„Ope­ra­ti­on am of­fe­nen Her­zen“

Nach dem Haupt­quar­tier in New York steht nun der eu­ro­päi­sche UN-Sitz in Genf vor ei­ner mil­lio­nen­schwe­ren Mo­der­ni­sie­rung

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von Tho­mas Bur­meis­ter und An­ne-So­phie Gal­li

Genf. Ki­chern­de Ja­pa­ner, laut­star­ke Rus­sen. Ame­ri­ka­ni­sche Ge­schäfts­leu­te, afri­ka­ni­sche De­le­gier­te, Trach­ten­grup­pen aus dem Schwarz­wald, manch­mal gar Es­ki­mos. Ein Sel­fie muss ein­fach sein. Kaum je­mand, der nach Genf kommt, ver­zich­tet auf ein Er­in­ne­rungs­fo­to vor der Flag­gen­rei­he der 193 UN-Mit­glied­staa­ten am Ein­gang des „Pa­lais des Na­ti­ons“, des eu­ro­päi­schen Haupt­sit­zes der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Gut 100 000 Genf-Be­su­cher neh­men sich je­des Jahr die knapp zwei St­un­den Zeit für ei­ne ge­führ­te Tour „durch die Wan­del­gän­ge der mul­ti­la­te­ra­len Di­plo­ma­tie“. Viel Wis­sens­wer­tes – so die Ei­gen­wer­bung der UN – las­se sich er­fah­ren beim „Blick in die Räu­me, in de­nen wich­ti­ge Ver­hand­lun­gen ge­führt wer­den und be­deu­ten­de Tref­fen statt­ge­fun­den ha­ben“. Es gab gu­te Be­schlüs­se nach oft lang­wie­ri­gen De­bat­ten, mit de­nen die Men­schen­rech­te ge­stärkt wur­den. Und es gab und gibt im­mer wie­der dra­ma­ti­sche Miss­er­fol­ge. Dar­un­ter be­reits drei ver­geb­li­che An­läu­fe zu Frie­dens­ver­hand­lun­gen für Sy­ri­en.

Wer durch die Gän­ge und Sä­le des zwi­schen 1929 und 1936 für den da­ma­li­gen Völ­ker­bund er­rich­te­ten Pa­las­tes wan­delt, sieht viel glän­zen­den Mar­mor und Kunst­schät­ze aus al­ler Welt. Ge­mäl­de, Skulp­tu­ren, Va­sen, Wand­tep­pi­che. Be­son­ders be­ein­dru­ckend und groß: Die vom spa­ni­schen Künst­ler Mi­quel Bar­celò ge­schaf­fe­ne De­cke aus far­ben­fro­hen Sta­lak­ti­ten im „Saal der Men­schen­rech­te und der Al­li­anz der Zi­vi­li­sa­tio­nen“. Sie sol­len das Meer als Ur­sprung der Ar­ten dar­stel­len. Aber es gibt auch ei­ne an­de­re Tour durch den Gen­fer UN-Sitz. Ei­ne, für die man kei­ne Ti­ckets kau­fen kann. Man muss da­zu ein­ge­la­den sein. Sie führt nicht an Glanz­lich­tern vor­bei, son­dern zu Schand­fle­cken. Un­dich­te Dä­cher, nas­se Kel­ler. Ge­bors­te­ne Rohr­lei­tun­gen und Si­che­rungs­käs­ten aus der Nach­kriegs­zeit, Ris­se in Wän­den, brö­ckeln­der Putz. Au­ßen hui, in­nen pfui. Der zwei­te Haupt­sitz der Ver­ein­ten Na­tio­nen nach New York ist im In­ne­ren so ver­rot­tet wie die Moral au­to­kra­ti- scher Staats­chefs man­cher UN-Mit­glieds­län­der. Was die Tou­ris­ten bei den of­fi­zi­el­len Füh­run­gen nicht ah­nen, ist trau­ri­ge Rea­li­tät: Ein Groß­teil der An­la­gen und der Tech­nik im „Pa­lais des Na­ti­ons“ist hoff­nungs­los ver­al­tet. „Die In­fra­struk­tur der Kon­fe­renz­räu­me ist am stör­an­fäl­ligs­ten“, sagt der deut­sche Di­rek­tor der Gen­fer UNVer­wal­tungs­ab­tei­lung Cle­mens Adams. Ana­log statt di­gi­tal. Er­satz­tei­le sei­en dann nur noch schwer zu be­sor­gen.

