Der Ame­ri­ka-Er­klä­rer

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE - Interview: Olaf Ne­u­mann

Ingo Zam­pe­ro­ni, Ex-Wa­shing­tonKor­re­spon­dent der ARD und seit Kur­zem wie­der Mo­de­ra­tor der Ta­ges­the­men, hat das Buch „Frem­des Land Ame­ri­ka“ge­schrie­ben. Es soll we­der ei­ne Abrech­nung noch ei­ne Ver­tei­di­gungs­schrift sein, son­dern ein­fach da­bei hel­fen, Ame­ri­ka zu ver­ste­hen. Das scheint der­zeit mehr als nö­tig. Wir tra­fen Zam­pe­ro­ni, 42, in Han­no­ver.

Herr Zam­pe­ro­ni, Ihr Buch heißt „Frem­des Land Ame­ri­ka“. Sie ar­bei­te­ten bis vor Kur­zem als Kor­re­spon­dent für das ARD-Aus­lands­stu­dio in Washington. Kommt Ih­nen das Ame­ri­ka die­ser Ta­ge noch ver­traut vor?

Ingo Zam­pe­ro­ni: Ja und nein. Ei­ner­seits ist der Ti­tel aus Sicht der Deut­schen pas­sen­der denn je. Ame­ri­ka kommt uns mo­men­tan noch frem­der vor als es uns sonst schon ist. Aber das be­trifft nur die ei­ne Hälf­te der Ame­ri­ka­ner, es ist nicht so, dass das gan­ze Land ei­nem Herrn Trump zu­ju­belt, im Ge­gen­teil. Hil­la­ry Cl­in­ton hat ja die Mehr­heit der Stim­men ge­won­nen. Trumps Sieg ist nur auf­grund die­ses selt­sa­men Wahl­sys­tems pas­siert. Al­ler­dings darf man sich jetzt auch nicht be­schwe­ren, denn wä­re es an­ders­her­um ge­lau­fen, hät­ten wir auch nichts ge­sagt. Es ist, wie es ist. Aber es ist in der Tat be­fremd­lich, dass je­mand mit solch ei­nem Ton und sol­chen Aus­sa­gen dann doch so vie­le Men­schen mo­bi­li­siert hat, zur Wahl zu ge­hen. Die­se ha­ben dann den Aus­schlag ge­ge­ben in den ent­schei­den­den Staa­ten. Aber es gibt Grün­de da­für.

Wel­che sind das?

Zam­pe­ro­ni: Do­nald Trump ist nicht aus dem Nichts ge­kom­men. Er hat zwar der Wahl sei­nen Stem­pel auf­ge­drückt, aber er war nicht Ur­sa­che, son­dern Sym­ptom. Er hat ge­nau ge­wusst, wo die wun­den Punk­te lie­gen und wel­che Knöp­fe er drü­cken muss.

Ver­steht der Po­lit­laie Trump die Ame­ri­ka­ner bes­ser als die meis­ten eta­blier­ten US-Po­li­ti­ker?

Zam­pe­ro­ni: Auf je­den Fall hat er ein bes­se­res Ge­spür da­für, mit wel­chen The­men Wäh­ler­mas­sen zu mo­bi­li­sie­ren sind. Er hat­te von An­fang an ei­ne sehr klare Bot­schaft. Es war ein biss­chen ein Coup. Zu sa­gen, „Ma­ke Ame­ri­ca gre­at again“, be­deu­tet ja auch, es liegt ge­gen­wär­tig viel im Ar­gen. Das Selbst­ver­ständ­nis der Ame­ri­ka­ner ist ja ei­gent­lich: „We are num­ber one!“Trump hat ka­piert, dass vie­le das nicht mehr so se­hen und auf die­sen Skat ge­reizt. Er be­sitzt zu­min­dest ein bes­se­res Ge­spür für den „nor­ma­len Men­schen auf der Stra­ße“, ob­wohl er ja in ei­nem gol­de­nen Kä­fig lebt. Sein Bio­graf sag­te ein­mal, Trump ge­he auch zu McDo­nald’s, aber nicht um zu zei­gen, dass er auch Bur­ger isst, son­dern weil er es gut fin­det. Ob­wohl er ei­gent­lich ent­rückt ist, ist er ziem­lich nah dran.

Ist Do­nald Trump mit die­sem Amt über­for­dert?

