Im Schat­ten der Dia­man­ten

Pforzheimer Kurier - - FACHER -

Im März 1867 streif­te der 15-jäh­ri­ge Eras­mus Ja­cobs in der Nä­he von Ho­pe­town an den Ufern des Oran­je Ri­ver ent­lang und ent­deck­te ei­nen un­ge­wöhn­lich gro­ßen, im Son­nen­licht leicht gelb­lich schim­mern­den St­ein, den er mit nach Hau­se nahm. Dort blieb das fun­keln­de Klein­od Wo­chen lang un­be­ach­tet in ei­ner Ecke lie­gen – bis Schalk van Nie­kerk, ein ge­schäfts­tüch­ti­ger Nach­bar der Ja­cobs’, dem Jun­gen den St­ein ab­schwatz­te. Schnell war klar: der un­schein­ba­re Fluss­kie­sel ent­pupp­te sich als 21,25 Ka­rat schwe­rer Dia­mant, der spä­ter un­ter dem Na­men Eu­re­ka in die Ge­schichts­bü­cher ein­ging. Der da­ma­li­ge Ko­lo­ni­al­se­kre­tär Richard Sou­they er­kann­te so­fort die Be­deu­tung des Edel­steins für die Re­gi­on und er­klär­te den Dia­man­ten mit pa­the­ti­schen Wor­ten zum Fun­da­ment, auf dem die öko­no­mi­sche Zu­kunft Süd­afri­kas ru­hen wer­de. Und er soll­te recht be­hal­ten.

Zwei Jah­re spä­ter ge- lang van Nie­kerk sein nächs­ter Coup: Er kauf­te ei­nem Hir­ten­jun­gen ei­nen mehr als 80 Ka­rat schwe­ren Dia­man­ten ab. Doch der Ein­hei­mi­sche war schlau­er als Eras­mus Ja­cobs. Nie­kerk muss­te für den St­ein im­mer­hin 500 Scha­fe, 10 Och­sen, ein Pferd und da­mit prak­tisch sei­nen ge­sam­ten Be­sitz be­rap­pen. Doch auch das er­wies sich als blen­den­des Ge­schäft; we­ni­ge Ta­ge spä­ter ver­kauf­te er den un­ge­schlif­fe­nen Roh­dia­man­ten, der spä­ter als Star of South Afri­ka be­kannt wur­de, in Ho­pe­town für die da­mals as­tro­no­mi­sche Sum­me von 11 200 Pfund. Der neue Ei­gen­tü­mer lies den St­ein nur we­nig spä­ter in Lon­don schließ­lich für mehr als das Dop­pel­te ver­stei­gern.

Über Nacht brach in der gott­ver­las­se­nen süd­afri­ka­ni­schen Wüs­ten­re­gi­on ein re­gel­rech­tes Dia­man­ten­fie­ber aus. Un­ter den Dia­man­ten­schür­fern der ers­ten Ta­ge war auch ein ge­wis­ser Fleet­wood Raw­stor­ne. Der ließ sei­nen Ex­pe­di­ti­ons­koch Hen­ry Richard Gid­dy im Ju­li 1871 auf ei­nem un­schein­ba­ren Hü­gel gr­a­ben, weit ent­fernt von den ver­meint­lich aus­sichts­rei­chen Claims. Hier fand Gid­dy gleich ei­ne gan­ze Hand­voll gro­ßer St­ei­ne. Zwei Ta­ge spä­ter hat­te sich der ein­sa­me Hü­gel Co­les­berg Kop­je be­reits in ei­nen wim­meln­den Amei­sen­hau­fen ver­wan­delt. Heu­te klafft an die­ser ge­schichts­träch­ti­gen Stel­le ein gro­ßes Nichts: das Big Ho­le.

