Par­ty ge­gen die Kri­se

In Maas­tricht wird das Ju­bi­lä­um 25 Jah­re Eu­ro­päi­sche Uni­on ge­fei­ert

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Die blaue Fah­ne mit den gel­ben Ster­nen flat­tert fröh­lich auf dem Gro­ßen Markt von Maas­tricht. Die süd­nie­der­län­di­sche Stadt fei­ert Ge­burts­tag. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on be­steht 25 Jah­re. Am 9. und 10. De­zem­ber 1991 wur­de hier der Ver­trag von Maas­tricht aus­ge­han­delt, die Ba­sis der EU und des Eu­ro.

Maas­tricht ist bis heu­te die eu­ro­päischs­te Stadt der Nie­der­lan­de und stolz dar­auf. Stadt­füh­rer Cor Ha­mans zeigt Tou­ris­ten ger­ne die mit­tel­al­ter­li­che Stadt an der Maas mit den ma­le­ri­schen Gas­sen. Au­ßer zur Ser­va­es-Ba­si­li­ka und dem Platz Vri­j­t­hof führt er sie auch zu ei­ner an­de­ren Se­hens­wür­dig­keit: Ein Geld­au­to­mat auf dem Markt. „Dort wur­de am 1. Ja­nu­ar 2002 der al­ler­ers­te Eu­ro-Schein ge­zo­gen“, sagt er stolz. Maas­tricht will den 25. Ge­burts­tag der EU nicht nur fei­ern. Un­ter dem Mot­to „Eu­ro­pe Cal­ling“– Eu­ro­pa ruft – will die Stadt auch die Initia­ti­ve zu ei­ner neu­en po­si­ti­ven Eu­ro­pa-De­bat­te er­grei­fen.

Doch was gibt es ei­gent­lich zu fei­ern? Die EU er­lebt ei­ne der größ­ten Kri­sen ih­rer Ge­schich­te: Groß­bri­tan­ni­en wird die Ge­mein­schaft ver­las­sen, bei der Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen tritt die feh­len­de So­li­da­ri­tät un­ter den Mit­glieds­staa­ten of­fen zu­ta­ge, es gibt ei­ne Spal­tung zwi­schen Nord und Süd, Ost und West. Hin­zu kommt der Er­folg der Rechts­po­pu­lis­ten in meh­re­ren Län­dern, die vor al­lem auch mit ei­ner an­ti-ei­ro­päi­schen Stim­mung punk­ten. Von Eu­roSkep­sis aber ist in Maas­tricht nichts zu spü­ren. Ge­ra­de hier im Zen­trum des Län­der­drei­ecks von Deutsch­land, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den lebt Eu­ro­pa, sagt der Gou­ver­neur der Pro­vinz Lim­burg, Theo Bo­vens. „Maas­tricht hat enorm von der EU pro­fi­tiert.“„Wir sind hier ei­ne Mi­ni-EU,“sagt der Gou­ver­neur. Die da­mals ver­ab­re­de­te In­te­gra­ti­on aber sei nicht weit ge­nug ge­gan­gen. Bo­vens plä­diert für ei­ne wei­t­aus en­ge­re Zu­sam­men­ar­beit. „Bei So­zi­al­ge­set­zen, Steu­er oder Bil­dung sind die Gren­zen noch nicht of­fen.“

Vor 25 Jah­ren wa­ren ge­ra­de die Of­fen­heit von Maas­tricht und die stra­te­gi­sche La­ge der Stadt Grün­de, dass sie als Ort des his­to­ri­schen Gip­fel­tref­fens der da­mals zwölf Mit­glieds­staa­ten der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft ge­wählt wur­de. Das da­mals fun­kel­na­gel­neue Pro­vin­zi­al­haus stand zur Ver­fü­gung und es gab gu­te Re­stau­rants. Das war si­cher nicht un­wich­tig für ein gu­tes Ver­hand­lungs­kli­ma und al­les an­de­res als selbst­ver­ständ­lich in den für ih­re kar­gen Mit­tag­es­sen be­rüch­tig­ten Nie­der­lan­den.

Bis heu­te wird in Maas­tricht noch stolz die An­ek­do­te er­zählt, dass der da­ma­li­ge fran­zö­si­sche Prä­si­dent Fran­cois Mit­ter­rand 1991 sei­nen Amts­kol­le­gen Ruud Lub­bers warn­te: „Wenn du beim Gip­fel Kä­se­bröt­chen ser­vierst, dann wird es nichts.“Es lag na­tür­lich nicht an den Köst­lich­kei­ten aus den Maas­trich­ter Töp­fen, dass der Gip­fel ein Er­folg wur­de. Vor 25 Jah­ren wa­ren die Mit­glieds­staa­ten von Op­ti­mis­mus ei­nes ver­ein­ten Eu­ro­pa ge­trie­ben. Der Fall der Ber­li­ner Mau­er und das En­de des Kal­ten Krie­ges hat­ten da­zu bei­ge­tra­gen. Au­ßer­dem war da­mals ei­ne Zu­sam­men­ar­beit von nur zwölf Staa­ten auch we­sent­lich ein­fa­cher als heu­te.

Durch den Ver­trag, der im Fe­bru­ar 1992 eben­falls in der Stadt un­ter­zeich­net wur­de, blieb der Na­me der 120 000-Ein­woh­ner-Stadt in­ter­na­tio­nal ein Be­griff, Maas­tricht ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem blü­hen­den eu­ro­päi­schen Zen­trum. Es ist auch ein Ma­gnet für Stu­den­ten aus ganz Eu­ro­pa. Zur Zeit sind es 8 000, vie­le kom­men aus Deutsch­land. Un­ter ih­nen herrscht kei­ne EU-De­pres­si­on, sagt der deut­sche Stu­dent Mo­ritz Os­ter­hu­ber. „Die EU wird nicht Aus­ein­an­der­bre­chen. Dies ist nur ei­ne Zä­sur für ei­nen neu­en Plan.“Wo­her kommt die­ser Op­ti­mis­mus? „Eu­ro­pa bie­tet uns so vie­le Chan­cen“, ant­wor­tet die Stu­den­tin Patri­cia Sen­ge. „Rei­sen, Stu­die­ren, Ar­bei­ten“. Die bei­den Deut­schen en­ga­gie­ren sich auch beim Fest­pro­gramm „Eu­ro­pe Cal­ling“. „Es wird Zeit für neue Ide­en“, sa­gen sie.

Doch ob der pro-eu­ro­päi­sche Ruf aus Maas­tricht ge­hört wird, ist zwei­fel­haft. In den Nie­der­lan­den be­herrscht ein Lim­bur­ger mit ei­nem ganz an­de­ren Pro­gramm die po­li­ti­sche Büh­ne: Der Rechts­po­pu­list Geert Wil­ders. Sei­ne „Par­tei für die Frei­heit“kann mit dem Kurs ge­gen den Is­lam und ge­gen Eu­ro­pa stärks­te Kraft wer­den. Für Maas­tricht wä­re das ein Alp­traum.

An­net­te Bir­schel

„Wir sind hier ei­ne Mi­ni-EU“

GE­MEIN­SA­ME WÄH­RUNG: Bei den Ver­hand­lun­gen am 9. und 10. De­zem­ber 1991 in Maas­tricht wur­de die Ein­füh­rung des Eu­ro be­schlos­sen. Fo­tos: dpa

HIS­TO­RI­SCHE UN­TER­SCHRIFT: Hans-Dietrich Gen­scher (links) und Theo Wei­gel un­ter­zeich­nen am 7. Fe­bru­ar 1992 die Maas­trich­ter Ver­trä­ge.

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