Börsianer träu­men vom Jah­res­end­spurt

Kur­se von EZB-Ent­schei­dung an­ge­scho­ben

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ti­mo Hausdorf

Frank­furt/Main. Vie­le Börsianer hat­ten das Jahr 2016 ei­gent­lich schon ab­ge­schrie­ben. Sor­gen um Chi­nas Wirt­schaft, die Eu­ro­kri­se, das Br­ex­it-Vo­tum, die Trump-Wahl und das Ita­li­enRe­fe­ren­dum ha­ben die Kur­se be­las­tet. Doch zum Jah­res­en­de scheint all das ver­ges­sen. Ein paar Mo­na­te An­lauf hat der Dax ge­braucht – doch nun ist dem deut­schen Leit­in­dex der Sprung über die Hür­de von 11 000 Punk­ten ge­glückt. Mit der Über­win­dung der run­den Mar­ke glau­ben Börsianer ver­mehrt dar­an, dass die Lethar­gie der ver­gan­ge­nen Mo­na­te ein En­de ge­fun­den hat.

Trotz al­ler po­li­ti­schen Stol­per­fal­len könn­te ei­ne so­ge­nann­te Jah­res­en­dral­ly in die­sem Jahr doch noch statt­fin­den. Börsianer be­zeich­nen da­mit stark stei­gen­de Kur­se kurz vorm Jah­res­wech­sel. Ne­ben den schon lan­ge gel­ten­den Ar­gu­men­ten ei­ner ho­hen Li­qui­di­tät und ei­nes Man­gels an Al­ter­na­ti­ven bei der Geld­an­la­ge se­hen Börsianer auch Nach­hol­be­darf ge­gen­über den US-Bör­sen. Wäh­rend der welt­weit be­kann­tes­te In­dex Dow Jo­nes In­dus­tri­al in New York seit Jah­res­be­ginn um mehr als zwölf Pro­zent ge­stie­gen ist und zu­letzt von Re­kord zu Re­kord eil­te, ist der Dax von sei­nen his­to­ri­schen Hö­hen bei 12 390 Punk­ten noch mei­len­weit ent­fernt.

Bis­lang hat der deut­sche Leit­in­dex seit Jah­res­be­ginn nicht ein­mal drei Pro­zent an Wert ge­won­nen, wes­halb er laut Franz-Ge­org Wen­ner vom Bör­sen­sta­tis­tik-Ma­ga­zin „In­dex-Ra­dar“sei­ne lang­fris­ti­ge Durch­schnitts­ren­di­te von knapp neun Pro­zent pro Jahr mo­men­tan klar ver­feh­len dürf­te.

„Was Ak­ti­en auch ei­nen Schub gibt, ist die Vor­stel­lung, dass ei­ner Weih­nachts­o­der Jah­res­en­dral­ly ei­gent­lich nur noch we­nig im Weg steht“, sagt Markt­be­ob­ach­ter Mar­kus Hu­ber vom Bro­ker Ci­ty of Lon­don Mar­kets. Die Sit­zung der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB), die am gest­ri­gen Don­ners­tag an­stand, sei ei­gent­lich die letz­te gro­ße Hür­de. Und hier er­füll­ten sich die Er­war­tun­gen der Börsianer, dass die No­ten­ban­ker ihr gi­gan­ti­sches Wert­pa­pier­Kauf­pro­gramm ver­län­gern und da­mit den Markt so­mit wei­ter mit Mil­li­ar­den flu­ten wer­den.

Auch Ro­bert Hal­ver glaubt, dass die Jah­res­en­dral­ly be­reits läuft. „Kon­junk­tu­rell fah­ren wir deut­lich schnel­ler. Es gibt mehr Treib­stoff im Tank“, sagt der Markt­ana­lyst der Baa­der Bank. We­gen der lo­cke­ren geld­po­li­ti­schen Zü­gel ver­gleicht Hal­ver den EZBChef Ma­rio Draghi mit dem Ge­schen­ke ver­tei­len­den Weih­nachts­mann. „Er lässt vor ei­nem er­eig­nis­rei­chen Jahr 2017 nichts an­bren­nen“, sagt der Baa­der-Ex­per­te mit Blick auf wich­ti­ge po­li­ti­sche Er­eig­nis­se, die im kom­men­den Jahr an­ste­hen – dar­un­ter die Wah­len in Frank­reich, Deutsch­land und den Nie­der­lan­den.

Auch die Ent­wick­lung stimmt die Ex­per­ten zu­ver­sicht­lich. „Die tech­ni­sche La­ge hat sich ver­än­dert“, sagt Ana­lyst Chris­toph Gey­er von der Com­merz­bank mit Blick dar­auf, dass der Dax nach dem Ita­li­en-Re­fe­ren­dum ein neu­es Jah­res­hoch mar­kie­ren konn­te und erst­mals seit Mo­na­ten nicht an der Hür­de von 10 800 Punk­ten ab­prall­te. „Da­mit hat sich deut­li­ches Auf­wärts­po­ten­zi­al er­öff­net.“

Doch wie häu­fig kommt ei­ne Jah­res­en­dral­ly über­haupt vor? „Sta­tis­tisch ge­se­hen legt der Markt im De­zem­ber in vier von fünf Fäl­len zu“, sa­gen die Ex­per­ten von „In­dex-Ra­dar“. Seit der Jahr­tau­send­wen­de hat der Dax im De­zem­ber im Schnitt um fast drei Pro­zent zu­ge­legt und da­mit ei­nen gu­ten Teil sei­ner Jah­res­ge­win­ne

„Es gibt mehr Treib­stoff im Tank“

ein­ge­fah­ren. In die­sem Jahr wä­re ein Jah­res­end­spurt aber kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Denn schließ­lich ha­ben die Ak­ti­en­märk­te ein auf­rei­ben­des Jahr hin­ter sich.

Sor­gen um die Wirt­schaft des wich­ti­gen Han­dels­part­ners Chi­na und spä­ter die Eu­ro­kri­se hat­ten den Dax bis un­ter 8 700 Punk­te ge­drückt. Doch das Br­ex­it-Vo­tum der Bri­ten, die Wahl Do­nalds Trump zum künf­ti­gen US-Prä­si­den­ten und die ge­schei­ter­te Ver­fas­sungs­re­form in Ita­li­en ha­ben ein­mal mehr be­wie­sen, dass po­li­ti­sche Bör­sen kur­ze Bei­ne ha­ben. Will sa­gen: Po­li­ti­sche Ge­scheh­nis­se brin­gen die Bör­sen nur kurz aus dem Tritt. Auch wenn es zu­nächst kräf­tig berg­ab ging, er­hol­ten sich die Kur­se zu­letzt stets bin­nen Mi­nu­ten.

VIEL BE­WE­GUNG AN DEN BÖR­SEN: An den Han­dels­plät­zen klet­ter­ten die Kur­se, der Leit­in­dex DAX er­reich­te ges­tern sein Jah­res­hoch. Fo­to: dpa

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