Ich schen­ke Dir mei­ne Zeit …

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT -

Das schöns­te Ge­schenk, das Brit­ta je von ih­rem Ehe­mann be­kam, hat­te we­der weih­nacht­li­chen Glit­zer noch ei­ne ro­te Schlei­fe und ge­kos­tet hat es auch nichts. Trotz­dem er­in­nert sich die Mut­ter zwei­er Grund­schul­kin­der gut: „Es war ein Um­schlag mit ei­nem sehr schö­nen Lie­bes­brief und dem Ver­spre­chen, fort­an an ei­nem fes­ten Abend pro Wo­che für die Kin­der da­zu­sein.“

Seit je­nem Weih­nachts­fest ist bei der Stutt­gar­ter Fa­mi­lie je­den Mitt­woch „Ma­ma-Abend“an­ge­sagt. Ab 17 Uhr muss Brit­ta sich um nichts mehr küm­mern. Kei­ne Haus­auf­ga­ben, kei­ne Wä­sche, nicht das Abend­es­sen und auch kei­ne Vor­le­se­ge­schich­te. Sie kann ma­chen, was sie möch­te. Sport, Ki­no, Es­sen ge­hen, Le­sen – was auch im­mer. „Das klingt auf den ers­ten Blick vi­el­leicht nicht so toll, aber mir be­deu­tet das sehr viel“, sagt die 42-Jäh­ri­ge. Ihr Mann Markus ist be­ruf­lich stark ein­ge­bun­den. Dass er eher spä­ter als frü­her nach Hau­se kommt, ist die Re­gel, nicht die Aus­nah­me. Nur Mitt­wochs gibt es kein Ver­tun. „Punkt 17 Uhr steht er da und er hat sein Ver­spre­chen bis­lang noch kein ein­zi­ges Mal ge­bro­chen“, schwärmt Brit­ta. „Er hat mir ein­fach sei­ne Zeit ge­schenkt und das hat mich sehr be­rührt.“

Zeit ist ei­ne knap­pe Res­sour­ce und je­der Mensch hät­te ger­ne mehr da­von. Das lässt we­nigs­tens ei­ne For­sa-Um­fra­ge aus dem Jahr 2014 ver­mu­ten. Dar­in klag­ten mehr Men­schen in Deutsch­land über ei­nen Man­gel an Zeit als über zu we­nig Geld.

Wes­halb wir uns al­so aus­ge­rech­net zur Weih­nachts­zeit das Hirn über das zweit­bes­te Ge­schenk für un­se­re Lie­ben zer­mar­tern, ist nicht ein­zu­se­hen. War­um – wenn sich Müt­ter in re­prä­sen­ta­ti­ven Um­fra­gen re­gel­mä­ßig dar­über be­kla­gen, zu we­nig Zeit für sich zu ha­ben, wenn Vä­ter an­ge­ben, dass sie ger­ne mehr mit ih­ren Kin­dern er­le­ben wür­den und Groß­el­tern über ein­sa­me, un­aus­ge­füll­te St­un­den kla­gen.

Ein Pro­blem des Zeit­ge­schenks liegt na­tür­lich auf der Hand. Wie soll man so et­was Flüch­ti­ges nur her­ge­ben? Pfif­fi­ge Ide­en sind ge­fragt und ei­ne da­von hat aus­ge­rech­net der Chef ei­ner Wies­ba­de­ner Wer­be­agen­tur ge­habt. Über das von ihm ins Le­ben ge­ru­fe­ne In­ter­net-Por­tal statt Zeug“kann man der Zeit, die man zum Ver­schen­ken hat, ein hüb­sches Bild­mo­tiv ver­pas­sen. Die­ses wird mit ei­ner viel­sa­gen­den Auf­schrift wie „Koch­abend statt Koch­buch“ver­se­hen, dann ei­nen Ter­min für die Kü­chen­par­ty ein­tra­gen und ver­sen­den. Auf „Zeit statt Zeug“kann man aber auch di­gi­ta­le Wunsch­zet­tel hin­ter­le­gen.

