„Jen­seits al­ler ma­te­ri­el­len Zwän­ge“

Weih­nachts­aus­stel­lung von Axel Her­ten­stein letzt­mals in der Vo­ge­sen­stra­ße

Pforzheimer Kurier - - KULTUR IN PFORZHEIM -

Axel Her­ten­stein be­sitzt den Vor­zug ei­nes je­den Künst­lers – er er­fin­det sich stän­dig neu. Na­tür­lich un­ter Ver­wen­dung des bis­he­ri­gen Fun­dus’ an Er­leb­nis­sen und Ide­en.

Wo­her be­kommt der 79-jäh­ri­ge Gra­fi­ker und Dru­cker sei­ne In­spi­ra­tio­nen? Oft von Rei­sen, aber nicht in die­sem er­eig­nis­rei­chen Jahr, in dem sei­ne Mut­ter starb. Wie an­de­re Geld spa­ren, hat er man­chen Schatz im Kopf und be­gibt sich da­mit auf ei­ne „sen­ti­men­tal Jour­ney“, wie er sagt. So ver­wan­deln sich Wachträu­me und Re­mi­nis­zen­zen im Zu­sam­men­spiel zu Bil­dern, die er zur Welt bringt.

Was da so al­les im Werk­statt­kel­ler in der Vo­ge­sen­al­lee 8 ge­bo­ren wur­de oder auch als La­ger­wa­re ans Ta­ges­licht kommt, lässt sich in sei­ner tra­di­tio­nel­len Weih­nachts­aus­stel­lung – zum letz­ten Mal am ge­wohn­ten Ort – be­wun­dern oder auch kau­fen. Am Sams­tag, 10. De­zem­ber, von 11 bis 20 Uhr und am Don­ners­tag, 15. De­zem­ber, von 17 bis 20 Uhr zieht in das stil­vol­le Am­bi­en­te der Grün­der­zeit­vil­la je­ne Me­lan­ge von Tee, Ker­zen­licht, an­ge­neh­men Ge­sprä­chen und eben der Kunst von Her­ten­stein ein, die un­ver­wech­sel­bar ist.

Die 36. Aus­stel­lung in der Vo­ge­sen­al­lee 8 birgt ei­nen Block von Still­le­ben aus dem Jahr 1996, die so noch nicht öf­fent­lich ge­zeigt wur­den. „Im Al­ter darf man die noch­mals als Re­tro­spek­ti­ve zei­gen“, sagt Her­ten­stein mit ver­schmitz­tem Lä­cheln. Da­ne­ben als Se­rie klei­ne Land­schafts­mo­ti­ve und dann, eben­falls aus dem Jahr 2016, ve­ge­ta­ti­ve Mo­ti­ve: Früch­te und Pflan­zen, die bei Her­ten­stein als The­men im­mer wie­der keh­ren. Wo ge­ra­de die Na­tur ih­re Far­be spen­diert, ent­fal­tet sich schwar­ze Kunst in Zeich­nun­gen mit Öl­krei­de im na­he­zu rei­nen Schreib­duk­tus. Schwarz-Wei­ßZeich­nun­gen, mit dem be­wuss­ten Ver­zicht auf den Reiz der Far­be, „nur als Li­nie“, die­nen Her­ten­stein als Kon­trol­le: „Stimmt die Zeich­nung al­so?“Ei­ne Fra­ge, die sich oh­ne das Schmei­cheln der Far­be gut be­ant­wor­ten las­se.

Al­tes und Neu­es, wech­seln­de Sti­le, For­ma­te und Mo­ti­ve – Her­ten­stein will ei­nen Aus­schnitt aus sei­nen Ar­bei­ten prä­sen­tie­ren und doch die gan­ze Pa­let­te sei­ner Kunst. Und im­mer wie­der sto­ßen er und die Be­trach­ter auf die­se herr­li­chen Fa­bel­we­sen, die für den „Ho­mo Lu­dens“, den spie­len­den Men­schen ste­hen.

Die­ser Ein­la­dung zum Spie­len kom­me er un­ge­zü­gelt, un­ge­bremst nach in sei­nen Ar­bei­ten, ge­treu dem Mot­to „Nur wer spielt, ist wirk­lich frei“. Das ma­che Spaß, ver­si­chert er glaub­haft, „jen­seits al­ler ma­te­ri­el­len Zwän­ge.“

Ne­ben der Spiel­wie­se mit Tier­chen ste­hen Bü­sche, je­nes Ge­strüpp von Schwarz­beer­he­cken et­wa, die his­to­risch ge­se­hen ih­re Hei­mat auf dem Land ha­ben. Die Lie­be zur Na­tur wur­de in Mühl­hau­sen an der Würm ge­weckt, wo Her­ten­stein auf­ge­wach­sen ist und früh auf dem Feld und der Wie­se helfen durf­te. Die Kind­heit drängt al­so im­mer noch her­aus aus ihm, wenn­gleich er sich wei­gert all­zu viel ana­ly­ti­sche Er­kennt­nis­se dar­aus zu zie­hen. Nicht er, nein die Be­trach­ter und Käu­fer soll­ten ih­re Pro­jek­tio­nen auf sei­ne sym­bol­star­ken Bil­der wer­fen. Da­für bie­tet er denk­bar viel Frei­heit und des­halb auch kei­nen Ti­tel zu den Wer­ken an.

Her­ten­stein be­glei­tet sei­ne Ar­beit kri­tisch. Bei sei­nen se­ri­el­len Ar­bei­ten brei­tet er die Bil­der auf dem Bo­den aus und setzt bei der ei­nen oder an­de­ren oft nach Ta­gen De­tails zu, die zu feh­len schei­nen. „Was wirk­lich schlecht ist, fliegt un­barm­her­zig in den Pa­pier­korb.“

Na­tür­lich nicht im Ab­fall­ei­mer ge­lan­det sind sei­ne frü­he­ren Buch­dru­cke mit Ly­rik. Sie sind nur rar ge­wor­den, denn man­gels ge­eig­ne­ter Dru­cke­rei in Pforz­heim ist die Pro­duk­ti­on der lie­be­voll edi­tier­ten Wer­ke er­lo­schen. Aber es gibt noch ei­ni­ge Ex­em­pla­re mit rei­nen Hand­pres­sen­dru­cken kom­bi­niert mit Li­te­ra­tur.

Auch nächs­tes Jahr wird es neue Her­ten­stein-Gra­fi­ken ge­ben, denn ei­ner sei­ner Samm­ler, Ger­hard Oden­wald, wird ihn samt Werk­statt und Aus­stel­lungs­raum bei sich in der Wa­gner­stra­ße auf­neh­men. „Dann bin auch ich Asy­lant.“

Jür­gen Pe­che

DRU­CKE UND GRA­FI­KEN prä­sen­tiert Axel Her­ten­stein jetzt wie­der in sei­ner Weih­nachts­aus­stel­lung. Dar­un­ter sind eben­so Se­ri­en wie Ein­zel­wer­ke. Fo­to: Pe­che

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