Von der Mas­se ge­trie­ben

Ein­drucks­vol­le „Tu­ran­dot“an der Oper Leip­zig

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Nicht ins al­te Chi­na, wo das Li­bret­to von Gi­u­sep­pe Ada­mi und Re­na­to Si­mo­ni das Ge­sche­hen an­sie­delt, son­dern in ei­ne kühl-nüch­ter­ne Ge­gen­wart führt das Re­gie­team die Be­su­cher von Puc­ci­nis Oper „Tu­ran­dot“in de­ren ers­ter Neu­in­sze­nie­rung an der Oper Leip­zig nach vier Jahr­zehn­ten. Die Auf­füh­rung, die von Mat­thi­as Fo­rem­ny (Di­ri­gat) und Balázs Ko­va­lik (Re­gie) ge­lei­tet wur­de, ge­riet be­ein­dru­ckend.

Der Zu­schau­er wird mit ei­ner Ge­sell­schaft kon­fron­tiert, die von ei­nem au­to­ri­tä­ren Re­gime be­herrscht wird. In dem von schrä­gen Ebe­nen und wa­ben­ar­ti­gen Fas­sa­den do­mi­nier­ten schwarz­wei­ßen Büh­nen­raum (Hei­ke Schee­le) ver­mö­gen die uni­form dun­kel ge­wan­de­ten Volks­mas­sen (Ko­s­tü­me: Se­bas­ti­an Ell­rich) kaum farb­li­chen Kon­trast zu brin­gen. Sie sym­bo­li­sie­ren ei­ne ma­ni­pu­lier­te Mas­sen­ge­sell­schaft, die wie be­rauscht ist vom blu­ti­gen Kult­ri­tus. Schließ­lich dreht sich „Tu­ran­dot“um ei­ne Prin­zes­sin, die ih­re Frei­er köp­fen lässt, wenn die­se ih­re Rät­sel nicht lö­sen kön­nen – die glaub­wür­di­ge Wand­lung der „vom Eis um­gür­te­ten“Prin­zes­sin zur lie­ben­den Frau war Puc­ci­nis gro­ßes An­lie­gen bei die­ser Oper, de­ren Mit­te 1921 be­gon­ne­ne Kom­po­si­ti­on beim Tod des Ma­e­s­tro 1924 noch nicht ab­ge­schlos­sen war: das Fi­na­le kom­po­nier­te sein Schü­ler Fran­co Al­fa­no.

In der Leip­zi­ger Neu­in­sze­nie­rung hebt sich Tu­ran­dot von der schwar­zen Kluft der Un­ter­ge­be­nen ab, in­dem sie im ro­ten Ge­wand er­scheint – Sinn­bild des in ihr schlum­mern­den, aber un­ter­drück­ten Lie­bes­ver­lan­gens. Re­gis­seur Ko­va­lik sieht in der Prin­zes­sin ei­ne ver­letz­li­che Frau, die sich ei­nen Schutz­pan­zer zu­ge­legt hat und sich da­bei auf das Schick­sal ei­ner Ah­nin be­ruft, die einst­mals ge­schän­det wur­de. Gleich­wohl ist der Prinz Cal­af von ihr der­art fas­zi­niert, dass er sich in das Aben­teu­er der drei Rät­sel stürzt.

Ein Glücks­fall für die Leip­zi­ger Pro­duk­ti­on ist die ame­ri­ka­ni­sche So­pra­nis­tin Jen­ni­fer Wil­son, die mit ih­rem fa­cet­ten­rei­chen Stimm­re­gis­ter selbst ge­wal­tigs­te Orches­ter­aus­brü­che über­strahlt und in ih­rer Darstel­lung nicht zu­vör­derst als män­ner­mor­den­des Un­ge­heu­er er­scheint und eher an­ge­trie­ben wird durch die ex­al­tier­te Be­gier­de der Mas­se. Mit te­no­ra­ler Durch­schlags­kraft ver­lieh Leo­nar­do Cai­mi der Gestalt des Cal­af über­zeu­gen­de Kon­tu­ren und mit warm­her­zi­gen So­pran­tö­nen gab Ole­na To­kar der Lei­dens­fi­gur der Lio glaub­wür­di­ges Pro­fil. Mat­thi­as Fo­rem­ny form­te mit dem ihm prä­zi­se fol­gen­den Ge­wand­haus­or­ches­ter ei­nen zwi­schen Spät­ro­man­tik und be­gin­nen­der Mo­der­ne chan­gie­ren­den, be­ein­dru­cken­den Klang­fluss. Dietrich Bretz

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