Die Sa­nie­rung des mit An­bau­ten rund 600 Me­ter lan­gen UN-Pa­las­tes ist drin­gend nö­tig. An­fang 2017 kann sie nach jah­re­lan­gen De­bat­ten und Be­mü­hun­gen um die er­for­der­li­chen Mil­lio­nen­sum­men end­lich be­gin­nen. Sie­ben Jah­re soll sie dau­ern und nach der Pla­nung 836,5 Mil­lio­nen Schwei­zer Fran­ken kos­ten (rund 780 Mil­lio­nen Eu­ro). Ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur um­fas­sen­den Sa­nie­rung und Re­no­vie­rung gibt es für Adams nicht: „Hin­ter den Fas­sa­den be­fin­den sich ma­ro­de Was­ser­lei­tun­gen, ver­stopf­te Ab­was­ser­roh­re und ver­al­te­te Elek­tri­zi­täts­lei­tun­gen, die zum Teil noch ein­fach nur mit Stroh iso­liert sind.“Nicht nur die Tou­ris­ten, auch vie­le der rund 75 000 De­le­gier­ten – pro Jahr fin­den hier rund 12 000 Ta­gun­gen statt – be­mer­ken al­ler­dings kaum, wie bau­fäl­lig der ma­le­risch am Gen­fer­see vor der Al­pen­ku­lis­se ge­le­ge­ne UN-Kom­plex tat­säch­lich ist. „Die meis­ten ver­ste­hen nicht, war­um wir die­se Re­no­va­ti­on drin­gend brau­chen“, sagt die De­sign- und Bau­che­fin des Um­bau­pro­jekts Vé­ro­ni­que Neiss. Des­halb gibt es die „dir­ty tour“. Um das Ver­ständ­nis für die mil­lio­nen­schwe­ren jah­re­lan­gen Bau­ar­bei­ten zu er­hö­hen, zeigt die UNVer­wal­tung Di­plo­ma­ten und Jour­na­lis­ten die mor­schen Ein­ge­wei­de des Pa­las­tes.

Gleich zu Be­ginn „des schmut­zi­gen Rund­gang“schlägt ei­nem aus ei­nem Kel­ler­ge­wöl­be stau­bi­ge Luft ent­ge­gen. Ei­ne gro­ße, schwar­ze Um­wälz­pum­pe von an­no dun­ne­mal müht sich äch­zend, Luft in Kon­fe­renz­räu­me zu brin­gen. „Die­se Tech­nik war mal mo­dern“, sagt Adams. „In den 1930 er Jah­ren.“Aus Lecks in den De­cken tropft es eif­rig her­ab. Was­ser­lei­tun­gen sind nur not­dürf­tig ge­flickt. „Wenn es ir­gend­wo nass wird, müs­sen wir meist Wän­de öff­nen, um fest­stel­len zu kön­nen,

Sa­nie­rung kos­tet rund 780 Mil­lio­nen Eu­ro

wo ge­nau das Leck ist“, sagt der In­ge­nieur Andrew Curd. Ein­mal sei gar das Archiv ge­flu­tet wor­den. Vie­le Do­ku­men­te sei­en da­bei zer­stört wor­den. Obend­rein stel­len As­best als Kle­be­mit­tel und ver­al­te­te Elek­tro­in­stal­la­tio­nen rea­le Ge­fah­ren dar. Gin­ge es nach den stren­gen Schwei­zer Bau­vor­schrif­ten, hät­te der UN-Kom­plex wo­mög­lich längst ge­schlos­sen wer­den müs­sen. Doch auf dem UN-Are­al gel­ten kei­ne na­tio­na­len Ge­set­ze.

Seit sei­nem Bau ist der Pa­last nie um­fas­send re­no­viert wor­den. In­zwi­schen wä­re er auch mit noch so vie­len klei­nen Re­pa­ra­tu­ren nicht mehr zu ret­ten. Zum Sa­nie­rungs­rund­um­schlag mit dem Na­men „Stra­te­gic He­ri­ta­ge Plan“gibt es kei­ne Al­ter­na­ti­ve. „Zu­dem ist es auch kos­ten­güns­ti­ger, rich­tig zu re­no­vie­ren, an­statt im­mer nur ein biss­chen“, sagt Adams. Er­fah­run­gen mit der um­fas­sen­den Ge­bäu­de­sa­nie­rung bringt der deut­sche Ex­per­te aus New York mit. Dort war er be­reits maß­geb­lich an der To­tal­re­no­vie­rung des UN-Haupt­quar­tiers am East Ri­ver be­tei­ligt. Dass für so ein Groß­pro­jekt bei lau­fen­dem Kon­fe­renz­be­trieb har­te Ner­ven und Ge­duld er­for­der­lich sind, er­klä­ren Adams und sei­ne Kol­le­gen im­mer wie­der. Da­für soll das his­to­ri­sche „Pa­lais des Na­ti­ons“mit sei­nen mehr als 30 Kon­fe­renz­räu­me bis 2024 er­heb­lich mo­der­ner, si­che­rer, um­welt­ge­rech­ter so­wie roll­stuhl­taug­lich wer­den – bei künf­tig deut­lich güns­ti­ge­ren Be­triebs­kos­ten.