50 000 Män­ner ha­ben die­sen ge­wal­ti­gen Ta­ge­bautrich­ter mit ei­nem Durch­mes­ser von 463 Me­tern und ei­ner Tie­fe von ehe­mals 240 Me­ter in­ner­halb we­ni­ger Jahr­zehn­te aus­ge­ho­ben, mit Spitz­ha­cken und Schau­feln. 1914 wur­de der Ta­ge­bau ein­ge­stellt, und man be­gann den rei­chen Dia­man­ten­adern mit Hil­fe un­ter­ir­di­scher Stol­len zu Lei­be zu rü­cken. 2005 kam schließ­lich auch der un­ter­ir­di­sche Ab­bau zum Er­lie­gen. An­ders als oft kol­por­tiert, ist das Big Ho­le al­ler­dings nicht das größ­te rein durch Mus­kel­kraft und ein paar Stan­gen Dy­na­mit in die Er­de ge­trie­be­ne Loch – die­se Eh­re ge­bührt wohl der Ja­gers­font­ein Mi­ne rund 110 Ki­lo­me­ter süd­west­lich von Blo­em­font­ein. Al­ler­dings war kei­ne Dia­man­ten­mi­ne je pro­duk­ti­ver als das Big Ho­le und sei­ne Nach­barn.

Un­trenn­bar ver­bun­den mit der Ge­schich­te Kim­ber­leys ist der Na­me De Beers. Der bis heu­te welt­größ­te Händ­ler von Roh­dia­man­ten – be­nannt nach den bei­den Far­mern Jo­han­nes Ni­co­laas and Die­de­rik Ar­nol­dus de Beer, auf de­ren Wei­de­land der Co­les­berg Kop­je lag – be­saß prak­tisch 100 Jah­re lang ein Welt­mo­no­pol und wur­de 1888 als Zu­sam­men­schluss meh­re­rer pri­va­ter Mi­n­en­ge­sell­schaf­ten in Kim­ber­ley ge­grün­det. Al­ler­dings nicht ganz frei­wil­lig: Mit­te der 1870er Jah­re setz­te ei­ne Wirt­schafts­kri­se ein. Gleich­zei­tig über­schwemm­te ei­ne rie­si­ge Men­ge Dia­man­ten aus Kim­ber­leys Mi­nen den Markt. Bei­des zu­sam­men führ­te zu ei­nem dras­ti­schen Preis­ver­fall, der nur durch stren­ge Pro­duk­ti­ons­kon­trol­len ge­stoppt wur­de.

Bis zu sei­ner Still­le­gung wur­den al­lei­ne aus dem Big Ho­le und sei­nen Stol­len mehr als 14 Mil­lio­nen Ka­rat Dia­man­ten ge­för­dert – das ent­spricht rund 2 700 Ki­lo­gramm. Da­für wur­den mehr als 22,5 Mil­lio­nen Ton­nen Erd­reich be­wegt. Und das „Big Ho­le“war nur ei­ne von rund ei­nem hal­ben Dut­zend Mie­nen in der Um­ge­bung.

Geo­lo­gisch be­trach­tet han­delt es sich bei den Gesteins­for­ma­tio­nen mit den Dia­mant­vor­kom­men um so ge­nann­te vol­ca­nic pi­pes, al­so um ur­al­te Mag­maSäu­len, die bei ih­rem Auf­stieg aus Tie­fen von 200 bis 400 Ki­lo­me­ter ir­gend­wann in den obe­ren Schich­ten der Erd­krus­te in Trich­t­er­form er­starrt sind. Mit den Flüs­sen ge­lang­ten die be­gehr­ten St­ei­ne bis an die Dia­mant­küs­te Na­mi­bi­as – noch heu­te streng be­wach­tes Sperr­ge­biet, denn hier brauch­te man die ed­len St­ei­ne einst tat­säch­lich prak­tisch nur vom Bo­den auf­zu­le­sen. Vor dem „tro­cke­nen“Dia­man­ten­fund in Kim­ber­ley glaub­te man, Dia­man­ten gä­be es aus­schließ­lich in un­mit­tel­ba­rer Nä­he von Was­ser­läu­fen, wie man das aus Bra­si­li­en und In­di­en kann­te.

