Ge­fühl­te Wahr­heit

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - TO­BI­AS ROTH

Al­le Jah­re wie­der kommt nicht nur der Weih­nachts­mann, son­dern auch das Wort des Jah­res. Über Sinn und Un­sinn die­ser Aus­zeich­nung lässt sich strei­ten. Fakt ist, die Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che hat auch für 2016 ei­nen Be­griff ge­fun­den, der den sprach­li­chen Nerv die­ses aus­klin­gen­den Jah­res tref­fen soll. Post­fak­tisch heißt die­ses Wort. Die Ju­ry be­grün­de­te ih­re ein­stim­mi­ge Wahl da­mit, dass es in ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen zu­neh­mend um Emo­tio­nen statt Fak­ten ge­he. Es zäh­le das Ge­fühl mehr als die Tat­sa­che. Herz schlägt Kopf. Im­mer grö­ße­re Be­völ­ke­rungs­schich­ten sei­en be­reit, die Wirk­lich­keit zu igno­rie­ren und Lü­gen zu ak­zep­tie­ren. Sie ver­trau­en ei­ner ge­fühl­ten Wahr­heit. Das klingt nach ge­fühl­ter Tem­pe­ra­tur. Die­se kann be­kannt­lich deut­lich von den Wer­ten ab­wei­chen, die ein Ther­mo­me­ter an­zeigt. Die Käl­te kriecht aber nicht ein­fach aus den Kno­chen, nur weil je­mand sagt, es ist wär­mer, als Du denkst. Das ver­deut­licht, was die Pro­ble­me und Ge­fah­ren ei­nes post­fak­ti­schen Zeit­al­ters sind. Denn wer glaubt, die Wahr­heit zu ken­nen, wird nicht ein­fach da­von ab­rü­cken, nur weil ihm ein an­de­rer mit Fak­ten kommt. Viel­mehr wird sich sein Ge­fühl, auf der rich­ti­gen Spur zu sein, noch ver­stär­ken.

Als Be­le­ge für ei­ne post­fak­ti­sche Hal­tung die­nen die gro­ßen Er­eig­nis­se die­ses Jah­res. Die wäh­len­de Mehr­heit der Bri­ten hat sich von der EU los­ge­sagt. Und in den USA ge­winnt ein pol­tern­der Laut­spre­cher die Prä­si­den­ten­wahl. Das Un­er­war­te­te, das kaum für mög­lich Ge­hal­te­ne ist ein­ge­tre­ten. Den Wäh­lern zu

be­schei­ni­gen, sie hät­ten da­bei schlicht Fak­ten igno­riert, ist zu ein­fach. Denn sie ha­ben ja nicht ein­fach ge­wählt, son­dern Denk­zet­tel ver­teilt. In Groß­bri­tan­ni­en ha­ben die Br­ex­it-Be­für­wor­ter nicht ge­won­nen, weil sie die bes­se­ren Ar­gu­men­te hat­ten. Son­dern weil das Br­ex­it-Vo­tum auch als Aus­druck des­sen ver­stan­den wor­den ist, dass et­was falsch läuft in Groß­bri­tan­ni­en. Und in den USA hat Do­nald Trump ge­won­nen, weil vie­le Hil­la­ry Cl­in­ton ver­hin­dern woll­ten, die wie kei­ne an­de­re als Sym­bol­fi­gur der herr­schen­den Klas­se ge­se­hen wird. Die Wäh­ler­stim­me wird so zum Pro­test ge­gen die Macht­lo­sig­keit des Bür­gers.

Das dif­fu­se Ge­fühl, dass sich et­was än­dern muss, ist ja durch­aus rich­tig. Der Po­pu­lis­mus be­geg­net die­sem Ge­fühl mit ein­fa­chen Ant­wor­ten, die es nicht gibt, die aber ver­füh­re­risch sind und auf frucht­ba­ren Bo­den fal­len, weil ei­ne kom­ple­xe Welt die Sehn­sucht nach Klar­heit be­stärkt. Be­feu­ert wird das, was man nun post­fak­tisch nennt, auch durch die In­for­ma­ti­ons­flut der Di­gi­ta­li­sie­rung. Im In­ter­net ist es ein­fach, für sei­ne Wahr­hei­ten Be­stä­ti­gun­gen zu fin­den. In den di­gi­ta­len Bla­sen wer­den aus Spe­ku­la­tio­nen Fak­ten. Dem zu be­geg­nen ist an­stren­gend, aber not­wen­dig. Der Po­pu­lis­mus ei­nes Trump oder das Bes­se­re-Wel­tNar­ra­tiv des Br­ex­it ha­ben ei­ne Rück­wärts­ge­wandt­heit ge­mein. Die­ses Frü­her-war-al­les-bes­ser heißt ei­gent­lich, die Zu­kunft macht Angst. Die Po­li­tik hat es zu lan­ge nicht ge­schafft, die­sen Ängs­ten mit Per­spek­ti­ven ih­ren Schre­cken zu neh­men. Da­mit hat sie post­fak­ti­schen Er­klär­mo­del­len zum Er­folg ver­hol­fen.

Emo­tio­nen schla­gen Fak­ten

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