Buh­ler­ho­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - Fort­set­zung folgt

Beim Auf­stieg zu den Klip­pen war ihr das Herz schwer. Mund­faul trö­del­te sie hin­ter den an­de­ren her. Als sie am La­ger­platz an­kam, bau­ten Oz und Da­ni­el schon die Zel­te auf. Ro­sa mel­de­te sich zum Holz­sam­meln, zog al­lei­ne los, hob hie und da ei­nen tro­cke­nen Ast auf, pflück­te Pus­te­blu­men, blies die grau­en Schirm­chen in die Luft, such­te sich ei­nen Platz, von dem aus sie hin­ab in die Ebe­ne und auf den See se­hen und ein we­nig wei­nen konn­te.

„Er­in­nert dich das Grün auch an die Hei­mat?“

Sie hat­te Nat­han nicht ge­hört. Auch er war Holz sam­meln ge­we­sen, wie sie an dem Bün­del sah, das er ne­ben sich ins Gras leg­te, be­vor er in die Knie ging und sich ne­ben sie hock­te.

„Oma­rim ist mei­ne Hei­mat“, er­wi­der­te sie trot­zig.

„Ja, ich weiß“, ant­wor­te­te er. „Aber es gibt noch die an­de­re Hei­mat, das Land un­se­rer Kind­heit.“

Sie schnief­te, wisch­te sich ein­mal mit dem Hand­rü­cken übers Ge­sicht und spür­te plötz­lich Nat­hans Hand auf ih­rer Schul­ter. Mit der an­de­ren reich­te er ihr sein Ta­schen­tuch. Sie schnäuz­te sich, gab es ihm wie­der. Er half ihr vom Bo­den hoch, je­der sam­mel­te sein Brenn­holz ein, und ge­mein­sam lie­fen sie zum Zelt­platz zu­rück. Abends beim La­ger­feu­er sa­ßen sie ne­ben­ein­an­der, und je wei­ter das Feu­er her­un­ter­brann­te, des­to nä­her rück­ten sie zu­sam­men.

Ge­nau so hat­te ih­re Lie­be an­ge­fan­gen. Mit ei­nem Ta­schen­tuch. Schon am nächs­ten Tag, als sie hoch zu den Höh­len klet­ter­ten, in de­nen sich die ju­däi­schen Wi­der­stands­kämp­fer nach der Zer­stö­rung des Tem­pels vor den Rö­mern ver­steckt hat­ten, hat­te Ro­sa nur noch Au­gen für ihn.

Als der Zug in Bühl an­hielt, be­schloss sie – mal wie­der –, dass jetzt end­gül­tig Schluss sein muss­te mit all den Er­in­ne­run­gen. Sie hat­te Nat­han in Frei­burg ge­se­hen, Zu­fall nur, kein Wink des Schick­sals. Er war in die­ses Land zu­rück­ge­kehrt, er hat­te sie, Oma­rim, Is­ra­el ver­las­sen. Er war ein Ver­rä­ter, ein blin­der Idea­list, der glaub­te, auf blut­ge­tränk­tem Bo­den könn­ten neue Ro­sen blü­hen, ja er hat­te sich so­gar zu der Be­haup­tung ver­stie­gen, man dür­fe die Deut­schen nicht an zwölf Jah­ren Schre­ckens­herr­schaft mes­sen. Wor­an denn sonst? Et­wa an Les­sings Nat­han der Wei­se?

Eck­stein hat­te sie noch ein­mal er­mahnt, ih­re Ge­füh­le im Zaum zu hal­ten, als er sie nach dem Kauf ei­nes neu­en Man­tels in Frei­burg in den Zug setz­te. Der Auf­trag, ja, der Auf­trag. „Dem Kanz­ler darf auf der Büh­ler­hö­he nichts zu­sto­ßen. Das wä­re ei­ne Ka­ta­stro­phe. Für Deutsch­land und für Is­ra­el. Mas­sel tov, Frau Sil­ber­mann!“

„Di­cker kann man wohl nicht auf­tra­gen.“Ro­sa konn­te förm­lich hö­ren, wie Ra­chel über ihn ge­spot­tet hät­te. Aber Ra­chel hat­te gut re­den.

