Fi­nanz­pakt ent­las­tet Süd­wes­ten

Kret­sch­mann mit Ei­ni­gung zuf­rie­den / „Ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro mehr“

Pforzheimer Kurier - - ERSTE SEITE - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Ferber

Stuttgart/Ber­lin (dpa/lsw). Land und Kom­mu­nen im Süd­wes­ten wer­den durch den neu­en Bund-Län­der-Fi­nanz­pakt vom Jahr 2020 an brut­to fast ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro mehr in der Kas­se ha­ben. Das sag­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) ges­tern in Stuttgart. Die Ge­ber­län­der wie Ba­den-Würt­tem­berg wür­den durch den neu­en Fi­nanz­pakt ent­schei­dend ent­las­tet.

„Da­mit sind un­se­re Er­war­tun­gen er­füllt“, sag­te Kret­sch­mann. Die Po­li­tik ha­be Hand­lungs­fä­hig­keit be­wie­sen. „Wir ha­ben ge­han­delt, an­statt es dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu über­las­sen, die Li­nie vor­zu­ge­ben.“Im ver­gan­ge­nen Jahr über­wie­sen die Ge­ber­län­der 9,595 Mil­li­ar­den Eu­ro an die Neh­mer­län­der. Der Bund er­hält in­fol­ge des Pak­tes mehr Kom­pe­ten­zen, die ihm im Ge­gen­zug für die auf gut 9,5 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr auf­ge­stock­ten Zah­lun­gen an die Län­der zu­ge­si­chert wur­den. Da­zu ge­hö­ren die um­strit­te­ne Au­to­bahn-Ge­sell­schaft so­wie mehr Geld für ma­ro­de Schu­len. Das Ge­set­zes­pa­ket soll am Mitt­woch vom Bun­des­ka­bi­nett ver­ab­schie­det wer­den.

Für Grund­ge­setz­än­de­run­gen in Bun­des­tag und Bun­des­rat ist je ei­ne Zwei­drit­tel-Mehr­heit nö­tig. End­gül­tig ver­ab­schie­det wer­den die Neu­re­ge­lun­gen wohl im Mai. Kanz­le­rin An­gel Mer­kel (CDU) sag­te nach der über­ra­schen­den Ei­ni­gung mit den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Län­der: „Im Grund­satz ist das heu­te ein Rie­sen­schritt.“

„Ei­ni­ge Din­ge“müss­ten aber noch ge­klärt wer­den, sag­te Mer­kel nach den Ver­hand­lun­gen. Of­fen ist nach wie vor die Fi­nan­zie­rung des er­wei­ter­ten Un­ter­halts­vor­schus­ses für Al­lein­er­zie­hen­de im Jahr 2017. Auch die­ses Ge­setz sol­le aber noch auf den Weg ge­bracht wer­den.

Ber­lin. Wie­der ei­ne lan­ge Nacht im Kanz­ler­amt, wie­der ein stun­den­lan­ger Ver­hand­lungs­ma­ra­thon zwi­schen der Bun­des­kanz­le­rin und den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, wie­der ein zä­hes Rin­gen ums Geld so­wie um die Macht­ver­tei­lung zwi­schen dem Bund und den Län­dern. Und wie­der ei­ne Ei­ni­gung – die die­ses Mal so­gar end­gül­tig sein soll, auch wenn noch im­mer ei­ni­ge De­tail­fra­gen zu klä­ren sind.

Knapp zwei Mo­na­te nach­dem sich der Bund und die Län­der grund­sätz­lich auf ei­ne Neu­re­ge­lung ih­rer kom­pli­zier­ten Fi­nanz­be­zie­hun­gen und ei­ne Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Län­der­fi­nanz­aus­gleichs ab dem Jahr 2020 ge­ei­nigt hat­ten, leg­ten sie jetzt bei ei- nem wei­te­ren nächt­li­chen Gip­fel­tref­fen ih­ren Streit um das Aus­maß der Kom­pe­tenz­ver­la­ge­run­gen an den Bund so­wie der da­durch not­wen­di­gen Grund­ge­setz­än­de­run­gen bei. Man sei ei­nen „Rie­sen­schritt“vor­an­ge­kom­men, sag­te Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU). Bund und Län­der hät­ten „fair, ehr­lich und hart mit­ein­an­der ver­han­delt“und da­bei ei­ne „brei­te Über­ein­stim­mung“er­zielt. Be­reits in sei­ner nächs­ten Sit­zung könn­te das Bun­des­ka­bi­nett das ge­sam­te Ge­set­zes­pa­ket ver­ab­schie­den.

