Trumps Twit­ter-Ma­nie

Der künf­ti­ge US-Prä­si­dent grüßt fast täg­lich mit neu­en Atta­cken beim Kurz­nach­rich­ten­dienst

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Frank Herr­mann

Washington. Nun hat auch Chuck Jo­nes sein Fett ab­be­kom­men, Chef ei­nes Ge­werk­schafts­lo­kals in In­dia­na, das die Be­schäf­tig­ten des Kli­ma­an­la­gen­bau­ers Car­ri­er ver­tritt. Chuck Jo­nes, Uni­ted Steel­wor­kers, Lokal Num­mer 1999. Der Mann ma­che ei­nen mi­se­ra­blen Job, wenn es dar­um ge­he, die In­ter­es­sen der Ar­bei­ter zu ver­tre­ten, gif­te­te Do­nald Trump in ei­nem Tweet: „Kein Wun­der, dass die Un­ter­neh­men aus die­sem Land flie­hen!“Wenn Uni­ted Steel­wor­kers 1999 zu ir­gend­was tau­ge, dann wä­ren all die Car­ri­er-Jobs auch so in In­dia­na ge­blie­ben, schob der de­si­gnier­te US-Prä­si­dent ei­ne St­un­de spä­ter hin­ter­her, noch im­mer wü­tend.

Es war der neu­es­te Be­weis da­für, wie dünn­häu­tig Trump auf Wi­der­wor­te re­agiert. Die Sa­che mit der Mar­ke Car­ri­er,

„Der Er­nest He­ming­way der 140 Zei­chen“

die ih­re Pro­duk­ti­on nach Me­xi­ko aus­la­gern woll­te, hat­te ihm im Wahl­kampf als Pa­ra­de­bei­spiel da­für ge­dient, wie schlecht die USA an­geb­lich mit dem Frei­han­del fah­ren. Um ge­wis­ser­ma­ßen die Wen­de ein­zu­läu­ten, prahl­te er neu­lich via Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter da­mit, durch en­er­gi­sches Ein­grei­fen bei Car­ri­er mehr als 1 100 Ar­beits­plät­ze im Mitt­le­ren Wes­ten ge­ret­tet zu ha­ben. Dann rech­ne­te Jo­nes vor, dass es in Wahr­heit nur 800 Jobs sind, die nun nicht nach Me­xi­ko ab­wan­dern. Was Trump ver­brei­te, sei ei­ne glat­te Lü­ge, pol­ter­te er. Wor­auf­hin der Im­mo­bi­li­enMil­li­ar­där kon­ter­te, dass Jo­nes mehr ar­bei­ten und we­ni­ger re­den sol­le.

Do­nald Trump und die Tweets, aus der Sicht des US-Mil­li­ar­därs ist es ei­ne gro­ße, ver­blüf­fen­de Er­folgs­ge­schich­te. Als Au­ßen­sei­ter ins Kan­di­da­ten­ren­nen ge­gan­gen, be­dien­te er sich des Kurz­nach­rich­ten­diens­tes, um ei­nen täg­li­chen Draht zu sei­nen An­hän­gern zu knüp­fen, de­ren Frust er bes­ser er­fass­te als sei­ne Kon­tra­hen­ten. „Je­mand hat ge­sagt, ich sei der Er­nest He­ming­way der 140 Zei­chen“, brüs­te­te er sich vor zwölf Mo­na­ten auf ei­ner Büh­ne. „Ich ver­ste­he die so­zia­len Me­di­en. Vi­el­leicht bes­ser, als sie je ei­ner ver­stan­den hat.“

Tat­säch­lich gibt es nicht we­ni­ge Ame­ri­ka­ner, auch un­ter sei­nen Geg­nern, die Trump für ein Twit­ter-Ge­nie hal­ten. In­dem er sich di­rekt an sei­ne Fol­lo­wer wand­te, in­zwi­schen sind es 17 Mil­lio­nen, mach­te ihm nicht viel aus, was die Zei­tun­gen über ihn schrie­ben, wie die Kom­men­ta­to­ren der gro­ßen Fern­seh­sen­der über ihn dach­ten. Ob­wohl er Wahr­heit und Fik­ti­on auf ei­ne Art ver­mengt, wie man es kei­nem US-Prä­si­dent­schafts­be­wer­ber vor ihm durch­ge­hen ließ, hat er et­li­che Wäh­ler da­von über­zeugt, dass sei­ne Wort­mel­dun­gen glaub­wür­di­ger sind als das, was et­wa die hoch­se­riö­se „New York Ti­mes“be­rich­tet. Pa­ra­dox, aber wahr. Wel­che Wel­len sei­ne Tweets aus­lö­sen kön­nen, zeig­te sich, als er die Kos­ten für den Bau der künf­ti­gen Prä­si­den­ten­flug­zeu­ge kri­ti­sier­te. Trump droh­te da­mit, den VierMil­li­ar­den-Dol­lar-Auf­trag für den Bau zwei­er neu­er Bo­eing 747 zu stor­nie­ren. Mit Er­folg. Erst brach der Kurs der Bo­eing-Ak­tie ein, dann ge­lob­te der Flug­zeug­her­stel­ler, die Kos­ten für die neue Ge­ne­ra­ti­on der Air Force One un­ter Kon­trol­le zu hal­ten. Oder die Cau­sa Tai­wan. Als ihm die Prä­si­den­tin des In­sel­staats zum Wahl­sieg gra­tu­lier­te, schrieb er bei Twit­ter, dass sie an­ge­ru­fen ha­be, als ha­be er kei­ne an­de­re Wahl ge­habt, als mit ihr zu re­den. Nun ver­zich­ten ame­ri­ka­ni­sche Spit­zen­po­li­ti­ker, aus Rück­sicht auf Chi­na, seit 1979 auf di­rek­te Kon­tak­te zur tai­wa­ne­si­schen Füh­rung. Nach­dem Trump die Pra­xis be­en­det hat­te, kei­nes­wegs so spon­tan, wie er es zu­nächst dar­stell­te, schrieb er in 126 Zei­chen auf, was ihn an der Tai­wan­po­li­tik sei­ner Amts­vor­gän­ger stö­re. Er wun­de­re sich, war­um die USA der In­sel für Mil­li­ar­den Mi­li­tär­gü­ter ver­kauf­ten, er aber nicht mal ans Te­le­fon ge­hen dür­fe, wenn die Staats­che­fin der In­sel dran sei. Ein welt­po­li­ti­scher Schwenk in drei Zei­len be­grün­det: Den Di­plo­ma­ten des Sta­te Depart­ment dürf­te es den Angst­schweiß auf die Stirn ge­trie­ben ha­ben. Im Wei­ßen Haus, hat Trump im­mer­hin an­ge­kün­digt, wer­de er sich beim Twit­tern ein­schrän­ken – auch wenn es nichts ge­be, wo­für er sich zu schä­men brau­che.

Fotos: dpa/Twit­ter

LÄSST NICHT NACH: Neu­es­te Ziel­schei­be der zor­ni­gen Kurz­bot­schaf­ten von Do­nald Trump ist Chuck Jo­nes, Chef ei­ner Stahl­ar­bei­ter­ge­werk­schaft in In­dia­na.

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