ren we­gen Ver­trags­ver­let­zung ein­zu­lei­ten. Nun macht sie Ernst. Wo­mög­lich kommt da­mit Be­we­gung in die düm­peln­de Re­form, bei der es um die Zu­las­sungs­ver­fah­ren für neue Au­to­ty­pen in der EU („Typ­zu­las­sung“) und um die Markt­über­wa­chung durch die na­tio­na­len Be­hör­den geht. Die Vor­ge­schich­te: Im­mer wie­der gab es Hin­wei­se auf Mau­sche­lei. Es hieß, na­tio­na­le Zu­las­sungs­be­hör­den wür­den bei Her­stel­lern aus dem ei­ge­nen Land Au­gen zu­drü­cken und Ver­stö­ße ge­gen Ab­ga­sund Um­welt, Si­cher­heits­o­der Zu­las­sungs­vor­schrif­ten nicht kon­se­quent ahn­den.

Aus­lö­ser für die Re­form war der Daim­ler-Käl­te­mit­telStreit der Kom­mis­si­on mit Deutsch­land im Jahr 2013. Als der Her­stel­ler bei sei­ner neu­en Kom­pakt­klas­se Si­cher­heits­be­den­ken ge­gen ein auf EUEbe­ne vor­ge­schrie­be­nes Käl­te­mit­tel in Kli­ma­an­la­gen hat­te, griff er laut EU zu ei­nem Kniff: Daim­ler hol­te dem­nach für die neue A-Klas­se kei­ne neue Typ­ge­neh­mi­gung ein, son­dern setz­te auf die Er­laub­nis für den Vor­gän­ger-Typ glei­chen Na­mens. So konn­te das al­te, ei­gent­lich über­hol­te Käl­te­mit­tel in neu­en Mo­del­len zum Ein­satz kom­men. Das Kraft­fahr­zeug-Bun­des­amt (KBA) spiel­te mit. Die Kom­mis­si­on er­kann­te, dass sie kaum In­stru­men­te hat, um die­se Pra­xis zu un­ter­bin­den, und woll­te han­deln. Ei­ne Re­form der Typ­zu­las­sung war fast fer­tig, da kam im Herbst 2015 die VW-Die­selAf­fä­re ans Licht. Ob­wohl Ab­schalt­ein­rich­tun­gen zur Ma­ni­pu­la­ti­on von Tes­t­er­geb­nis­sen seit Jah­ren ver­bo­ten sind, hat­te kei­ne na­tio­na­le Be­hör­de an ih­rem sys­te­ma­ti­schen Ein­satz An­stoß ge­nom­men. Die Kom­mis­si­on über­ar­bei­te­te dann die Plä­ne und leg­te An­fang 2016 ei­ne ver­schärf­te Ver­si­on vor. Sie sieht vor, dass die Typ­zu­las­sung nach fünf Jah­ren er­lischt. Mitt­ler­wei­le ist VW mit sei­nem Golf beim sieb­ten Mo­dell an­ge­kom­men, die Typ­zu­las­sung ist aber im­mer noch die glei­che wie beim Ur-Golf aus den 70er Jah­ren.

Au­ßer­dem will die Kom­mis­si­on durch­set­zen, dass künf­tig die Her­stel­ler nicht mehr die Typ­zu­las­sung et­wa beim TÜV oder bei De­kra selbst be­zah­len. Viel­mehr soll die na­tio­na­le Zu­las­sungs­be­hör­de den Test in Auf­trag ge­ben, die Rech­nung be­glei­chen und sich das Geld vom Her­stel­ler ho­len. Da­mit sol­len In­ter­es­sen­kon­flik­te ver­mie­den wer­den. Zu­dem will die Kom­mis­si­on De­fi­zi­te bei der Markt­über­wa­chung aus­mer­zen. Wäh­rend Her­stel­lern in den USA bei Ver­stö­ßen ge­gen die Typ­zu­las­sung ei­ne Stra­fe von 30 000 US-Dol­lar pro aus­ge­lie­fer­tem Fahr­zeug droht, sind die Sank­tio­nen in der EU von Land zu Land un­ter­schied­lich. Die EU-Kom­mis­si­on will, dass künf­tig bei Ver­stö­ßen et­wa ge­gen Si­cher­heits­o­der Um­welt­vor­schrif­ten je Au­to ei­ne Stra­fe von 30 000 Eu­ro ver­hängt wird und das be­tref­fen­de Mo­dell kom­plett vom Markt ge­nom­men wer­den kann.

Doch in den Mit­glieds­län­dern und im Par­la­ment regt sich Wi­der­stand. Bei­de Gre­mi­en müs­sen zu­stim­men. Ita­li­en, Luxemburg, Po­len und an­de­re weh­ren sich strikt da­ge­gen, dass die Kom­mis­si­on ge­stärkt wird und mehr Kom­pe­ten­zen be­kom­men soll. Zur­zeit hat die Slo­wa­kei in der EU die Rats­prä­si­dent­schaft in­ne, führt al­so im Mi­nis­ter­rat die Ge­schäf­te. Das Land, das zehn Pro­zent sei­ner Wirt­schafts­leis­tung mit der Au­to­mo­bil­bran­che er­zielt, „ist nicht son­der­lich am­bi­tio­niert bei der Sa­che“, hört man von EU-Di­plo­ma­ten. Ber­lin da­ge­gen zählt nicht zu den Brem­sern. Auch deut­sche Her­stel­ler ha­ben im Prin­zip nichts ge­gen die Re­form. „Sie muss nur be­zahl­bar sein“, heißt es in der Bran­che.

DER AB­GAS-SKAN­DAL bei VW brach­te die Dis­kus­si­on um die Ty­pen­zu­las­sung auf EU-Ebe­ne ins Sto­cken. Fo­to: dpa

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