Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - 28. Fort­set­zung Fort­set­zung folgt

Ein Streit der Zim­mer­mäd­chen hielt die Rei­sacher auf. Die Neue, die­se Su­de­ten­deut­sche, Ri­ta, glaub­te doch tat­säch­lich, den an­de­ren zei­gen zu müs­sen, wie der per­fek­te Knick in ei­nem Pa­ra­de­kis­sen aus­sah. Schon mehr als ein­mal hat­te die Rei­sacher er­lebt, wie schnell sich die gut­mü­ti­gen Bau­ern­mäd­chen in krei­schen­de Hyä­nen ver­wan­del­ten, wenn sie sich in ih­rer Eh­re ge­kränkt fühl­ten. Be­vor sie der Neu­en die Schür­zen­bän­del auf­zu­pf­ten, die Haa­re aus­ris­sen oder die von ihr ge­mach­ten Bet­ten auf­wühl­ten, sprich die Ar­beit un­ter ih­rer Zan­ke­rei lei­den wür­de, be­rei­te­te die Rei­sacher dem Zir­kus ein En­de, in­dem sie al­len den Rei­sacher’schen und da­mit den ein­zig auf der Büh­ler­hö­he gül­ti­gen Pa­ra­de­kis­sen­knick vor­führ­te. Das ließ die al­ten Zim­mer­mäd­chen be­frie­digt ni­cken und mach­te der Neu­en klar, dass sie als Haus­da­me hier kei­ne Ex­tra­würs­te dul­de­te.

Kaum hat­te die Rei­sacher die­sen Sturm im Was­ser­glas be­en­det, woll­te von Dros­te sie spre­chen. Der Haupt­mann dräng­te auf ei­ne Un­ter­re­dung un­ter vier Au­gen und bei ge­schlos­se­nen Tü­ren. Die Rei­sacher führ­te ihn in ihr Bü­ro.

„Wenn nichts Un­vor­her­ge­se­he­nes mehr pas­siert, reist der Kanz­ler mor­gen Nach­mit­tag an.“

Ei­nen Stuhl lehn­te er ab, die Hän­de auf dem Rü­cken, durch­pflüg­te er den klei­nen Raum, als stün­de er vor sei­ner Ein­heit. Höf­lich­keits­hal­ber blieb auch die Rei­sacher ste­hen.

„Wir wol­len den Rum­mel bei sei­ner An­kunft klein hal­ten. Na­tür­lich darf die Pres­se ih­re Fo­tos schie­ßen, na­tür­lich dür­fen die hie­si­gen Ho­no­ra­tio­ren ih­re Kratz­fü­ße ma­chen, na­tür­lich darf der orts­an­säs­si­ge Mu­sik­ver­ein spie­len. Aber al­les kurz und knapp, der Kanz­ler braucht drin­gend Ru­he. Am ers­ten Tag ein ge­müt­li­cher Spa­zier­gang durch den Park, abends ein Di­ner im kleins­ten Kreis: der Kanz­ler, sei­ne Toch­ter, die engs­ten Be­ra­ter.“

„Zum Abend­es­sen Fo­rel­le blau? Wie im letz­ten Jahr?“, er­kun­dig­te sich die Rei­sacher.

Von Dros­te nick­te und bü­gel­te ih­re Fra­ge nach dem Nach­tisch mit un­wil­li­gem Kopf­schüt­teln ab. Ob Zi­tro­nen­creme oder Mok­ka-Eclairs war nicht si­cher­heits­re­le­vant. Zi­tro­nen­creme, ent­schied die Rei­sacher, die hat­te die Ade­nau­er-Toch­ter im letz­ten Jahr be­son­ders gern ge­mocht. Schnell kam sie zu ih­rer nächs­ten Fra­ge: „Wann will der Kanz­ler mit der Frisch­zel­len­kur be­gin­nen?“

Kurz run­zel­te von Dros­te die Stirn, dann quetsch­te er ein hal­bes Lä­cheln her­aus: „Springt der Dok­tor schon wie­der im Vier­eck? Sa­gen Sie Neu­haus, wir mel­den uns, so­wie der Kanz­ler die ers­ten Fe­ri­en­ta­ge ge­plant hat.“

Neu­haus wür­de wirk­lich im Vier­eck sprin­gen, wenn sie ihm mit die­ser va­gen Aus­kunft kam. Nicht ihr Pro­blem, soll­te er sich doch echauf­fie­ren, der ein­ge­bil­de­te Lack­af­fe. „Das Gäs­te­buch brau­che ich noch.“Die Rei­sacher hol­te es von der Re­zep­ti­on. Ge­mein­sam gin­gen sie die we­ni­gen Na­men durch, die seit der letz­ten Kon­trol­le hin­zu­ge­kom­men wa­ren. Zwei Paa­re, al­te Stamm­gäs­te, über die die Rei­sacher nur das Bes­te be­rich­ten konn­te. Ein Paar aus Köln, ei­nes aus Bonn. Die Köl­ner kann­ten den Kanz­ler aus sei­ner Zeit als Ober­bür­ger­meis­ter.

„Nun zu un­se­ren drei Un­be­kann­ten. Was macht der Frank­fur­ter?“

„Herr Ket­ten­kaul und sei­ne Se­kre­tä­rin ver­brin­gen viel Zeit auf ih­ren Zim­mern. Heu­te sind sie nach Ba­den-Ba­den ge­fah­ren. Ge­schäft­lich, sag­te er mir vor­hin.“„Und die Da­men Grün­ha­gen?“„Wandern mit Lei­den­schaft. Ha­ben sich heu­te aber we­gen des schlech­ten Wet­ters nach dem Früh­stück zum Zei­tung le­sen in die Bi­b­lio­thek zu­rück­ge­zo­gen.“

„Herr Gold­berg ist noch nicht an­ge­reist?“

„Nein. Und Frau Gold­berg ist sehr früh mit dem ers­ten Zug nach Frei­burg ge­fah­ren.“

Nichts in von Dros­tes Mie­nen­spiel ver­riet ihr, ob ihm das be­kannt war. Oder ob die­se Rei­se mög­li­cher­wei­se so­gar mit dem gest­ri­gen Tête-à-Tête zu­sam­men­hing.