Ums Geld ging es im Kanz­ler­amt nur noch am Ran­de. Schon am 14. Ok­to­ber hat­ten sich Mer­kel, Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) und die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Län­der dar­über ver­stän­digt, dass der Bund sei­ne fi­nan­zi­el­len Hil­fen für die Län­der ab 2020 auf jähr­lich rund 9,52 Mil­li­ar­den Eu­ro auf­stockt, gleich­zei­tig ent­fällt der bis­he­ri­ge Aus­gleich zwi­schen den vier fi­nanz­star­ken Ge­ber­län­dern Bay­ern, Ba­den-Würt­tem­berg, Hes­sen und Ham­burg und den zwölf fi­nanz­schwa­chen Neh­mer­län­dern, weil der ge­sam­te Län­der­fi­nanz­aus­gleich über ei­ne Neu­ver­tei­lung der Um­satz­steu­er er­fol­gen soll. Im Ge­gen­zug er­klär­ten sich die Län­der be­reit, et­li­che Kom­pe­ten­zen an den Bund ab­zu­tre­ten, un­ter an­de­rem beim Fern­stra­ßen­bau, bei On­li­ne-An­ge­bo­ten der Ver­wal­tung, bei der Steu­er­ver­wal­tung so­wie für In­ves­ti­tio­nen in Schu­len. Doch die von Wolf­gang Schäu­b­le vor­ge­leg­ten Ge­set­zes­än­de­run­gen, die auch et­li­che Grund­ge­setz­än­de­run­gen not­wen­dig ma­chen, gin­gen den Län­der­chefs ent­schie­den zu weit. Sie war­fen ihm vor, mit im­mer neu­en Vor­schlä­gen weit über die Ver­ein­ba­run­gen vom 14. Ok­to­ber hin­aus­zu­ge­hen und sich weit­rei­chen­de Ein­griffs-, Steue­rungs- und Wei­sungs­rech­te zu si­chern.

Be­son­ders um­strit­ten war die Idee Schäu­bles, künf­tig Au­to­bah­nen zu pri­va­ti­sie­ren. Nach­dem be­reits der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD sein Ve­to ein­ge­legt hat­te, ei­nig­ten sich Bund und Län­der dar­auf, dass die ge­plan­te bun­des­ei­ge­ne In­fra­struk­tur­ge­sell­schaft, die für den Bau, den Be­trieb und den Un­ter­halt von Au­to­bah­nen und Bun­des­stra­ßen zu­stän­dig sein wird, kom­plett in öf­fent­li­cher Hand bleibt und es kei­ne Pri­va­ti­sie­run­gen ge­ben wird. Dies sei für die Län­der „ganz ent­schei­dend“ge­we­sen, sag­te Meck­len­burg-Vor­pom­merns Re­gie­rungs­chef Er­win Sel­le­ring (SPD). Zu­dem dür­fe es kei­ne Nach­tei­le für die Be­schäf­tig­ten in den bis­he­ri­gen Lan­des­ver­wal­tun­gen ge­ben.

Zu­dem kam es zu ei­ner Ver­stän­di­gung auf mehr Per­so­nal für die schnel­le­re Ab­schie­bung von ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern. Nach An­ga­ben Sel­le­rings wird ein neu­es Bund-Län­der-La­ge­zen­trum für Rück­füh­run­gen ein­ge­rich­tet, das sich schwer­punkt­mä­ßig um die Be­schaf­fung von Er­satz­pa­pie­ren küm­mern soll. Ein­zel­hei­ten sol­len noch mit Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re aus­ge­han­delt wer­den. Im Grund­satz ge­klärt wur­de auch, dass der Bund fi­nanz­schwa­chen Kom­mu­nen In­ves­ti­ti­ons­hil­fen zur Sa­nie­rung ma­ro­der Schu­len ge­währt, oh­ne dass da­durch die Kom­pe­ten­zen der Län­der im Bil­dungs­be­reich an­ge­tas­tet

Zu­satz-Mil­li­ar­den und Zu­satz-Kom­pe­ten­zen

wer­den. Ur­sprüng­lich woll­te Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le, dass die Län­der im De­tail die Ver­wen­dung der Mit­tel be­le­gen, nun ei­nig­ten sich Bund und Län­der dar­auf, dass der Bun­des­rech­nungs­hof „im Be­neh­men“mit den Lan­des­rech­nungs­hö­fen prü­fen kann, wie die Bun­des­mit­tel ver­wen­det wer­den. Of­fen blie­ben in den Ver­hand­lun­gen nach An­ga­ben Mer­kels auch noch De­tail­fra­gen bei der Fi­nan­zie­rung des er­wei­ter­ten Un­ter­halts­vor­schus­ses für Al­lein­er­zie­hen­de.

Die be­son­de­re Ent­las­tung der Haus­halts­not­la­ge­län­der Saar­land und Bre­men, die Sa­nie­rungs­hil­fen in Hö­he von je­weils 400 Mil­lio­nen Eu­ro er­hal­ten, wird im Grund­ge­setz ver­an­kert. Im Ge­gen­zug müs­sen sich die bei­den Län­der ver­pflich­ten, die Schul­den­brem­se ein­zu­hal­ten, Schul­den zu til­gen und die eigene Wirt­schafts­kraft zu stär­ken.

Foto: dpa

STREIT UMS GELD: Zwei Jah­re hat es ge­dau­ert, bis sich Bund und Län­der auf den neu­en Fi­nanz­aus­gleich ver­stän­digt ha­ben.

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