„Von al­len Sei­ten un­ter Druck ge­setzt“

Tier­hal­ten­de Be­trie­be im Enz­kreis wer­den we­ni­ger / Auch Zahl der Nutz­tier­pra­xen schrumpft

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bet­ti­na Geb­hard

Enz­kreis. Die tier­hal­ten­den Be­trie­be mit Kü­hen, Schwei­nen, Scha­fen oder Ge­flü­gel wer­den im Enz­kreis im­mer we­ni­ger. Mit ih­nen schrump­fen auch die Nutz­tier­pra­xen der Tier­ärz­te. Es gä­be im Land­kreis ge­ra­de mal noch sie­ben Tier­ärz­te, die Groß­tie­re be­han­deln, zählt Ul­rich Du­ra vom Ve­te­ri­när­amt Pforz­heim auf. Ab 2018 wer­den es nur noch sechs sein, da Tier­arzt Kai-Uwe Günt­ner in Neu­en­bürg dann kei­ne Rin­der und Schwei­ne mehr be­han­deln wird.

An der Lei­den­schaft für Kuh und Schwein lie­ge es nicht, doch der St­un­den­lohn hier­für sei ein­fach zu nied­rig. Die meis­ten Be­trie­be sei­en klein und wür­den im Ne­ben­er­werb be­trie­ben und da­her sei de­ren Be­treu­ung mit ho­hem Zeit­auf­wand für die An­fahr­ten ver­bun­den. Sein größ­ter Be­trieb ha­be ge­ra­de mal 30 Kü­he, er­klärt Günt­ner und so kom­me es oft vor, dass er nur we­gen ei­nem ein­zi­gen Tier ins Au­to steigt. Den­noch müs­se man et­li­che Me­di­ka­men­te und Ge­rät­schaf­ten be­reit­hal­ten, was eben­falls ho­he Kos­ten ver­ur­sa­che. Tier­arzt Axel Sie­ger aus Rem­chin­gen kön­ne da­her den Ent­schluss des Neu­en­bür­ger Kol­le­gen gut ver­ste­hen. Zu­dem be­we­ge man sich stän­dig auf ei­nem ge­fähr­li­chen Grad zwi­schen Le­ga­li­tät und Mach­bar­keit, be­kla­gen die Tier­ärz­te. Über das Ziel hin­aus­schie­ßen­de Re­ge­lun­gen hier­zu wür­den über Nacht auf den Weg ge­bracht, be­stä­tigt Du­ra, je­doch oft­mals erst nach Jah­ren wie­der zu­rück­ge­nom­men oder ge­lo­ckert. Dies ver­ur­sa­che ge­ra­de für Be­trie­be wie sie im Enz­kreis üb­lich sind „Schmer­zen“. Auch bei Sie­ger spielt die Nutz­tier­pra­xis ei­ne im­mer klei­ner wer­den­de Rol­le. Vie­le sei­ner Be­trie­be hät­ten auf­ge­ge­ben, an­de­re such­ten sich Spe­zia­lis­ten, die über­re­gio­nal un­ter­wegs sind und von de­nen sie sich ei­ne schnel­le­re Be­hand­lung er­hoff­ten, was je­doch durch die Ent­fer­nung und die Ver­kehrs­si­tua­ti­on auch nicht im­mer ga­ran­tiert sei. Für die Land­wir­te er­gibt sich ei­ne pa­ra­do­xe Sicht auf ih­re Si­tua­ti­on: Für die Klein­tie­re schei­nen die Men­schen be­reit zu sein, fast je­den Be­trag aus­zu­ge­ben, für die Le­bens­mit­tel je­doch rei­che es nicht ein­mal für ei­nen Min­dest­be­trag, der die Kos­ten deckt.

Bei ei­nem Milch­preis von un­ter 30 Cent oder ei­nem Schwei­ne­preis von we­ni­ger als 1,60 Eu­ro je Ki­lo­gramm ar­bei­te der Land­wirt um­sonst, sa­gen Milch­vieh­hal­ter Ben­ja­min Schmie­rer und Schwei­ne­hal­ter Ul­rich Hau­ser. Bei­de Prei­se sei­en im Mo­ment schwer zu rea­li­sie­ren. Man kön­ne al­so da­von aus­ge­hen, dass so­wohl Land­wir­te als auch Tier­ärz­te im Enz­kreis ei­ne ge­wis­se Pas­si­on mit­brin­gen müs­sen, um ih­re Ar­beit tun zu kön­nen, stellt Sie­ger fest. Ei­ne Lö­sung für die­se Si­tua­ti­on se­hen we­der Land­wir­te noch Tier­ärz­te.

Auch Du­ra kann den Land­wir­ten kei­ne Hoff­nung auf Bes­se­rung ma­chen. Vie­le Tier­hal­ter se­hen sich in­mit­ten von im­mer hö­her wer­den­den Kos­ten, sin­ken­den Prei­sen und ei­ner zu­neh­men­den Ar­beits­be­las­tung, vor al­lem durch stän­dig neue Re­ge­lun­gen und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten, von al­len Sei­ten un­ter Druck ge­setzt. Den Tier­arzt such­ten sich die „Pro­fi-Be­trie­be“sehr ge­zielt aus, denn je­der ste­he letzt­end­lich selbst in der Ver­ant­wor­tung, sei­ne Tie­re op­ti­mal zu ver­sor­gen und brau­che ei­nen Part­ner, auf den man zäh­len kön­ne. Hier­für kom­me auch der Tier­ge­sund­heits­dienst in Fra­ge, be­son­ders, wenn es sich um im Enz­kreis eher sel­ten ge­hal­te­ne Scha­fe oder Ge­flü­gel han­delt, wie bei Wolf­ram Gol­de­rer. Bei ei­ni­gen Be­trie­ben kä­men über­re­gio­nal prak­ti­zie­ren­de und spe­zia­li­sier­te Tier­ärz­te auf den Hof, aus Karls­ru­he, Tü­bin­gen, Sach­sen­heim oder Rot­ten­burg am Ne­ckar. Ein part­ner­schaft­li­ches Ver­hält­nis sei auch dem Tier­arzt das Wich­tigs­te, auch im Hin­blick auf die Le­bens­mit­tel­si­cher­heit. Doch von den 2018 ver­blie­be­nen sechs Tier­ärz­ten wür­den in ab­seh­ba­rer Zeit ver­mut­lich noch mehr die Nutz­tier­pra­xis ein­stel­len, so Du­ra, so dass die Be­trie­be auf Tier­ärz­te aus den Nach­bar­land­krei­sen an­ge­wie­sen sein wer­den.

Hau-Ruck-Re­ge­lun­gen ver­ur­sa­chen Schmer­zen

BEI TIER­ARZT AXEL SIE­GER aus Rem­chin­gen (hier im Milch­vieh­stall von Fa­mi­lie Schmi­der in St­ein) spielt die Nutz­tier­pra­xis ei­ne im­mer ge­rin­ge­re Rol­le. Schuld ist un­ter an­de­rem die schrump­fen­de Zahl der tier­hal­ten­den Be­trie­be. Fo­to: Geb­hard

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