Wie beim New Yor­ker UN-Haupt­quar­tier, wa­ren auch für das Groß­pro­jekt am Gen­fer­see die er­for­der­li­chen Mil­lio­nen nicht ein­fach auf­zu­trei­ben. Et­li­che Ap­pel­le an UN-Mit­glied­staa­ten ver­hall­ten schein­bar un­ge­hört. Schließ­lich ent­schloss sich die Schweiz, für rund die Hälf­te der Kos­ten zins­lo­se und lang­fris­ti­ge

„Die­se Tech­nik war mal mo­dern“

Kre­di­te zu ge­wäh­ren. Ganz un­ei­gen­nüt­zig ist die Groß­zü­gig­keit al­ler­dings nicht. 2012 gab es et­was, was Gen­fer Di­plo­ma­ten den „Warn­schuss“für „La Genè­ve In­ter­na­tio­na­le“nann­ten: Der neue UN-Kli­ma­fonds wur­de über­ra­schend nicht am Schwei­zer Stand­ort des UN-Eu­ro­pa­sit­zes so­wie Dut­zen­der an­de­rer in­ter­na­tio­na­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen an­ge­sie­delt, son­dern im süd­ko­rea­ni­schen Song­do. Plötz­lich sah sich das teu­re Genf mit dem schär­fer wer­den­den glo­ba­len Kon­kur­renz­kampf um Sit­ze in­ter­na­tio­na­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen kon­fron­tiert. „Song­do hat be­wei­sen, dass Genfs her­aus­ra­gen­de Stel­lung nicht für al­le Zei­ten ge­si­chert ist“, kon­sta­tier­te die „Neue Zürcher Zei­tung“und mach­te ei­ne Rech­nung auf: „Über 28 000 Men­schen ar­bei­ten di­rekt für das in­ter­na­tio­na­le Genf. Die Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­ben pro Jahr in der Schweiz rund 1,6 Mil­li­ar­den Fran­ken aus und ih­re An­ge­stell­ten wei­te­re 1,5 Mil­li­ar­den. Der Bei­trag an die Wirt­schafts­leis­tung des Kan­tons Genf be­trägt 9,2 Pro­zent.“Kein Wun­der al­so, dass am En­de auch ei­ni­ge je­ner Ab­ge­ord­ne­ten in Bern für die Schwei­zer UN-Kre­di­te wa­ren, die sie an­fangs als un­nö­tig be­zeich­net hat­ten. Ab­seh­bar ist, dass die UN für die voll­stän­di­ge Um­set­zung ih­res Gen­fer „He­ri­ta­ge Plans“mehr Geld brau­chen wer­den, als bis­lang von Mit­glied­staa­ten zu­ge­sagt. Frei­wil­li­ge Spen­den sind da­her will­kom­men. Zwar wer­den wäh­rend der Sa­nie­rung et­li­che Bü­ros in ein noch zu er­rich­ten­des Ne­ben­ge­bäu­de aus­ge­la­gert, aber im we­sent­li­chen soll der Be­trieb im Pa­last wei­ter­lau­fen. Der Kommentar des Ver­wal­tungs­chefs: „Das wird sein wie ei­ne Ope­ra­ti­on an ei­nem of­fe­nen Her­zen.“

Fotos: AFP/dpa

AUSSEN HUI, IN­NEN PFUI: Die Sa­nie­rung des mit An­bau­ten rund 600 Me­ter lan­gen UN-Pa­las­tes in Genf ist drin­gend nö­tig. An­fang 2017 kann sie nach jah­re­lan­gen De­bat­ten und Be­mü­hun­gen um die er­for­der­li­chen Mil­lio­nen­sum­men end­lich be­gin­nen.

IN DIE JAH­RE GE­KOM­MEN: Ei­ne ver­rot­te­te Wand im UN-Pa­last.

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