Im Ka­rus­sell mit dem Be­trach­ter

Das Hes­si­sche Lan­des­mu­se­um Darm­stadt zeigt Skulp­tu­ren des Bild­hau­ers To­ny Cragg

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Aus 1000 Tee­kan­nen ent­steht ei­ne glat­te Ku­gel, schätzt To­ny Cragg. Der bri­ti­sche Bild­hau­er hat es an zwölf Tee­kan­nen aus­pro­biert, die er in­ein­an­der ge­steckt hat. Die so ent­stan­de­ne Ku­gel hat frei­lich noch et­li­che Beu­len von den her­vor­ste­hen­den Hen­keln und Tül­len. Beim Ver­knäu­len der Kan­nen half der Com­pu­ter, spä­ter wur­de die Form aus ei­nem gro­ßen Holz­block ge­schnit­ten. Doch der 67-Jäh­ri­ge setzt nur sel­ten den Com­pu­ter ein und ar­bei­tet lie­ber mit den ei­ge­nen Hän­den.

Oh­ne­hin ist für ihn nichts lang­wei­li­ger, als die Welt rea­lis­tisch ab­zu­bil­den. To­ny Cragg hat viel Er­fah­rung mit der Ver­mitt­lung von Kunst, war er doch von 1979 bis 2013 an den Aka­de­mi­en in Düs­sel­dorf und Ber­lin tä­tig. Und in­ter­na­tio­nal gilt er als ei­ner der wich­tigs­ten zeit­ge­nös­si­schen Bild­hau­er. Er lebt in Wup­per­tal, be­treibt dort ei­nen ei­ge­nen Skulp­tu­ren­park und will mit sei­nen Wer­ken „all das zei­gen, was es noch nicht gibt, auch zei­gen, wel­che Ener­gi­en die For­men ent­hal­ten“.

Cragg ist al­so ex­pe­ri­men­tier­freu­dig, stellt folg­lich an den Be­trach­ter ho­he An­sprü­che. Der frei­lich wür­de am liebs­ten al­le 20 meist über­le­bens­gro­ßen Skulp­tu­ren ein­ge­hend ab­tas­ten, die jetzt im gro­ßen Saal des Hes­si­schen Lan­des­mu­se­ums in Darm­stadt aus­ge­stellt sind. Denn die Wer­ke aus der Zeit von 1993 bis 2015 be­ste­hen aus den ver­schie­dens­ten Ma­te­ria­li­en, von Bron­ze über Gips, Glas, Guss­ei­sen und Holz bis zu Jes­mo­ni­te, ein gut für Ab­güs­se ge­eig­ne­tes Acryl­ma­te­ri­al.

Doch der Bild­hau­er, der früh schon im Ba­di­schen Kunst­ver­ein und vor ei­ni­gen Jah­ren in der Kunst­hal­le Karls­ru­he aus­stell­te, sam­melt auch Fos­si­li­en und Mi­ne­ra­li­en, be­sitzt aber nicht solch ein­zig­ar­ti­ge und welt­weit be­rühm­te Ex­em­pla­re wie das Darm­städ­ter Mu­se­um. Als To­ny Cragg in London noch Ma­le­rei stu­dier­te, be­fand sich ne­ben der Aka­de­mie das na­tur­his­to­ri­sche Mu­se­um, in dem er mehr Zeit ver­brach­te als bei sei­nen Leh­rern. Schon als Kind be­geis­ter­te er sich für Na­tur­for­men, fand et­wa als Sie­ben­jäh­ri­ger beim Bud­deln ei­nen herz­för­mi­gen Se­ei­gel. Seit­her wuchs sei­ne Samm­lung an Fos­si­li­en und Mi­ne­ra­li­en und um­fasst nun „ei­ni­ge Ei­mer“, wie er in ty­pisch bri­ti­schem Un­der­state­ment sagt. Ex­akt 50 sei­ner Stü­cke sind jetzt in ei­ner Vi­tri­ne zu se­hen, in Schie­fer er­starr­ter Farn et­wa, glit­zern­de Ver­stei­ne­run­gen oder ba­na­le fos­si­le Höl­zer. Sie sind ei­ne wich­ti­ge In­spi­ra­ti­ons­quel­le für Cragg. Wie die­se Na­tur­for­men sind auch die Skulp­tu­ren von al­len Sei­ten zu be­trach­ten. Sie ver­än­dern sich beim Um­run­den, ob­wohl sie auf all­täg­li­chen Din­gen ba­sie­ren. To­ny Cragg will, so Ku­ra­tor Klaus Pohl, „Wer­ke schaf­fen, die ei­ne ähn­lich in­ten­si­ve Wir­kung ha­ben wie beim Be­trach­ten der Na­tur“.

Bei Cragg ent­steht je­de Skulp­tur aus der vor­he­ri­gen, so dass er gan­ze Werk­grup­pen bil­det. Die „Ear­ly Forms“et­wa ent­stan­den aus drei Ge­fä­ßen für che­mi­sche Pro­zes­se, dar­un­ter der Kol­ben und die Bir­ne. Die­se For­men reiht Cragg an­ein­an­der, dehnt, quetscht, staucht oder ver­zerrt sie so lan­ge, bis dar­aus ein wei­ßer Wir­bel­wind aus Gips wird. Die Ur­sprungs­for­men sind nicht mehr zu er­ken­nen, die kom­pli­zier­ten Li­ni­en­ver­läu­fe füh­ren so­gar re­gel­recht in die Ir­re.

Das mit 3,40 und 2,20 Me­tern fast rie­si­ge, aber doch gra­zi­le höl­zer­ne „Paar“kann man sich wie­der­um gut als ab­stra­hier­te Men­schen vor­stel­len: Sie ist die lang­bei­ni­ge und schlan­ke Schön­heit, er ist der klei­ne und dick­bäu­chi­ge Mann. Ein mensch­li­ches Pro­fil taucht auch mehr­mals bei zwei in die Brei­te stre­ben­den Skulp­tu­ren auf, die zu­erst in Acryl und dann in Bron­ze ge­gos­sen wur­den. Es ist ei­ne Land­schaft aus drei ins Nach­den­ken ver­sun­ke­nen Men­schen, de­ren Ge­sich­ter wie bei ei­ner Ka­rus­sell­fahrt nur noch ver­schwom­men zu se­hen sind.

So ar­bei­tet Cragg fast wie ein Fo­to­graf. Wenn der merkt, dass er je­man­den un­glück­lich ab­ge­bil­det hat, än­dert er die Per­spek­ti­ve. Ähn­lich macht das Cragg. Er um­run­det ein Ob­jekt in vie­len klei­nen Schrit­ten, bis dar­aus ein neu­es, fas­zi­nie­rend-flir­ren­des Mo­dell wird – kein schnö­des Ab­bild, viel­mehr et­was, das so noch nie zu se­hen war. Chris­ti­an Hu­ther

Öff­nungs­zei­ten

Bis 26. März 2017 im Hes­si­schen Lan­des­mu­se­um Darm­stadt, Frie­dens­platz 1. Di­ens­tag, Don­ners­tag und Frei­tag 10 bis 18 Uhr, Mitt­woch 10 bis 20 Uhr, Sams­tag und Sonn­tag 11 bis 17 Uhr. Ka­ta­log 24,90 Eu­ro. – In­ter­net: www.hlmd.de

„OUTSPAN“(2007) ei­ne Plas­tik von To­ny Cragg. Fo­to: Du­prat

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