Ge­burts­hil­fe am Kuh-Si­mu­la­tor

Land­wir­te üben in Au­len­dorf mit Plas­tik­tier

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Anet­te Le Ri­che

Au­len­dorf. El­fi­na ist ein braun-wei­ßes Fleck­vieh und steht im Stall des Land­wirt­schaft­li­chen Zen­trums Ba­denWürt­tem­berg (LAZBW) in Au­len­dorf (Kreis Ravensburg). Die Milch­kuh zählt mit 100 000 Li­tern im Lau­fe ih­res Le­bens nicht nur zu den Stars im Kuh­stall, son­dern stand im ver­gan­ge­nen Jahr so­gar Mo­dell – für ei­nen Ge­burts­si­mu­la­tor. Seit Ja­nu­ar ist das LAZBW Be­sit­zer ei­ner 35 000 Eu­ro teu­ren Plas­tik-El­fi­na, an der Land­wir­te aus ganz Ba­den-Würt­tem­berg Ge­burts­hil­fe üben. „Wir sind die ers­te land­wirt­schaft­li­che Bil­dungs­ein­rich­tung in ganz Deutsch­land, die ei­nen sol­chen Ge­burts­si­mu­la­tor an­bie­tet“, be­tont Zen­trums­lei­ter Franz Schwei­zer.

20 jun­ge Frau­en und Män­ner ste­hen auf­merk­sam und in grü­nen Over­alls, Woll­müt­zen und Gum­mi­stie­feln um die Übungs­kuh her­um. Aus­bil­de­rin An­net­te de Pay bringt das Kalb durch ei­nen De­ckel auf dem Rü­cken des Mo­dells in ver­schie­de­ne Po­si­tio­nen – ver­deckt na­tür­lich. Dann sol­len die Azu­bis durch den Scham­be­reich aus Si­li­kon und das Be­cken aus Hart­plas­tik die La­ge des Jung­rin­des er­tas­ten. Und ent­schei­den, ob sie selbst hel­fen kön­nen oder lie­ber ei­nen Tier­arzt ru­fen. Spä­ter lässt de Pay die an­ge­hen­den Land- und Tier­wir­te üben, wie sie Stri­cke an­brin­gen und dem Kalb auf die Welt hel­fen: „Im­mer mit den We­hen zie­hen“, ruft sie, wäh­rend ein Azu­bi un­ter gro­ßer Kraft­an­stren­gung Zug­hil­fe übt. Da­bei muss er ge­gen gut auf­ge­pump­te Luft­kis­sen an­kämp­fen, die die Or­ga­ne der Kuh si­mu­lie­ren.

Ul­rich Ho­fer ist im drit­ten Aus­bil­dungs­jahr und hat schon vie­le Kal­bun­gen er­lebt. „Bei ei­ner ech­ten Ge­burt darf man kei­ne Feh­ler ma­chen, aber hier kann man das in Ru­he üben, oh­ne We­hen und Un­ru­he bei der Kuh“, sagt der jun­ge Mann aus Neu­ra­vens­burg. Auch Fre­de­ric Sei­fert aus Dos­sen­heim (RheinNeckar-Kreis) ist kon­zen­triert da­bei, ob­wohl er schon ein Jahr auf ei­ner 1 500-Rin­der-Farm in Neu­see­land ver­bracht hat: „Hier kann man Ex­trem­si­tua­tio­nen wie Steiß­la­gen üben, oh­ne der Kuh zu scha­den.“Die Idee zu ei­nem mög­lichst na­tur­ge­treu­en Mo­dell für den sen­si­blen Un­ter­richt hat­te LAZBW-Fach­be­reichs­lei­te­rin Ani­ta Her­re. „Uns war wich­tig, den Ge­burts­vor­gang mit prak­ti­schen Übun­gen für un­se­re Aus­zu­bil­den­den im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes be­greif­bar zu ma­chen“, be­tont die Agrar­in­ge­nieu­rin. „Die Ge­burt ist der Dreh- und An­gel­punkt, um die Kuh gut in die Lak­ta­ti­on zu brin­gen und ge­sun­de Käl­ber auf­zu­zie­hen.“Zwar kom­men im LAZBWS­tall jähr­lich rund 130 ech­te Käl­ber zur Welt, sagt Her­re. „Aber an ge­bä­ren­den Tie­ren ist ein sol­cher Un­ter­richt aus Tier­schutz-, Hy­gie­ne- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­grün­den nicht mög­lich.“

Her­re be­gann zu re­cher­chie­ren und er­fuhr von ei­nem Ge­burts­si­mu­la­tor, wie er in der tier­ärzt­li­chen Aus­bil­dung in Han­no­ver und Mün­chen zum Ein­satz kommt. Ein Un­ter­neh­men in Ka­na­da fer­tigt die Übungs­kü­he an – für Au­len­dorf wur­de es ein Fleck­vieh-Mo­dell nach Bil­dern El­fi­nas. Zwei Gum­mi­kälb­chen sind auch da­bei – mit je­weils 35 Ki­lo­gramm so schwer wie neu­ge­bo­re­ne Rin­der. Da ih­re Ge­len­ke und Glied­ma­ßen sich be­we­gen las­sen wie bei ech­ten Tie­ren, kön­nen auch schwie­ri­ge Ge­burts­si­tua­tio­nen rea­lis­tisch nach­ge­stellt wer­den. Tier­arzt Hans-Ge­org Ströh­le fin­det den Si­mu­la­tor sinn­voll: „Er ver­mit­telt den Über­gang zwi­schen rei­ner Theo­rie und räum­li­cher Vor­stel­lung. Und Ge­burts­hil­fe scheint im Mo­ment

An ech­ter Kuh ist sol­cher Un­ter­richt nicht mög­lich

ge­ne­rell The­ma bei jun­gen Land­wir­ten zu sein“, be­tont er. Ei­nen Kon­flikt mit dem Auf­ga­ben­feld der Tier­ärz­te sieht Ströh­le nicht. „Die Zei­ten, in de­nen bei je­der Ge­burt im Stall ein Tier­arzt ge­ru­fen wur­de, sind schon seit 30 Jah­ren vor­bei. Durch den Struk­tur­wan­del sind die Be­trie­be grö­ßer ge­wor­den, und die jun­gen Land­wir­te ha­ben da­durch mehr Er­fah­rung in der Ge­burts­hil­fe.“

Im LAZBW, das di­rekt dem Agrar­mi­nis­te­ri­um un­ter­stellt ist, durch­lau­fen nach An­ga­ben Her­res jähr­lich rund 400 an­ge­hen­de Land- und Tier­wir­te aus Ba­den-Würt­tem­berg die über­be­trieb­li­che Aus­bil­dung, hin­zu kom­men Wei­ter­bil­dun­gen für 150 bis 200 Land­wirt­schafts­meis­ter und bis zu 5 000 Un­ter­neh­mer und Be­ra­tungs­kräf­te.

RUND 80 PRO­ZENT AL­LER KÄL­BER kom­men oh­ne Hil­fe zur Welt, beim Rest kann es zu Kom­pli­ka­tio­nen bis hin zu Tot­ge­bur­ten kom­men. Um Ri­si­ken zu mi­ni­mie­ren, trai­nie­ren an­ge­hen­de Land­wir­te auch Ge­burts­hil­fe – an ei­nem le­bens­gro­ßen Si­mu­la­tor. Fo­to: dpa

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