Di­gi­ta­li­sie­rung des Den­kens

WOLF­GANG VOIGT

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Mit dem An­schluss der Schu­len an die di­gi­ta­le Welt ver­hält es sich ähn­lich wie mit holp­ri­gen Nach­kriegs-Stra­ßen, auf de­nen die High-Tech-Au­tos von heu­te und mor­gen rol­len sol­len: Das Po­ten­zi­al ak­tu­el­ler tech­no­lo­gi­scher Mög­lich­kei­ten lässt sich kaum an­ge­mes­sen nut­zen, so­lan­ge man den Sa­nie­rungs­stau nicht tat­kräf­tig in den Fo­kus nimmt.

Klar ist: Ein Land wie Deutsch­land muss mit­ten in der Glo­ba­li­sie­rung nicht nur den Breit­band­aus­bau vor­an­trei­ben und sei­nen Un­ter­neh­men die Rah­men­be­din­gun­gen zur „In­dus­trie 4.0“be­rei­ten. Es muss vor al­lem da­für sor­gen, dass Fach­ar­bei­ter und Aka­de­mi­ker von mor­gen in den Schu­len auch das Rüst­zeug für die Be­rufs­welt der Zu­kunft ver­mit­telt be­kom­men. Doch das ist leich­ter ge­sagt als ge­tan.

Denn es ge­nügt mit­nich­ten, je­dem Schü­ler ein Ta­blet oder ein Note­book auf den Tisch zu le­gen. Es braucht den nö­ti­gen tech­ni­schen Sup­port, es braucht leis­tungs­fä­hi­ge Netz­wer­ke, und es braucht mit­un­ter er­heb­li­chen bau­li­chen Auf­wand an den viel­fach sa­nie­rungs­be­dürf­ti­gen

Schu­len. Un­ge­klär­te recht­li­che Fra­gen rund um das The­ma Da­ten­schutz müs­sen ge­löst wer­den, vor al­lem aber geht nichts oh­ne kom­pe­ten­tes päd­ago­gi­sches Per­so­nal. Ab­ge­se­hen da­von, dass die Po­li­tik in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren mit stän­dig neu­en und oft ge­nug un­aus­ge­go­re­nen Re­form­ide­en ei­nen Groß­teil der Leh­rer über Ge­bühr be­las­tet hat, ist es hier mit den üb­li­chen Fort­bil­dungs­ein­hei­ten nicht ge­tan. Die Di­gi­ta­li­sie­rung des schu­li­schen All­tags er­for­dert ei­ne ganz­heit­li­che Di­dak­tik, den Pa­ra­dig­men­wech­sel in der Leh­rer­aus­bil­dung schlecht­hin. Sie er­for­dert auch ei­ne durch­dach­te Fort­schrei­bung der Bil­dungs­plä­ne, die den Sprung in die ver­netz­te Welt nicht auf Kos­ten über­zeit­li­cher so­zia­ler Kom­pe­ten­zen voll­zieht.

Die Bil­dungs­po­li­tik hat ei­ne Jahr­hun­dert­auf­ga­be vor sich, und sie muss sie rasch in An­griff neh­men. Zu­viel Zeit hat man be­reits ver­strei­chen las­sen und sich im­mer wie­der mit Schul­struk­tu­ren an­statt mit Bil­dungs­qua­li­tät be­fasst. Die Di­gi­ta­li­sie­rung des Den­kens ist in ers­ter Li­nie ei­ne Chan­ce.

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