Der Kampf für Frei­heit präg­te ihr Le­ben

Hildegard Hamm-Brü­cher, die So­zi­al-Li­be­ra­le

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Die gro­ßen Äm­ter hat­te sie nie. Ein paar Jah­re lang war sie Staats­mi­nis­te­rin im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um, zu­stän­dig für die Kul­tur­be­zie­hun­gen mit an­de­ren Staa­ten. Und ein­mal, 1994, wur­de sie von der FDP als Bun­des­prä­si­den­ten-Kan­di­da­tin auf­ge­stellt – zwei­fel­los ei­ne gro­ße Eh­re, aber ei­ne ech­te Chan­ce hat­te sie nicht. Hö­her ging es für sie nie hin­aus. Doch Hildegard Ham­mB­rü­cher ge­hör­te zu je­nen Men­schen, die auf Pos­ten nicht an­ge­wie­sen wa­ren. Sie hat­te Hal­tung ge­nug, um auch so zu ei­ner der ers­ten pro­mi­nen­ten Frau­en in der bun­des­deut­schen Po­li­tik zu wer­den. Es gab ei­ne Zeit, da wuss­te je­der, wer ge­meint war, wenn von der „Gran­de Da­me der FDP“die Re­de war. Jetzt ist sie mit 95 Jah­ren ge­stor­ben.

Hamm-Brü­cher selbst hat­te sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück­ge­zo­gen. „Seit et­wa ei­nem Jahr krän­ke­le ich, wie man das so nennt“, sag­te sie kurz vor ih­rem 95. Ge­burts­tag. Zwei Ober­schen­kel­hals­brü­che, Ge­dächt­nis­lü­cken und Gleich­ge­wichts­stö­run­gen plag­ten sie. Ih­re Hal­tung hat­te sie den­noch bis zu­letzt nicht ver­lo­ren. Die Is­lam­kri­tik der AfD sah sie kri­tisch: Für Ten­den­zen kurz vor „ech­tem Na­zis­mus“be­ste­he in Deutsch­land gro­ßes Po­ten­zi­al, warn­te sie. Das Er­be des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sei nicht ge­bannt. „Im Grun­de kann man fürch­ten, dass da ei­ne gan­ze Men­ge nach­ge­wach­sen ist.“Hamm-Brü­cher ge­hör­te noch zu den Po­li­ti­kern, die ei­ne Bio­gra­fie hat­ten. Ge­bo­ren am 11. Mai 1921 in Es­sen, aus wohl­ha­ben­den Haus, auf­ge­wach­sen in Ber­lin-Dah­lem. Mit zehn Jah­ren ver­liert sie die El­tern, lebt bei der Oma in Dres­den. Mit 15 er­fährt die preu­ßi­sche Pro­tes­tan­tin, dass sie nach den Ras­sen­ge­set­zen der Na­zis „Halb­jü­din“ist. Aus dem Schwimm­ver­ein wird sie aus­ge­schlos­sen, auf Klas­sen­rei­sen ist sie un­er­wünscht. Sie wech­selt aufs In­ter­nat Schloss Sa­lem an den Bo­den­see, macht in Kon­stanz Abitur. „Das kriegt man nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Her­zen, wie die Deut­schen wa­ren. Sie wa­ren gräss­lich“, sag­te sie über die NS-Zeit.

Der Kampf für Frei­heit und De­mo­kra­tie prägt ihr gan­zes Le­ben. Nur durch ei­ne Son­der­ge­neh­mi­gung, die ihr der No­bel­preis­trä­ger Hein­rich Wie­land be­schafft, darf sie wäh­rend des Kriegs in München Che­mie stu­die­ren. Mit So­phie Scholl vom Wi­der­stands­kreis „Wei­ße Ro­se“singt sie im Chor. FDP-Mit­grün­der Tho­mas Deh­ler holt sie zu sei­ner Par­tei. Erst sitzt sie im Münch­ner Stadt­rat, dann im Land­tag, dann im Bun­des­tag – ei­ne der ers­ten Frau­en mit „Le­bens­be­ruf Po­li­tik“. Hildegard Brü­cher hei­ra­tet ei­nen Mann von der CSU – Er­win Hamm, Stadt­rat in München. Die Ehe dau­ert über ein hal­bes Jahr­hun­dert.

