Ein Schwa­be schuf die Traum­fa­brik

Aus­stel­lung in Stuttgart wid­met sich dem „Hol­ly­wood-Er­fin­der“Carl Laemm­le

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Carl Laemm­le hat­te ei­ne aus­ge­präg­te Vor­lie­be für Tor­ten. Gro­ße Tor­ten. Wenn der Er­fin­der der Traum­fa­brik Hol­ly­wood in Ame­ri­ka mit je­der Men­ge Film­grö­ßen in Saus und Braus run­de Ge­burts­ta­ge fei­er­te, durf­te ei­ne Tor­te nicht feh­len, die stets so vie­le USPound wog, wie es sei­nem Al­ter ent­sprach. Gro­ße Fotos samt Tor­ten lei­ten den Be­su­cher im Haus der Ge­schich­te in Stuttgart durch die Aus­stel­lung „Carl Laemm­le pres­ents... Ein jü­di­scher Schwa­be er­fin­det Hol­ly­wood“.

Es ist das ers­te Mal, dass der Grün­der der le­gen­dä­ren Uni­ver­sal Stu­di­os der­art aus­gie­big ge­ehrt wird. Sein Slo­gan lau­te­te: „It can be do­ne!“Oh­ne Carl Laemm­le ge­be es nicht das Hol­ly­wood, wie man es heu­te ken­ne, be­tont Ron Meyer, Vi­ze­prä­si­dent von NBCU­ni­ver­sal. Auch als Pro­du­zent sei er un­ver­ges­sen. Laemm­les 1930 mit zwei Os­cars aus­ge­zeich­ne­ter An­ti­kriegs­film „All Qu­iet on the Wes­tern Front“(Im Wes­ten nichts Neu­es) ge­hö­re zu den größ­ten Fil­men al­ler Zei­ten. Mit scho­nungs­lo­ser Darstel­lung des Ers­ten Welt­kriegs setz­te der Film Maß­stä­be. Der Film spielt au­ßer­halb von Ame­ri­ka 2,3 Mil­lio­nen Dol­lar ein.

Ei­ner die­ser bei­den Os­cars steht als Blick­fang gleich am Ein­gang der Stutt­gar­ter Aus­stel­lung. Er fand sich bei Re­cher­chen im Archiv der „Aca­de­my of Mo­ti­on Pic­tu­re Arts and Sci­en­ces“in Los An­ge­les. Zwar ist es nicht das Ex­em­plar für den „Bes­ten Film“, das Carl Laemm­le am 5. No­vem­ber 1930 vor 600 Gäs­ten als Prä­si­dent der Uni­ver­sal Stu­di­os über­reicht be­kam. Aber es ist das Ori­gi­nal-Ex­em­plar, das Re­gis­seur Le­wis Mi­les­to­ne be­kam. Laemm­les Os­car gilt als ver­schol­len.

„Laemm­les Le­ben war film­reif“, sagt Aus­stel­lungs­lei­te­rin Pau­la Lu­tum-Len­ger. „Er ist ei­ne Le­gen­de der Ki­no­ge­schich­te.“Man ha­be ne­ben dem Ori­gi­nal-Os­car na­tür­lich ei­ne gan­ze Rei­he „wirk­mäch­ti­ger Ex­po­na­te“zu­sam­men­ge­tra­gen: die Fle­der­maus aus dem Film „Dra­cu­la“et­wa, Ban­da­gen aus „Die Mu­mie“oder Fran­ken­steins Hand­schel­le. Die­se Laemm­le-Schöp­fun­gen aus Hor­ror­strei­fen ha­ben sich ins Ge­dächt­nis ein­ge­brannt, ob­wohl er ei­gent­lich Wes­tern lie­ber hat­te. Sein Sohn ha­be ihn zum Gen­re Hor­ror ge­trie­ben, er­zählt Lu­tum-Len­ger. Die Uni­ver­sal Stu­di­os gel­ten als Wie­ge des Hor­ror­films.

Mit 17 Jah­ren wan­dert Carl Laemm­le in die USA aus, 50 Jah­re spä­ter ist er ein le­gen­dä­rer Hol­ly­wood-Pro­du­zent und Boss ei­nes in­ter­na­tio­na­len Film­kon­zerns. Mu­se­ums­lei­ter Tho­mas Schna­bel be­zeich­net ihn als „ers­ten Glo­bal Play­er der Film­wirt­schaft“. Sei­ner Hei­mat Ober­schwa­ben sei er aber sein Le­ben lang ver­bun­den ge­blie­ben – auch als er hier an­ge­fein­det und als „üb­ler Film­ju­de“ be­schimpft wur­de. Bei „Im Wes­ten nichts Neu­es“nahm Laemm­le Zen­sur hin, da­mit der Film auch in Deutsch­land ge­zeigt wur­de, be­rich­tet Lu­tum-Len­ger. „Da war ich drau­ßen“, be­schrieb Laemm­le das Jahr 1936, in dem ihn Welt­wirt­schafts­kri­se und ei­ni­ge Miss­er­fol­ge zum Aus­stieg zwan­gen. „Er war drau­ßen, aber nicht am En­de“, sagt Lu­tum-Len­ger. Schließ­lich wur­de er jetzt zum Ret­ter et­li­cher deut­scher Ju­den vor den Na­zis. Hun­der­ten stell­te er Bürg­schaf­ten aus, die ih­nen die Ein­rei­se in die USA er­mög­lich­ten. Als die US-Be­hör­den sei­ne Bürg­schaf­ten nicht mehr an­nah­men, dräng­te er sei­ne Freun­de da­zu. „Er hat es ver­dient, dass wir sei­ner ge­den­ken“, sagt Mu­se­ums­lei­ter Schna­bel. Es sei an der Zeit, dass aus dem „Carl Laemm­le – who?“ech­te An­er­ken­nung wer­de.

Aber war­um erst jetzt? „Ehr­lich ge­sagt: Das weiß ich auch nicht“, be­kennt Schna­bel, der die Kos­ten für die Aus­stel­lung mit rund 800 000 Eu­ro an­gibt. Ba­den-Würt­tem­berg ha­be das Pro­jekt groß­zü­gig mit ei­ner „er­heb­li­chen sechs­stel­li­gen Sum­me“be­zu­schusst. Und zum 150. Ge­burts­tag des gro­ßen Soh­nes wer­de Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann am 17. Ja­nu­ar ei­ne gro­ße Tor­te an­schnei­den – in gu­ter Tra­di­ti­on na­tür­lich 150 Pound (68 Ki­lo­gramm) schwer. Ro­land Böhm/dpa

TOR­TEN-LIEB­HA­BER: Carl Laemm­le, hier auf ei­nem Bild von sei­nem 66. Ge­burts­tag, war mit 17 Jah­ren in die USA aus­ge­wan­dert. Dort grün­de­te er die Uni­ver­sal Stu­di­os, die zum Auf­stieg von Hol­ly­wood bei­tru­gen. Foto: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.