Wenn Es­sen zum Pro­blem wird

Thea­ter­stück be­schäf­tigt sich mit Ta­bu­the­ma / Mehr Mäd­chen als Jun­gen be­trof­fen

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Shi­rin ist ein schlan­kes Mäd­chen. Sie ist 1,74 Me­ter groß und wiegt 49 Ki­lo. Trotz­dem zählt sie Ka­lo­ri­en, ver­zich­tet aufs Früh­stück, lässt das Pau­sen­brot weg, will nichts zu Mit­tag es­sen und wenn es Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se gibt, dann sagt sie: „Sol­len die an­de­ren doch den fet­ti­gen Mist es­sen.“Was sich er­schre­ckend an­hört, ist ei­ne Sze­ne aus ei­nem Thea­ter­stück, das die Sechst­kläss­ler der Kö­nigs­ba­cher Re­al­schu­le zu se­hen be­ka­men. Die Schau­spie­le­rin und aus­ge­bil­de­te So­zi­al­päd­ago­gin Mo­ni­ka Wie­der hat mit ih­rer Kol­le­gin Sa­rah Gros das Stück „Püpp­chen“ent­wi­ckelt. Im Mit­tel­punkt ste­hen Shi­rin und Le­na, zwei jun­ge Mäd­chen, die un­ter Ess­stö­run­gen lei­den. Wäh­rend die ma­ger­süch­ti­ge Shi­rin sich stän­dig über­legt, wie sie wei­ter ab­neh­men und noch schlan­ker wer­den kann, stopft ih­re Freun­din Le­na so viel Es­sen in sich hin­ein, bis ihr der Bauch weh­tut und sie sich er­bricht. Wenn sie im In­ter­net surft, dann ruft sie oft Sei­ten auf, die sich mit Buli­mie und Selbst- mord be­schäf­ti­gen. Wenn Le­na on­li­ne geht, dann loggt sie sich in ein Forum ein, um von an­de­ren Ma­ger­süch­ti­gen Tipps zum wei­te­ren Ab­neh­men zu er­hal­ten. „Sol­che Sei­ten gibt es tat­säch­lich“, sagt Mo­ni­ka Wie­der. An vier Schu­len in Pforz­heim und dem Enz­kreis wird das Stück auf­ge­führt. „Uns war wich­tig, dass das Ge­zeig­te rea­lis­tisch ist.“Lei­der sei­en Ess­stö­run­gen auch heu­te oft noch ein Ta­bu­the­ma, be­kla­gen sie. Des­we­gen ar­bei­ten die bei­den auch viel mit Hu­mor. Wie­der und Gros geht es näm­lich nicht dar­um, den mo­ra­li­schen Zei­ge­fin­ger vor den Schü­lern zu er­he­ben. Statt­des­sen wol­len sie die Kin­der auf ei­ner emo­tio­na­len Ebe­ne er­rei­chen. Die­se Prä­ven­ti­ons­ar­beit sei wich­tig, weiß Mar­ti­na Us­län­der vom Netz­werk „loo­ping“, denn rund ein Fünf­tel der Elf- bis 15-jäh­ri­gen ha­be Pro­ble­me mit dem Es­sen. Zwar sei­en 90 Pro­zent der Be­trof­fe­nen Mäd­chen, so die kom­mu­na­le Be­auf­trag­te für Sucht­prä­ven­ti­on, aber auch im­mer mehr Jun­gen sei­en bei ih­rem Kör­per­selbst­bild un­si­cher. In al­ler Re­gel wür­den Be­trof­fe­ne von Ess­stö­run­gen da­mit tie­fer lie­gen­de see­li­sche Pro­ble­me kom­pen­sie­ren, zum Bei­spiel Strei­tig­kei­ten in der Fa­mi­lie oder Grup­pen­zwang. „Je tie­fer die Be­trof­fe­nen in der Sucht­spi­ra­le ste­cken, des­to schwe­rer be­kommt

EIN HEIKLES THE­MA ha­ben Mo­ni­ka Wie­der (links) und Sa­rah Gros auf die Büh­ne ge­bracht: In ih­rem Thea­ter­stück „Püpp­chen“geht es um den Ma­ger­wahn. Fo­to: Rol­ler

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