„Ich dach­te, jetzt ster­be ich. Jetzt ist es vor­bei“

Heu­te vor sechs Jah­ren ge­riet ein un­be­tei­lig­ter Mann in die Schie­ße­rei der „Gen­tle­men-Räu­ber“

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied El­vi­ra Wei­sen­bur­ger

Karls­ru­he. Er will sei­ne Ge­schich­te er­zäh­len, setzt sich an den Tisch im Ca­fé. Doch Milan May­er (Na­me ge­än­dert) hält es nur Se­kun­den auf sei­nem Stuhl aus. Un­ru­hig blickt er über die Schul­ter nach hin­ten, stößt dann die Fra­ge her­vor: „Kön­nen wir uns bit­te dort in die Ecke set­zen?“Fast ent­schul­di­gend schickt er die Er­klä­rung hin­ter­her: „Ich kann es nicht er­tra­gen, wenn Men­schen hin­ter mei­nem Rü­cken sind.“Es gibt vie­les, was Milan May­er nicht mehr er­tra­gen kann – seit je­nem 10. De­zem­ber 2010, der ei­nen tie­fen Riss durch sein Le­ben ge­zo­gen hat.

Der 52-Jäh­ri­ge ist ein Op­fer der so­ge­nann­ten „Gen­tle­men-Räu­ber“– zu­min­dest mit­tel­bar. Am heu­ti­gen Sams­tag ist es ge­nau sechs Jah­re her, dass die be­rüch­tig­ten Bank­räu­ber bei ei­ner Schie­ße­rei in der Karls­ru­her In­nen­stadt star­ben. Und Milan May­er ge­riet da­mals mit­ten in den Ku­gel­ha­gel.

„Ich ging ganz nor­mal an der Fuß­gän­ger­am­pel über die Stra­ße, woll­te in der Stadt noch Hand­schu­he für mei­nen Sohn be­sor­gen“, er­zählt er mit sto­cken­der Stim­me. „Nach ein paar Schrit­ten hör­te ich ein Rie­sen­ge­schrei. Dann fie­len Schüs­se. Ich sah, wie meh­re­re Ku­geln an der Mau­er am Karls­tor ab­prall­ten und Be­ton­split­ter weg­flo­gen.“Sein ers­ter Ge­dan­ke: „Da läuft ei­ner Amok – so kurz vor Weih­nach­ten.“Milan May­er wirft sich flach auf den Bo­den. Im­mer und im­mer wie­der knal­len Schüs­se durch die Luft. Zwei schwarz­ge­klei­de­te Män­ner stür­men her­an. „Der ei­ne ist mir mit sei­nem vol­len Ge­wicht mit dem Knie in den Rü­cken ge­sprun­gen. Er hat ge­schrien: ,Be­weg dich nicht! Sonst knall ich dich ab!“May­er blickt in den Lauf ei­ner Ma­schi­nen­pis­to­le. „Ich wuss­te nicht, wer auf mei­nem Rü­cken saß. Ich dach­te, jetzt ster­be ich. Jetzt ist es vor­bei ...“Die­se un­fass­ba­ren Bil­der. Die Waf­fe über ihm. Milan May­ers Stim­me bricht, als er da­von er­zählt. Er ver­birgt sein Ge­sicht in den Hän­den, sein Brust­korb bebt. „Drei­oder vier­mal hat er das ge­ru­fen: ,Be­weg dich nicht. Sonst knall ich dich ab’“, wie­der­holt May­er mit lei­ser Stim­me. „In dem Mo­ment ist mein Le­ben wie ein Film an mir vor­bei­ge­lau­fen: Wie ich in Nie­der­schle­si­en auf­ge­wach­sen bin, die gu­ten Er­leb­nis­se in der Fa­mi­lie, al­les ...“Als sei er aus sei­nem Kör­per her­aus­ge­tre­ten, sieht er sich selbst auf dem Bo­den lie­gen, von dem Mann mit der Waf­fe auf den Bo­den ge­drückt. Was er da im­mer noch nicht weiß: Der Un­be­kann­te über ihm ist ein Po­li­zist. Er geht da­von aus, dass May­er wo­mög­lich zu den Bank­räu­bern ge­hört.

Und wäh­rend der Karls­ru­her Bür­ger, der ein­fach nur ein­kau­fen ge­hen woll­te, in To­des­angst auf dem nass­kal­ten As­phalt liegt, tau­chen die wah­ren Bank­räu­ber in sei­nem Blick­feld auf. May­er muss mit­an­se­hen, wie der Mann töd­lich ge­trof­fen wird. „Sein Brust­korb hob sich zu­erst nach oben und sack­te dann in sich zu­sam­men“, er­in­nert er sich. „Ei­ne Art Wol­ke ist sei­ner Brust ent­wi­chen.“Dass es sich um ei­nen der „Gen­tle­men-Räu­ber“han­delt und dass die Ver­bre­cher das Feu­er auf die Po­li­zei er­öff­net hat­ten – all das er­fährt May­er vie­le ban­ge Mi­nu­ten spä­ter. Für ihn ist nur un­fass­bar re­al: Er sieht ei­nen Men­schen ster­ben – und er fürch­tet, dass er als nächs­tes an der Rei­he ist. „Mir kam das al­les wie ei­ne Ewig­keit vor“, sagt May­er im BNN-Gespräch.