Po­li­tisch die bes­te Zeit sind für sie die Jah­re, in der die FDP zu­sam­men mit der SPD im Bund ei­ne Ko­ali­ti­on führt. Von 1976 bis 1982 ist sie Staats­mi­nis­te­rin im Aus­wär­ti­gen Amt. Jah­re spä­ter sagt sie: „Die so­zi­al­li­be­ra­le Ko­ali­ti­on war das ein­zi­ge Mal, dass ich po­li­tisch da ver­or­tet war, wo mei­ne Grund­über­zeu­gun­gen lie­gen.“Im Herbst 1982 ist es da­mit vor­bei: Die FDP, die mit ei­nem Treu­e­be­kennt­nis zum SPD-Kanz­ler Hel­mut

„Ich fin­de, dass bei­de dies nicht ver­dient ha­ben“

Schmidt Stim­men ge­sam­melt hat, wech­selt mit­ten in der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode zur Uni­on. Hamm-Brü­cher ge­hört zu den we­ni­gen FDP-Ab­ge­ord­ne­ten, die nicht mit­ma­chen. Und sie hält ei­ne der Re­den, die in die Par­la­ments­ge­schich­te ein­ge­hen. Der Kern be­steht aus ei­nem Satz. „Ich fin­de, dass bei­de dies nicht ver­dient ha­ben: Hel­mut Schmidt, oh­ne Wäh­ler­vo­tum ge­stürzt zu wer­den, und Sie, Hel­mut Kohl, oh­ne Wäh­ler­vo­tum zur Kanz­ler­schaft zu ge­lan­gen.“Kohl über­sah sie seit­her, wo im­mer es ging.

Das Amt als Staats­mi­nis­te­rin ist sie mit dem Macht­wech­sel los. In der FDP wird sie zu­neh­mend zur Rand­fi­gur. Man ent­frem­det sich. Die Aus­söh­nung – als Hamm-Brü­cher 1994 für die Nach­fol­ge des Bun­des­prä­si­den­ten Richard von Weiz­sä­cker no­mi­niert wird – ist nicht von Dau­er. Aus Ko­ali­ti­ons­kal­kül stimmt die FDP im drit­ten Wahl­gang dann doch für Ro­man Her­zog, den Kan­di­da­ten der Uni­on.

Spä­ter folgt dann der end­gül­ti­ge Bruch. Am Tag der Bun­des­tags­wahl 2002 bringt Hamm-Brü­cher ei­nen Brief zur Post, mit dem sie ih­ren Aus­tritt aus der FDP er­klärt – we­gen an­ti­is­rae­li­scher Äu­ße­run­gen des da­ma­li­gen Par­tei­vi­zes Jür­gen Möl­le­mann. Von Gui­do Wes­ter­wel­le hält sie nicht viel. Al­le Ver­su­che, sie zu­rück­zu­ho­len, blockt sie ab. Die letz­ten Jah­re wird es stil­ler um sie. Auch als die FDP im Sep­tem­ber 2013 aus dem Bun­des­tag fliegt, gibt es von ihr kein Wort. Da­für war Hamm-Brü­cher Da­me ge­nug. Christoph Sa­tor/Mi­chel Win­de

Foto: dpa

AL­LEIN UN­TER MÄN­NERN: Hildegard Hamm-Brü­cher, Ex-In­nen­mi­nis­ter Werner Mai­ho­fer (hin­ten links), Hans-Dietrich Gen­scher und Wolf­gang Mi­schnick.

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