So leicht lässt sich die bio­lo­gi­sche Uhr nicht aus­trick­sen

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN - Joa­chim Gö­res

Kar­rie­re­frau­en sol­len den Kin­der­wunsch ein­fach in die zwei­te Le­bens­hälf­te ver­schie­ben – das ist die Bot­schaft von App­le und Face­book, die seit zwei Jah­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen an­bie­ten, un­be­fruch­te­te Ei­zel­len ein­frie­ren zu las­sen. Wenn die Frau­en dann be­ruf­lich eta­bliert wä­ren, könn­ten die Ei­zel­len auf­ge­taut, im La­bor be­fruch­tet und den Frau­en wie­der ein­ge­setzt wer­den, al­les auf Kos­ten von App­le und Face­book. So soll­te die bio­lo­gi­sche Uhr aus­ge­trickst wer­den, die von ei­ner sin­ken­den Frucht­bar­keit ab En­de 20 be­stimmt ist. Für die ei­nen ein ver­lo­cken­des, für die an­de­ren ein un­mo­ra­li­sches An­ge­bot. Auf ei­ner Ta­gung der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Loc­cum dis­ku­tier­ten kürz­lich in Han­no­ver Fach­leu­te über Aus­wir­kun­gen des so ge­nann­ten So­ci­al Free­zing.

„In der Öf­fent­lich­keit geht es im­mer um­so ge­nann­te Kar­rie­re­frau­en, aber die Rea­li­tät sieht an­ders aus: Es sind vor al­lem Frau­en oh­ne ak­tu­el­len Part­ner, die sich die Mög­lich­keit für ein Kind zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt of­fen hal­ten wol­len und sich des­halb von uns be­ra­ten las­sen“, sagt der Gy­nä­ko­lo­ge Frank Na­w­roth vom Fach­arzt­zen­trum für Prä­na­ta­le Me­di­zin in Ham­burg. Es ist ei­nes von 93 Kin­der­wun­sch­zen­tren in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz, die in dem Netz­werk Fer­ti­pro­tekt ge­mein­sa­me Stan­dards beim The­ma So­ci­al Free­zing fest­ge­legt ha­ben.

Da­zu ge­hört die In­for­ma­ti­on, dass Frau­en deut­lich hö­he­re Chan­cen auf ei­ne er­folg­rei­che Schwan­ger­schaft ha­ben, wenn die un­be­fruch­te­ten Ei­zel­len vor ih­rem 35. Le­bens­jahr ein­ge­fro­ren wer­den. Ein Ein­set­zen der spä­ter be­fruch­te­ten Ei­zel­len soll­te we­gen der er­heb­li­chen Schwan­ger­schafts­ri­si­ken bei Frau­en ab 50 Jah­ren ver­mie­den wer­den. Für ei­ne rea­lis­ti­sche Chan­ce auf ei­ne Schwan­ger­schaft soll­te et­wa ein Dut­zend Ei­zel­len ent­nom­men wer­den – was manch­mal meh­re­re Ein­grif­fe un­ter Nar­ko­se be­deu­tet. Und es wird teu­er: Im Schnitt zah­len die Frau­en bei Na­w­roth 8000 Eu­ro für die Be­hand­lung, hin­zu­kom­men je­des Jahr 400 Eu­ro für die La­ge­rung der Ei­zel­len.

Viel Geld für we­nig Si­cher­heit – dar­auf ver­weist Te­wes Wisch­mann, Pri­vat­do­zent am In­sti­tut für Me­di­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Hei­del­berg. Nach sei­nen An­ga­ben liegt in Deutsch­land das Durch­schnitts­al­ter der Frau­en bei der Ei­zel­len­ent­nah­me bei 37 Jah­ren. Nur in in je­dem sechs­ten Fall wer­de spä­ter tat­säch­lich ein Ba­by ge­bo­ren. „Oft ist die Frau­en zu alt, wenn sie sich die Be­hand­lung fi­nan­zi­ell leis­ten kann. Die Er­folgs­aus­sich­ten wer­den deut­lich über­schätzt. Die Be­schäf­ti­gung mit So­ci­al Free­zing führt da­zu, dass sich zu we­nig Ge­dan­ken dar­über ge­macht wer­den, wie es ist, wenn es mit dem Kin­der­wunsch nicht klappt“, sagt Wisch­mann.

Die ärzt­li­che Psy­cho­the­ra­peu­tin Su­san­ne Quit­mann be­rät in Ham­burg Frau­en zum The­ma So­ci­al Free­zing, oft Aka­de­mi­ke­rin­nen. „Vie­le Frau­en kom­men mit ei­nem schlech­ten Ge­wis­sen, weil sie ih­ren Kin­der­wunsch so lan­ge hin­aus­ge­scho­ben ha­ben und set­zen gro­ßen Hoff­nun­gen in So­ci­al Free­zing. Ei­ni­ge den­ken, dass sie im hö­he­ren Al­ter mehr Zeit und Ge­las­sen­heit für ein Kind ha­ben, da­bei kön­nen die Wech­sel­jah­re ei­ne ganz schwie­ri­ge Pha­se sein. Das muss man an­spre­chen“, sagt Quit­mann.

Sie warnt da­vor, dass die gan­ze Dis­kus­si­on – wie schon beim The­ma Ver­hü­tung – da­zu führt, die Ent­schei­dung im­mer mehr den Frau­en zu­zu­schie­ben: „Aber wenn es um Re­pro­duk­ti­on geht, sind Män­ner ge­nau­so zu­stän­dig. Das muss man schon in jun­gen Jah­ren klar­ma­chen.“

Ge­naue Zah­len, wie häu­fig So­ci­al Free­zing in Deutsch­land in An­spruch ge­nom­men wird, feh­len bis­lang. Für 2014 ge­hen Schät­zun­gen von bis zu 1000 sol­cher Be­hand­lun­gen aus, zehn­mal mehr als zwei Jah­re zu­vor. Und ei­ner Um­fra­ge zu­fol­ge wä­re je­de fünf­te Frau grund­sätz­lich in­ter­es­siert.

Bei fünf von sechs Frau­en bleibt die Be­hand­lung er­folg­los

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