Nach dem sechs­ten Mann muss­te sie Aus­schau hal­ten, dem Scharf­schüt­zen, dem Mann, der den Mossad-Leu­ten in Pa­ris durch die Lap­pen ge­gan­gen war. Er war jetzt al­lein, sei­ne Kampf­ge­nos­sen au­ßer Ge­fecht ge­setzt. Mach­te ihn das vor­sich­ti­ger oder un­vor­sich­ti­ger? Wür­de er sich Zeit las­sen oder schnell zu­schla­gen? „Der Kanz­ler reist erst mor­gen Nach­mit­tag an. Vi­el­leicht ist Ari bis da­hin zu Ih­nen ge­sto­ßen“, hat­te es Eck­stein mit et­was Auf­mun­te­rung ver­sucht.

Im­mer noch oder schon wie­der reg­ne­te es. Ro­sa wink­te ein Ta­xi her­an und setz­te sich in den Fond. Die Feuch­tig­keit hing in den Sit­zen, ihr war kalt, sie rieb sich mit den Hän­den die Schul­tern warm. Durch die be­schla­ge­nen Schei­ben sah sie nur Grau.

Ari. Na­tür­lich hat­te sie sich auf der lan­gen Rei­se aus den we­ni­gen In­for­ma­tio­nen ein Bild von ihm ge­zim­mert. Die Vor­stel­lung, dass er in Pa­ris leb­te, dass er weit ge­reist und – so Til­ly – mit al­len Was­sern ge­wa­schen war, reg­te ih­re Fan­ta­sie an. Ein Mann von Welt. Sie leb­te un­ter Bau­ern. Da­bei wa­ren die Män­ner aus Oma­rim bei­lei­be nicht al­le Bau­ern ge­we­sen, fast al­le brach­ten ei­nen an­de­ren Be­ruf aus ih­rem frü­he­ren Le­ben mit in den Kib­buz, vom Rechts­an­walt bis zum Schnei­der war al­les da­bei. Aber die Land­wirt­schaft, der Rhyth­mus der Jah­res­zei­ten, das un­be­re­chen­ba­re Wetter, gu­te oder schlech­te Ern­ten, Kämp­fe mit den ara­bi­schen Nach­barn oder Dis­kus­sio­nen über die Zu­kunft Is­ra­els be­stimm­ten ihr Le­ben und ih­re Ge­sprä­che. Das war gut so, Ro­sa schätz­te das. Da­ge­gen Pa­ris … Lich­ter­glanz, Nacht­le­ben, Welt­of­fen­heit und Ari mit­ten­drin. Sie stat­te­te ihn mit all den Ei­gen­schaf­ten aus, die die Män­ner in Oma­rim nicht oder zu we­nig hat­ten, und sie stell­te ihn sich völ­lig an­ders vor als Nat­han: char­mant, elo­quent, po­ly­glott, höf­lich, be­le­sen, ge­heim­nis­voll. Ein Mann, an des­sen Sei­te es ihr leicht­fal­len wür­de, den Auf­trag zu er­fül­len, ein Mann, der ihr zu­dem hel­fen wür­de, sich si­cher durch die­ses ehe­mals ver­trau­te, jetzt frem­de und be­las­te­te Land zu be­we­gen. Ein Mann, mit dem sie vi­el­leicht so­gar ein­mal tan­zen oder Cham­pa­gner trin­ken wür­de.