Rund um die neue Mie­ne ent­stand im Som­mer 1871 prak­tisch über Nacht ei­ne Zelt­stadt, die we­nig spä­ter den Na­men New Rush be­kam. 1873 zähl­te die Sied­lung be­reits 40000 Ein­woh­ner und war da­mit nach Kap­stadt die zweit­größ­te Stadt des Lan­des. 1877 er­hielt sie ih­ren heu­ti­gen Na­men Kim­ber­ley.

Tat­säch­lich war die Sied­lung En­de des 19. Jahr­hun­derts ei­ne der be­kann­tes­ten und wohl­ha­bends­ten Städ­te des Pla­ne­ten. Und das woll­te man zei­gen. Zwar leis­te­ten sich die Dia­man­ten­jä­ger an­ders als die neu­rei­chen Kaut­schuk­ba­ro­ne im süd­ame­ri­ka­ni­schen Ma­n­aus kein Opern­haus, da­für aber wur­de in Kim­ber­ley am 2. Sep­tem­ber 1882 die ers­te elek­tri­sche Stra­ßen­be­leuch­tung auf der Süd­halb­ku­gel an­ge­knipst und 1886 dann ei­ne an­fangs noch von Mu­lis ge­zo­ge­ne, 1905 aber eben­falls elek­tri­fi­zier­te Stra­ßen­bahn in Be­trieb ge­nom­men. Noch heu­te kön­nen Tou­ris­ten mit die­ser re­stau­rie­ren Mu­se­ums­bahn vom Rat­haus zum Kom­plex des Mi­nen-Mu­se­ums fah­ren.

Heu­te ist von Glanz und Glo­ria ver­gan­ge­ner Ta­ge al­ler­dings nur noch we­nig zu spü­ren. Tou­ris­ten ver­ir­ren sich eher sel­ten in die­sen weit ab­ge­le­ge­nen Win­kel. Wäh­rend das „Big Ho­le“am Ran­de des heu­ti­gen Stadt­zen­trums wie ei­ne rie­si­ge Wun­de klafft, sind die meis­ten an­de­ren Ta­ge­bau­mie­nen ver­füllt, denn mitt­ler­wei­le sind die Dia­man­ten­vor­kom­men größ­ten­teils er­schöpft. In den rund 5 000 Ton­nen Gestein, die in den ver­blie­be­nen drei Berg­wer­ken im Groß­raum Kim­ber­ley pro Tag ak­tu­ell ge­för­dert wer­den, fin­det man heu­te „nur“noch Dia­man­ten mit ei­nem Ge­wicht von rund 1 000 Ka­rat. Vor Jah­ren wur­de da­mit be­gon­nen die ge­wal­ti­gen Ab­raum­hal­den – rund 160 Mil­lio­nen Ton­nen – er­neut nach Dia­man­ten zu durch­fors­ten. In die­sem Gesteins­schutt wer­den heu­te dank mo­derns­ter Tech­nik mehr als dop­pelt so vie­le Dia­man­ten ge­fun­den wie im Mut­ter­ge­stein. Bis weit ins 20. Jahr­hun­dert gab es für In­dus­trie­dia­man­ten kei­ne Ver­wen­dung – man kipp­te sie mit­samt dem Ab­raum ein­fach weg. Das galt auch für sehr klei­ne 1 mit ei­ner Grö­ße von deut­lich un­ter 0,1 Ka­rat. Erst in den 1970er Jah­ren war es tech­nisch mög­lich und wirt­schaft­lich ver­tret­bar, auch sol­che Winz­lin­ge zu schlei­fen. Die Kon­kur­renz aus Bots­wa­na, Russ­land und Aus­tra­li­en hat der süd­afri­ka­ni­schen Dia­man­ten­in­dus­trie schwer zu­ge­setzt. Und mit die­sem Nie­der­gang ver­lor auch Kim­ber­ley an Be­deu­tung. Mi­nen­eig­ner De Beers, des­sen Fir­men­haupt­quar­tier in ei­nem un­schein­ba­ren grü­nen Flach­bau im Stadt­zen­trum von Kim­ber­ley liegt, wan­del­te En­de 2002 die Mie­ne in ein Mu­se­um um. Mehr als 50 Mil­lio­nen Rand wur­den in ein mo­der­nes Be­su­cher­zen­trum in­ves­tiert, wo Be­su­cher un­ter an­de­rem ei­nen Blick in die Tie­fen des „Big Ho­le“wer­fen kön­nen, des­sen Bo­den mit rund 40 Me­ter Grund­was­ser be­deckt ist. Schmuck­stück der Aus­stel­lung im an­ge­glie­der­ten Mu­se­um ist ei­ne gro­ße Samm­lung ech­ter Dia­man­ten. Dar­un­ter be­fin­det sich auch der Ein­gangs er­wähn­te Eu­re­ka Dia­mant, den De Beers 1967 – 100 Jah­re nach sei­ner Ent­de­ckung – von ei­nem Samm­ler er­warb und dem süd­afri­ka­ni­schen Volk zu­rück­gab. Fo­to­gra­fie­ren ist in die­sem Hoch­si­cher­heits­sek­tor strengs­tens ver­bo­ten.