Zam­pe­ro­ni: Es be­steht kein Zwei­fel, dass es noch nie ei­nen un­qua­li­fi­zier­te­ren Prä­si­den­ten in den USA gab als ihn. Aber der Quer­ein­stei­ger-Sta­tus war auch ein Plus. Und wenn man so will, dann wa­ren die Grün­dungs­vä­ter auch kei­ne ge­bo­re­nen Po­li­ti­ker, sie sind es oft erst ge­wor­den. Tho­mas Jef­fer­son war zum Bei­spiel eher Gärt­ner und Groß­grund­be­sit­zer. Aber die­ses Amt nimmt ei­nen von mor­gens bis abends in Be­schlag. Vi­el­leicht ist es ja gar nicht schlecht, wenn je­mand nicht so zö­ger­lich ist, Oba­ma hat im­mer vie­les ab­ge­wo­gen. Es geht hier aber nicht dar­um, wel­che Far­be das nächs­te Trump-Ho­tel krie­gen soll. Der neue An­füh­rer der west­li­chen Welt hat ein sehr ego­zen­tri­sches Bild. Das ist ziem­lich kurz­sich­tig. Ich glau­be, vie­les, was Trump an­ge­kün­digt hat, war bloß Wahl­kampf­rhe­to­rik und wird von ihm gar nicht ein­ge­for­dert wer­den. Aber man muss ihm das trotz­dem vor­wer­fen, denn er schür­te da­bei ras­sis­ti­sche Stim­mung ge­gen La­ti­nos, Mus­li­me und Schwar­ze.

Hat der Ras­sis­mus in den USA sich ge­wan­delt?

Zam­pe­ro­ni: Ras­sis­mus hat es im­mer ge­ge­ben und wird es im­mer ge­ben. Auch bei uns. Aber in den USA ist das noch ein­mal ein be­son­de­res Feld in punc­to der Afro­ame­ri­ka­ner und der Skla­ve­rei und der Bür­ger­rechts­be­we­gung. Mein Schwie­ger­va­ter ist schwarz und hat noch in New Or­leans, wo er auf­ge­wach­sen ist, sein Bröt­chen am Hin­ter­ein­gang der Bä­cke­rei kau­fen müs­sen. Wir re­den jetzt nicht von der Zeit der Skla­ve­rei Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, das ist wirk­lich nur ei­ne Ge­ne­ra­ti­on ent­fernt. Durch So­ci­al Me­dia ist der Ras­sis­mus noch viel stär­ker be­wusst ge­wor­den.

In Ih­rem Buch schrei­ben Sie dar­über, wie schwar­ze Ame­ri­ka­ner ih­ren Kin­dern bei­brin­gen, wie sie sich ge­gen­über wei­ßen Po­li­zis­ten ver­hal­ten sol­len, da­mit es kei­nen Är­ger gibt. Wel­ches Ver­hält­nis ha­ben schwar­ze Ame­ri­ka­ner zur Staats­macht und zu In­sti­tu­tio­nen?

Zam­pe­ro­ni: Kein gu­tes. Sie sind na­tür­lich auch ge­brann­te Kin­der. Die Tat­sa­che, dass jetzt wie­der we­ni­ger schwar­ze Men­schen wäh­len ge­gan­gen sind als beim letz­ten Mal, ist kein gu­tes Zei­chen. Man kann sich aber nicht im­mer nur be­schwe­ren und die Op­fer­rol­le ein­neh­men; die ein­zi­ge Mög­lich­keit, da et­was zu än­dern, ist, ent­spre­chend zu wäh­len. Wenn in ei­ner zu 70 Po­zent schwar­zen Stadt ein Wei­ßer zum She­riff ge­wählt wird, liegt das auch an den­je­ni­gen Schwar­zen, die ih­re Stim­me nie­mand an­de­rem ge­ge­ben ha­ben. Ras­sis­mus ist auch ei­ne Fra­ge der Bil­dung. Kommt die in Ame­ri­ka zu kurz?

Zam­pe­ro­ni: Bil­dung ist ein Schlüs­sel­ele­ment in die­ser gan­zen Ge­schich­te. Da­mit mei­ne ich nicht nur, dass ei­ner mehr weiß als die an­de­ren, son­dern dass er auch an­de­ren Er­fah­run­gen aus­ge­setzt wird. Ich ha­be auf dem Weg hier­her ei­nen tol­len Ar­ti­kel ge­le­sen über je­man­den, der im Mitt­le­ren Wes­ten auf­ge­wach­sen und dann aufs Col­le­ge ge­gan­gen ist. Sein Mit­be­woh­ner dort war ein Ho­mo­se­xu­el­ler. Und dann wur­de aus die­sem abs­trak­ten Bild plötz­lich ein kon­kre­ter Mensch, und die­ser Mann denkt: „Wenn wir jetzt nicht die Ho­moEhe ge­wäh­ren, dann ver­weh­re ich die­ser Per­son ein Men­schen­recht. Ste­he ich dann im­mer noch da­ge­gen?“ Was prägt – ne­ben Fox News – das Welt­bild des Durch­schnitts­ame­ri­ka­ners?

