Span­nung vor dem Schle­cker-Pro­zess

Vie­le Ex-Mit­ar­bei­ter hof­fen auf spä­te Ge­rech­tig­keit

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ni­co Po­int­ner VOR GE­RICHT muss An­ton Schle­cker im März. Fo­to: dpa

Stutt­gart. Ka­rin Mein­erz steht hin­ter der Kas­se und zuckt mit den Schul­tern. Ei­nen ech­ten Groll he­ge sie ei­gent­lich nicht ge­gen ih­ren al­ten Chef, sagt sie. „Ich hin­ke Sa­chen nicht ewig hin­ter­her.“Elf Jah­re war sie bei Schle­cker be­schäf­tigt. Eu­ro­pas ehe­mals größ­te Dro­ge­rie­ket­te ist längst plei­te. Und die 56-jäh­ri­ge Mein­erz hat im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Kreis Lud­wigs­burg ih­ren ei­ge­nen Dor­f­la­den auf­ge­macht, Dreh­punkt heißt er. „Ich fin­de, je­der soll die ge­rech­te Stra­fe krie­gen für das, was er ge­tan hat“, sagt sie. „Aber meist wer­den die Gro­ßen lau­fen ge­las­sen.“

2006 rühm­te sich An­ton Schle­cker noch, „Al­lein­in­ha­ber des größ­ten Dro­ge­rie­markt­un­ter­neh­mens der Welt“zu sein. Zehn Jah­re spä­ter könn­te er nun ins Ge­fäng­nis kom­men: Der 72-Jäh­ri­ge muss sich vom 6. März an we­gen vor­sätz­li­chen Bank­rotts vor Ge­richt ver­ant­wor­ten. Schle­cker hat­te im Ja­nu­ar 2012 In­sol­venz an­ge­mel­det – kurz vor der Plei­te soll er Mil­lio­nen bei­sei­te­ge­schafft ha­ben. Die Staats­an­walt­schaft hat­te auch sei­ne Fa­mi­lie – sei­ne Frau und sei­ne bei­den Kin­der – und Wirt­schafts­prü­fer an­ge­klagt. Die Schle­ckerS­to­ry ist so dra­ma­tisch, weil Zehn­tau­sen­de Men­schen da­mals plötz­lich auf der Stra­ße stan­den. „Ich fan­ge erst an, das zu ver­ar­bei­ten“, sagt die eins­ti­ge Ge­samt­be­triebs­rats­che­fin Chris­tel Hoff­mann. Sie er­in­nert sich noch gut an den Schock un­ter den An­ge­stell­ten da­mals. „Das war ei­ne rie­sen­gro­ße Ent­täu­schung auf men­sch­li­cher Ebe­ne.“

Bis heu­te ha­be sich die Fa­mi­lie nicht bei den Be­schäf­tig­ten ent­schul­digt. Hoff­mann ist ge­spannt auf den Pro­zess. Wä­ren die Vor­wür­fe ge­gen die Fa­mi­lie un­be­grün­det, hät­te das Ge­richt die An­kla­ge nicht zu­ge­las­sen, meint sie. „Sie sind die Ver­ant­wort­li­chen, die Ver­ur­sa­cher und die Schul­di­gen, und aus der Ver­ant­wor­tung wer­de ich sie nie­mals ent­las­sen.“20 Jah­re ar­bei­te­te Hoff­mann für Schle­cker, zu­nächst in ei­ner Fi­lia­le in Pforz­heim, spä­ter im Be­triebs­rat. Die 63-Jäh­ri­ge be­rich­tet von Pro­ble­men mit dem Ar­beits­zeit­ge­setz, mit der ta­rif­li­chen Be­zah­lung, mit der Si­cher­heit der Be­schäf­tig­ten. „Da lag vie­les im Ar­gen“, sagt sie. Auch die Plei­te wä­re ih­rer Mei­nung nach ver­meid­bar ge­we­sen. „Er hat den Sprung ins Neue ver­passt“, sagt sie über ih­ren Ex-Chef.

Die Be­leg­schaft ha­be krea­ti­ve Vor­schlä­ge ge­macht, et­wa für ein viel­fäl­ti­ge­res An­ge­bot, ein at­trak­ti­ve­res La­den­lay­out. Sie sei­en aber nicht ge­hört wor­den. Und im Ge­gen­satz zu Schle­cker hät­ten die Mit­be­wer­ber ein ech­tes „Ver­kaufs­er­leb­nis“ge­bo­ten. Hoff­mann be­glei­te­te die Be­schäf­ti­gen nach der Plei­te in der Über­gangs­zeit. „Es gibt nur sehr we­ni­ge Kol­le­gin­nen, die heu­te zu den al­ten Ar­beits­be­din­gun­gen Be­schäf­ti­gung ge­fun­den ha­ben“, sagt sie. An­ton Schle­cker soll Mil­lio­nen bei­sei­te­ge­schafft ha­ben. Vie­le sei­ner ehe­ma­li­gen Be­schäf­tig­ten hät­ten in­des ei­nen schlech­ten Job an­neh­men müs­sen, um ei­ni­ger­ma­ßen über­le­ben zu kön­nen, so Hoff­mann.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.