Ir­gend­wann darf er end­lich auf­ste­hen. Je­mand gibt dem zit­tern­den Mann ei­ne De­cke. Auf dem Po­li­zei­prä­si­di­um wird er ver­hört. Stück­chen­wei­se klärt sich auf, in wel­chen bit­ter wah­ren Kri­mi May­er da ge­ra­ten war. Ei­ne Po­li­zis­tin wur­de an­ge­schos­sen, ins­ge­samt 29

Er ist ar­beits­un­fä­hig, seit er in die Po­li­zei-MP blick­te

Schüs­se fie­len. Dass die Bank­räu­ber ein Paar wa­ren und die Frau sich selbst ge­rich­tet hat, er­staunt May­er. „Für mich sa­hen die Bank­räu­ber in ih­ren di­cken Ja­cken wie zwei Män­ner aus.“

Er­leich­te­rung? Das Ge­fühl, nach ei­nem le­bens­ge­fähr­li­chen Zu­fall noch ein­mal da­von­ge­kom­men zu sein? Es will sich nicht ein­stel­len bei Milan May­er. Als er am Mor­gen des 10. De­zem­ber 2010 zu Fuß in die In­nen­stadt auf­ge­bro­chen war, da schwamm er noch ganz oben: Ein gut ver­die­nen­der selbst­stän­di­ger Un­ter­neh­mer, ein ge­bo­re­ner Ver­käu­fer und er­folg­rei­cher Men­tal­trai­ner. „Ich hat­te ei­ne eigene Agen­tur, ha­be Mee­tings in Lon­don, Bar­ce­lo­na, New York, Sin­ga­pur, Kap­stadt ge­macht“, er­zählt May­er. Teu­re Au­tos, gol­de­ne Kre­dit­kar­ten und ein Ge­fühl der Un­ver­letz­bar­keit wa­ren in sei­nem Le­bens­stil in­be­grif­fen. Nach der Schie­ße­rei zer­brö­selt die­se glit­zern­de Welt: „Ich hat­te Angst­zu­stän­de, De­pres­sio­nen, Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, Alp­träu­me, konn­te kaum noch schla­fen.“

Prä­sen­ta­tio­nen muss er nach ei­ner hal­ben St­un­de ab­bre­chen. Frü­her hat er Ma­na­ger trai­niert, nun er­lebt er selbst den to­ta­len Kon­troll­ver­lust. Und ei­nen zwei­ten schreck­li­chen Zu­fall: Die Woh­nung ei­nes Nach­barn wird von der Po­li­zei ge­stürmt – es geht um Dro­gen. Wie­der Schreie, lau­te Knall­ge­räu­sche, als die Tür auf­ge­bro­chen wird: „Da ist al­les wie­der hoch­ge­kom­men. Ich ha­be mich in mei­ner Woh­nung ver­schanzt.“

Es gibt durch­aus Hilfs­an­ge­bo­te: Die Op­fer­schutz­be­auf­trag­te der Po­li­zei ver­mit­telt ei­ne Trau­ma-The­ra­peu­tin und be­müht sich sehr um May­er. „Je­den Tag hat sie mir ei­ne E-Mail ge­schickt, um mich zu mo­ti­vie­ren“, sagt er. Ei­ni­ge tau­send Eu­ro er­hält er als Ent­schä­di­gung. Und es gibt ein Tref­fen mit den Po­li­zis­ten. „Der ei­ne er­zähl­te, dass er

selbst bei frü­he­ren Ein­sät­zen an­ge­schos­sen wur­de“, er­in­nert sich May­er. „Ra­tio­nal sa­ge ich: okay, die ha­ben nur ih­re Ar­beit ge­macht – aber emo­tio­nal sieht es an­ders aus.“Emo­tio­nal ver­kraf­tet er das Er­leb­te nicht. Die The­ra­peu­tin hat kei­ne Zu­las­sung für sei­ne Kran­ken­kas­se, May­er muss sich nach ei­ni­gen Sit­zun­gen neu um­se­hen – ihm geht die Kraft aus. Er bleibt ar­beits­un­fä­hig. Zum So­zi­al­amt geht der stol­ze Mann erst, als die Ge­richts­voll­zie­he­rin ihm in­stän­dig da­zu rät: „Ich ha­be ge­zit­tert, als ich vor dem Ge­bäu­de stand.“

Privat ist ihm ein Neu­an­fang ge­glückt: Ei­ne Freun­din steht ihm in der Kri­se bei, mit ihr ist er in zwei­ter Ehe ver­hei­ra­tet. Er wur­de er­neut Va­ter. Nun will er den nächs­ten Schritt wa­gen, sechs Jah­re nach dem Schre­ckens­tag. „Ich ha­be ei­ne Adres­se für ei­ne The­ra­peu­tin“, sagt er vor­sich­tig. „Ob das klappt, muss ich se­hen.“

NACH DEM GROSSEINSATZ AM KARLS­TOR lie­gen die bei­den Bank­räu­ber tot auf dem Geh­steig (oben links), ei­ni­ge Me­ter wei­ter hält ein Po­li­zist den un­be­tei­lig­ten Pas­san­ten am Bo­den (oben ne­ben dem Mast). Foto: dpa

RÜCK­ZUG von der Welt: Der Trau­ma­ti­sier- te wur­de de­pres­siv. Sym­bol­fo­to: bil­der­box

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.