Zam­pe­ro­ni: Fox News hat so­gar noch re­la­tiv kri­tisch über Trump be­rich­tet, viel frü­her als CNN. Es ging ja schon los mit Mo­de­ra­to­rin Me­gyn Kel­ly bei der ers­ten De­bat­te, die ihn ziem­lich hart an­ge­packt hat. In Zei­ten von So­ci­al Me­dia wird es im­mer leich­ter, sich mit sei­ner Mei­nung be­stä­tigt zu füh­len. Fak­ten wer­den nicht mehr als Fak­ten be­trach­tet, son­dern als et­was In­ter­pre­tier­ba­res. Das ist ein biss­chen schräg und man hät­te nicht ge­dacht, dass das wie­der­kommt, aber es geht da­bei auch um die Ab­leh­nung von Be­vor­mun­dung. Trumps Er­folg ist das Er­geb­nis ei­ner Pro­test­wahl.

Leh­nen die meis­ten Ame­ri­ka­ner des­halb ei­ne Ver­schär­fung der Waf­fen­ge­set­ze ab?

Zam­pe­ro­ni: Auf je­den Fall. Es geht da­bei nicht mehr um Ra­tio­na­li­tät, son­dern um Emo­tio­nen und In­stinkt. Die Ame­ri­ka­ner wach­sen mit die­ser Kul­tur auf, Schuss­waf­fen sind für sie et­was ganz Nor­ma­les. Bis ich in Ame­ri­ka ge­lebt ha­be, hat­te ich in mei­nem Le­ben noch kei­ne ech­te Schuss­waf­fe ge­se­hen. Ob­wohl ich als Kind to­tal ger­ne Cow­boy und In­dia­ner ge­spielt ha­be und beim Kar­ne­val im­mer Pis­to­len da­bei hat­te. Ich ha­be jetzt auch mal mit ei­ner Schrot­flin­te ge­schos­sen, ich ver­ste­he die Fas­zi­na­ti­on dar­an. Es ist ein Macht­ge­fühl und es macht Spaß, wenn man die Ton­tau­be dann auch trifft. Ich ver­ste­he Jä­ger oder die­je­ni­gen, die in die­sem rie­si­gen Land weit weg von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen le­ben. Aber Kriegs­ge­rät hat ein­fach kei­nen Platz in pri­va­ten Hän­den.

Ist der Wil­de Wes­ten im­mer noch le­ben­dig?

Zam­pe­ro­ni: In ge­wis­ser Wei­se ja. Der Staat Te­xas zum Bei­spiel er­laubt jetzt wie­der das sicht­ba­re Tra­gen von Waf­fen am Hols­ter. Dort kann man so­gar mit ei­nem um die Schul­ter ge­häng­ten M16-Ma­schi­nen­ge­wehr shop­pen ge­hen. Ka­li­for­ni­en hat das „Open-Car­ry“wie­der­um to­tal ver­bo­ten.

War­um hat Te­xas „Open-Car­ry“wie­der ein­ge­führt? War das der aus­drück­li­che Wunsch der Wäh­ler?

Zam­pe­ro­ni: Die Waf­fen­lob­by und durch­aus auch die Wäh­ler woll­ten das. Waf­fen de­fi­nie­ren dort ein Ge­fühl von Frei­heit nach dem Mot­to: Mir hat kein Staat et­was vor­zu­schrei­ben. Auf der an­de­ren Sei­te ak­zep­tie­ren al­le, dass man ei­nen Füh­rer­schein ma­chen muss, be­vor man Au­to fährt. Oder dass man mit 20 noch kein Bier trin­ken darf. Aber bei der Fra­ge nach den Waf­fen sind die Fron­ten ex­trem ver­här­tet und ideo­lo­gi­siert. Die Ame­ri­ka­ner neh­men je­des Jahr mehr als 30 000 To­te durch Schuss­waf­fen in Kauf. Und das Bit­te­re ist: Zwei Drit­tel da­von sind Selbst­mor­de. Men­schen, die ei­ne Knar­re zu­hau­se ha­ben, fällt es of­fen­sicht­lich leich­ter, den Ab­zug zu tä­ti­gen als sich vor ei­nen Zug zu wer­fen. Frei­heit ist ein Schlüs­sel­be­griff in die­sem Land und so­gar in der Na­tio­nal­hym­ne ver­an­kert. Aber na­tür­lich ist Frei­heit nur in Gren­zen mög­lich, denn sonst hät­ten wir ja An­ar­chie.

Foto: dpa

AN­SICH­TEN EI­NES AN­CHOR­MAN: Ingo Zam­pe­ro­ni hat über sei­ne Er­fah­run­gen wäh­rend sei­ner Kor­re­spon­den­ten­zeit in den USA ein Buch ge­schrie­ben: „Frem­des Land Ame­ri­ka“, er­schie­nen im Ull­stein Ver­lag, Eu­ro 20,–.

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