Na­tür­lich kam ihr der Ver­dacht, dass Til­ly ihr die­ses Bild von Ari mit Ab­sicht sug­ge­riert hat­te, um ihr – ne­ben Tan­ger – ei­nen wei­te­ren An­reiz zur An­nah­me des Auf­trags zu bie­ten. Wenn, dann war ihr das ge­lun­gen. Auch wenn sie sich selbst we­gen die­ser ro­man­ti­schen Jung­mäd­chen-Fan­ta­sie ver­spot­te­te, sie be­kam die­sen ein­ge­bil­de­ten Ari nicht ganz aus ih­rem Kopf. Und jetzt schon gar nicht, wo der ech­te Ari ver­schwun­den war.

Es reg­ne­te im­mer noch, als sie ei­ne knap­pe St­un­de spä­ter auf der Büh­ler­hö­he an­kam. Noch dro­hen­der als sonst thron­te der stei­ner­ne Ad­ler über dem Haupt­ein­gang. Der se­gel­oh­ri­ge Re­zep­tio­nist eil­te mit ge­öff­ne­tem Schirm auf sie zu, ge­lei­te­te sie nach drin­nen, ver­nein­te, als sie frag­te, ob sich „ihr Mann“ge­mel­det ha­be, reich­te ihr mit ei­nem Bück­ling den Zim­mer­schlüs­sel. In der Rund­hal­le sah sie, wie ei­ner der Ho­tel­boys ei­ner dür­ren Da­me Re­gen­pe­le­ri­ne und ein Jagd­ge­wehr ab­nahm. Him­mel, die Frau war zur Jagd ge­we­sen, was sonst? Wenn sie, Ro­sa, an­fing, je­den zu ver­däch­ti­gen, wür­de sie ver­rückt wer­den. Als sie die knar­zen­de brei­te Wen­del­trep­pe zur drit­ten Eta­ge hoch­stieg, spür­te Ro­sa ih­re Mü­dig­keit. Schon in dem lan­gen, lee­ren Flur hät­te sie am liebs­ten die Pumps aus­ge­zo­gen, um auf Strümp­fen zu lau­fen, so wie sie es als Kind ger­ne ge­tan hat­te. 306, 308, 310, der Flur schien kein En­de zu neh­men.

Ih­re Mü­dig­keit war wie weg­ge­bla­sen, als sie die Haus­da­me aus ih­rer Tür tre­ten sah.

„Frau Gold­berg, will­kom­men zu­rück“, flö­te­te sie we­der über­rascht noch ver­un­si­chert. Sie war­te­te vor der Tür, als wä­re sie Ro­sas per­sön­li­ches Emp­fangs­ko­mi­tee. Wie­der roch sie das Fleur de Mu­guet. Es war falsch, dass die Haus­da­me die­ses Par­füm be­nutz­te. Es pass­te nicht zu ihr. Es pass­te zu nie­man­dem, es war der Duft ih­rer Mut­ter.

„Ist et­was ge­sche­hen?“, frag­te Ro­sa und be­müh­te sich um ei­nen neu­tra­len Ton­fall.

„Nur ein klei­nes Mal­heur des Zim­mer­mäd­chens“, er­klär­te die Haus­da­me und hielt ei­ne ka­put­te Glüh­bir­ne hoch. „Die rech­te Nacht­tisch­lam­pe ist ihr beim Sau­ber­ma­chen her­un­ter­ge­fal­len. Ich ha­be die Bir­ne aus­ge­tauscht.“Sie mus­ter­te das Pa­ket, das Ro­sa in der Hand hielt. „Ei­ne gu­te Idee, das schlech­te Wetter für Ein­käu­fe zu nut­zen“, sag­te sie.

„O ja“, be­stä­tig­te Ro­sa und füg­te, um die kaum ver­steck­te Neu­gier der Emp­fangs­da­me zu be­frie­di­gen, hin­zu: „Ein Ge­schenk für mei­nen Mann.“

„Ha­ben Sie Nach­richt von ihm? Wis­sen Sie, wann er kommt?“

„Lei­der noch nicht.“

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