Die Re­so­nanz auf die Idee kann sich se­hen las­sen. Vie­le pro­mi­nen­te Tes­ter be­schei­ni­gen dem Er­fin­der, Michael Volk­mer, mit sei­ner Idee den Nerv der Zeit ge­trof­fen zu ha­ben. „Die Ge­schen­ke wer­den wert­vol­ler, nicht nur weil ge­mein­sa­me Zeit mehr aus der Zeit macht, son­dern weil man et­was ver­schenkt, was im­mer knap­per wird. Mit Zeug kann man sich frei kau­fen, mit ge­schenk­ter Zeit kann man sich ge­mein­sam be­frei­en“, schreibt et­wa der Zeit­for­scher Dietrich Henckel.

Bleibt ein klei­nes Pro­blem: In der Er­wach­se­nen­welt braucht die Idee des Zeit­schen­kens kei­ne wei­te­re Wer­bung mehr. Bei Kin­dern sieht das al­ler­dings ganz an­ders aus. Pe­ter Un­fried, Chef­re­por­ter der taz, be­rich­tet auf der Web­sei­te von sei­ner Idee, sei­nem Sohn Zeit statt Macbook und Gut­schei­ne für Mcdo­nald’s zu schen­ken. „Er schrie kreu­z­un­glück­lich ’ich su­che mir ei­nen neu­en Va­ter’, aber dann ging es doch.“Wenn es gar nicht oh­ne ma­te­ri­el­le Ge„Zeit schen­ke geht – und wel­ches Kind möch­te zu Weih­nach­ten schon oh­ne Päck­chen un­term Baum sit­zen – hilft die Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem. Ein Plüsch- oder Kunst­stoff­tier mit ei­ner Ein­la­dung für ei­nen Zoo­be­such zum Bei­spiel. Oder ein paar neue Kick­schu­he mit Putz­gut­schein für den Te­e­nie-Sohn und für das Töch­ter­lein ei­ne Play­mo­bil-Prin­zes­sin mit dem Bild ei­nes Schlos­ses, das man dem­nächst ge­mein­sam be­su­chen wird.

Es gibt prag­ma­ti­sche Ge­schen­ke, die dem Be­schenk­ten ei­ne läs­ti­ge Pflicht ab­neh­men, und sol­che, die bei­den Sei­ten Freu­de ma­chen. Ein Vor­le­se­gut­schein für Kin­der et­wa, ein ge­mein­sa­mer frei­er Tag für Paa­re oder Gar­ten­ar­beits­stun­den für die Tan­te mit dem rie­si­gen Grund­stück, dass sie al­lei­ne nicht mehr pfle­gen kann. Wich­tig ist, dass man die Ver­spre­chen auch ein­hält. Ter­min­vor­ga­ben hel­fen – weiß der Er­fin­der von Zeit statt Zeug. Der ver­läss­lich freie Abend pro Wo­che ist für Brit­ta viel mehr wert als das fünf­te Eau de Toi­let­te oder das Paar Ohr­rin­ge. So­gar die Kin­der ha­ben ver­stan­den, welch gro­ßes Ge­schenk der Pa­pa der Ma­ma da­mit ge­macht hat. „Am Mitt­woch­abend ist die Ma­ma nie da“, ver­kün­de­ten sie jüngst an der Kaf­fee­ta­fel von Brit­tas Schwie­ger­el­tern. „Die fan­den die Idee su­per und wün­schen sich zu Weih­nach­ten nun ei­nen fes­ten Oma-Opa-Tag im Mo­nat.“

Sibylle Kra­nich

Al­le wün­schen sich nur das Ei­ne

Foto: lu­cky­busi­ness / Fo­to­lia.com

GE­SCHENK­IDEE FÜRS FEST: Ein Plätz­chen­back­kurs mit Oma. Wer an sei­ne Lie­ben Zeit ver­schenkt, muss nicht viel Geld aus­ge­ben und er­hält im Ge­gen­zug Mo­men­te, die für im­mer im Ge­dächt­nis blei­ben.

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