Wer an­ge­sichts all des Glit­zerns und Fun­kelns vom Dia­man­ten­fie­ber ge­packt wird: in Kim­ber­ley gibt es ei­ni­ge pri­va­te An­bie­ter die Schürf­tou­ren an­bie­ten. Mu­se­um­gui­de Scot­ty Ross, den es vor Jahr­zehn­ten als Berg­bau­in­ge­nieur nach Kim­ber­ley ver­schla­gen hat, macht al­ler­dings we­nig Hoff­nung, dass ein Gre­en­horn heu­te noch gu­te Chan­cen auf ei­nen Haupt­ge­winn wie den Eu­re­ka hät­te: „Von den heu­te in Kim­ber­ley ge­för­der­ten Dia­man­ten ha­ben nur rund acht Pro­zent Schmuck­qua­li­tät“, er­klärt der ge­bür­ti­ge Schot­te. Gro­ße St­ei­ne mit deut­lich mehr als ei­nem Ka­rat fin­de man nur noch sel­ten – nach­dem man mit High­tech-Ma­schi­nen 5 000 Ton­nen Mut­ter­ge­stein oder 35 000 Ton­nen Ab­raum durch­wühlt wur­den.

De Beers ist noch im­mer gut im Ge­schäft: In dem gro­ßen, fens­ter­lo­sen Hoch­haus wer­den die in Süd­afri­ka, Bots­wa­na und Na­mi­bia ge­för­der­ten Dia­man­ten sor­tiert und klas­si­fi­ziert, be­vor sie in ei­ne der Dia­man­ten­schlei­fund -han­dels­me­tro­po­len wie Tel Aviv, New York oder Ant­wer­pen ver­schickt wer­den. Ge­rüch­te be­sa­gen, dass die St­ei­ne von den Ku­rie­ren da­bei ein­fach un­auf­fäl­lig in der Ho­sen­ta­sche trans­por­tiert wer­den … Tho­mas Hau­er

UN­SCHEIN­BAR: 616 Ka­rat wiegt die­ser un­ge­schlif­fe­ne Dia­mant aus dem Na­tu­ral His­to­ry Mu­se­um in Lon­don, der in Kim­ber­ley ge­fun­den wur­de. Foto: dpa

Die Welt der Dia­man­ten: Das High­light im Mi­nen-Mu­se­um von Kim­ber­ley ist ei­ne Samm­lung ech­ter Dia­man­ten – dar­un­ter auch der Eu­re­ka-Dia­mant mit 21,25 Ka­rat. Foto: Hau­er

GROS­SES NICHTS: Aus dem „Big Ho­le“bei Kim­ber­ley wur­den mehr als 2700 Ki­lo­gramm Dia­man­ten ge­för­dert. Foto: Ro­vos­rail

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