„Der Tisch ges­tern Abend war zu Ih­rer Zuf­rie­den­heit?“

„So vor­züg­lich wie die Zun­ge in Ma­dei­ra.“

Kurz und bün­dig wies er sie in die Schran­ken. Da­bei hät­te sie zu ger­ne mehr über das Abend­es­sen mit Ro­sa Gold­berg er­fah­ren. Aber von Dros­te plau­der­te nie. Un­be­dach­te Wor­te kann­te er nicht. Was im­mer ihn mit den Sil­ber­manns ver­band, sie muss­te es oh­ne sei­ne Hil­fe her­aus­fin­den.

Er ver­ab­schie­de­te sich mit ei­ner stei­fen Ver­beu­gung, die Rei­sacher be­glei­te­te ihn hin­aus.

In der Rund­hal­le war­te­te der Jä­ger Hei­ner Gen­ter, der hier wahr­lich nichts zu su­chen hat­te. Sie woll­te ihn schon nach drau­ßen scheu­chen, als die Toch­ter Grün­ha­gen mit ge­schul­ter­tem Ge­wehr die Trep­pe her­un­ter­kam. Woll­te die Han­sea­tin bei dem schlech­ten Wet­ter auf die Jagd ge­hen? Die Rei­sacher mus­ter­te sie un­auf­fäl­lig. Dürr und ver­welkt war sie, ei­ne ab­ge­half­ter­te Dia­na, der letz­te gött­li­che Fun­ke das Jagd­fie­ber in ih­ren Au­gen. Mit ei­ner her­ri­schen Kopf­be­we­gung wies sie Gen­ter an, ihr zu fol­gen, und schritt oh­ne ein Wort dem Aus­gang zu. Her­um­kom­man­die­ren wird sie den Jä­ger, weil sie sonst kei­nen hat, der nach ih­rer Pfei­fe tanzt, füg­te die Rei­sacher ih­rem Bild der Han­sea­tin ein wei­te­res Puz­zle­teil­chen hin­zu. Mit der ist nicht gut Kir­schen es­sen. Hat viel­leicht des­halb kei­nen ab­be­kom­men, ob­wohl sie fi­nan­zi­ell be­stimmt ei­ne gu­te Par­tie ist. Aber selbst Frau­en mit Geld fin­den ja heut­zu­ta­ge kaum ei­nen Mann. Es sind ein­fach zu vie­le im Krieg ge­blie­ben oder mal­trä­tiert zu­rück­ge­kom­men. Wel­che Frau will schon ei­nen Ein­ar­mi­gen? Oder ei­nen Schrei­hals wie Bras­sel?

Die Rei­sacher konn­te nicht ver­hin­dern, dass ih­re Ge­dan­ken mal wie­der bei Xa­vier Pfis­ter lan­de­ten. Gut­aus­se­hend, char­mant und trotz oder ge­ra­de we­gen sei­ner Hin­ter­zim­mer­ge­schäf­te wohl­ha­bend. Ihr Rück­fahr­schein nach Straß­burg.

Um ein in­for­mel­les Tref­fen mit von Dros­te hat­te er sie ge­be­ten. Das soll­te er krie­gen. Sie hat­te es sich über­legt. Von Dros­te hat­te sei­ne An­ge­wohn­hei­ten si­cher nicht ge­än­dert. In den letz­ten Jah­ren pfleg­te er zum Ab­schluss des Ta­ges im­mer ei­nen Whis­ky im Rauch­sa­lon zu trin­ken. Dort könn­te Xa­vier un­ver­fäng­lich zu ihm sto­ßen. Sie wähl­te die Num­mer des Hunds­eck.

„Lei­der, lei­der, lie­be Frau Rei­sacher, Mon­sieur Pfis­ter ist nicht im Haus“, be­dau­er­te Hart­mann und über­schlug sich mal wie­der vor Freund­lich­keit. „Mo­ment, Mo­ment, ich no­tie­re: Rauch­sa­lon, 22 Uhr 30“, ver­si­cher­te er eil­fer­tig, als sie ihn bat, in Pfis­ters Schlüs­sel­fach ei­ne Nach­richt zu hin­ter­las­sen.

„Der Kanz­ler reist üb­ri­gens mor­gen an“, ver­riet sie groß­zü­gig. „Ob und wann er zu Ih­nen zum Schwim­men kommt, kann ich lei­der nicht sa­gen.“

„Ich weiß, ich weiß. Über­mor­gen ist ihm zu Eh­ren ein Früh­schop­pen bei uns ge­plant. Hie­si­ge Po­li­ti­ker, Un­ter­neh­mer aus der Re­gi­on. Der Kanz­ler hat sein Kom­men zu­ge­sagt.“

„Ach ja?“Sie är­ger­te sich, dass sie da­von nichts wuss­te. Das hät­te ihr von Dros­te doch sa­gen kön­nen.

„Sie wis­sen doch, wie’s ist. Kommt er oder kommt er nicht? Wo­chen­lang weiß man nichts Ge­nau­es, und dann muss al­les hopplahopp ge­hen.“Hart­mann schien voll des Ver­ständ­nis­ses für ih­ren Är­ger.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.