Zu of­fen­sicht­lich auf Wohl­fühl­kurs

Neu im Ki­no: Pro­mi­nent be­setz­tes Trans­gen­der-Dra­ma „Al­le Far­ben des Le­bens“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ra­mo­na (El­le Fan­ning) nennt sich selbst Ray. Der 16-jäh­ri­ge Teen­ager ist äu­ßer­lich ein Mäd­chen, fühlt sich aber seit er den­ken kann als Jun­ge. Sein sehn­lichs­ter Wunsch ist ei­ne Ge­schlechts­ope­ra­ti­on, die sein Aus­se­hen mit sei­ner Selbst­wahr­neh­mung zur De­ckung bringt. Mut­ter Mag­gie (Nao­mi Watts) hat da­für Ver­ständ­nis. Sie weiß bes­ser als al­le an­de­ren, dass es sich da­bei nicht nur um die Lau­ne ei­ner Pu­ber­tie­ren­den han­delt. Mag­gies les­bi­sche Mut­ter Dol­ly (Su­san Sa­ran­don), die da­zu neigt, das Le­ben lo­cke­rer zu neh­men, kann das nicht nach­voll­zie­hen – in ih­ren Au­gen könn­te Ray ein­fach ein Le­ben als Les­be füh­ren.

Zu­sam­men mit Dol­lys Le­bens­ge­fähr­tin Fran­ces (Lin­da Emond) le­ben die Frau­en in ei­nem män­ner­lo­sen Haus­halt in New York. Da gibt es zwar manch­mal Knatsch, aber im Grun­de stimmt die Che­mie zwi­schen den Frau­en aus drei un­ter­schied­li­chen Ge­ne­ra­tio­nen. We­der Mag­gies Angst vor den Ri­si­ken der Ge­schlechts­um­wand­lung noch Dol­lys Vor­be­hal­te wä­ren stark ge­nug, um Ray an dem Vor­ha­ben zu hin­dern. Aber da es das Ein­ver­ständ­nis bei­der El­tern­tei­le braucht, kommt noch ein Mann ins Spiel, Meg­gies lan­ge aus dem Blick­feld ge­ra­te­ner ehe­ma­li­ger Le­bens­ge­fähr­te. Der er­weist sich, nach­dem ihn Mag­gie wie­der auf­ge­stö­bert hat, als stör­risch.

Die bri­ti­sche Re­gis­seu­rin und Co-Au­to­rin Ga­by Del­lal dürf­te schon ge­spürt ha­ben, dass bei ih­rem Hollywood-De­büt „Al­le Far­ben des Le­bens“ihr of­fen­sicht­li­ches Be­dürf­nis, das heik­le The­ma Ge­schlechts­um­wand­lung als ei­ne im Grun­de nor­ma­le Sa­che dar­zu­stel­len und sie ein­zu­bet­ten in ei­ne un­kon­ven­tio­nel­le Frau­en-WG zwar ei­ner links­li­be­ra­len Wel­t­an­schau­ung ent­ge­gen­kommt, aber nicht dem Un­ter­hal­tungs­be­dürf­nis des Ki­no­pu­bli­kums. Das braucht Kon­flik­te und ein Min­dest­maß von Span­nung. Letz­te­res stellt sich kaum ein, weil der Film mit sei­nen poin­tier­ten Dia­lo­gen und ei­ni­gen ko­mi­schen Sze­nen zu of­fen­sicht­lich auf Wohl­fühl­kurs ge­trimmt ist. Da taugt auch die Auf­de­ckung ei­nes lan­ge ge­hü­te­ten Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­ses nicht als re­tar­die­ren­des Mo­ment vor dem un­ver­meid­li­chen Hap­py End. Die Här­ten und Fol­gen der Ge­schlechts­ope­ra­ti­on wer­den da­bei aus­ge­spart.

Ein schlech­ter Film ist das aber des­halb bei­lei­be nicht. Die Haupt­ak­teu­rin­nen – im­mer­hin drei der ge­frag­tes­ten Hol­ly­wood­stars ih­rer Ge­ne­ra­ti­on – sind mit sicht­li­chem En­ga­ge­ment bei der Sa­che. Und die Re­gis­seu­rin lässt sich im­mer wie­der et­was ein­fal­len, um den mo­de­ra­ten Kon­ver­sa­ti­ons­ton nicht über­mäch­tig wer­den zu las­sen. Wenn Ray auf dem Skate­board durch die Stra­ßen von New York rauscht, ist die Ka­me­ra haut­nah da­bei und ver­mit­telt so et­was von dem bur­schi­ko­sen Le­bens­ge­fühl, das sie/ihn um­treibt. Pe­ter Kohl

FÜHLT SICH ALS JUN­GE: Ra­mo­na (El­le Fan­ning) wünscht sich sehn­lichst ei­ne Ge­schlechts­ope­ra­ti­on. Ih­re Fa­mi­lie re­agiert un­ter­schied­lich dar­auf. Fo­to: dpa

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