Glüh­wein und Ge­müt­lich­keit

Sa­ti­re der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE - Su­san­ne Jabs

Jahr kam al­les wie­der so über­ra­schend: Die Ta­ge wur­den kurz und dus­ter, die ers­te Grip­pe­wel­le er­fass­te uns, und die Win­ter­rei­fen wur­den mit klam­men Fin­gern und wie­der reich­lich spät auf­ge­zo­gen.

Ein­zig die Hoff­nung auf die Weih­nachts­märk­te hielt uns auf­recht, die Lust auf blin­ken­de Hei­me­lig­keit mit Tan­nen­duft und knusp­ri­gen Köst­lich­kei­ten. Wie hat­te ich mich da­nach ge­sehnt! Ich schlen­der­te im Krei­se mei­ner Freun­din­nen, ver­packt in Dau­nen, Bom­mel­müt­ze, me­ter­lan­gem Schal und Fell­hand­schu­hen bei Ein­bruch der Däm­me­rung in die Stadt. Ei­nes war näm­lich klar: Zur rich­ti­gen Weih­nachts­marktat­mo­sphä­re muss­te es ei­sig und dun­kel sein. Ei­ser­ne Re­gel! Der Markt­platz füll­te sich, be­leuch­tet von Tau­sen­den Lich­ter­ket­ten und ge­form­ten Wün­schen für ein Fest, von dem nur noch die Hälf­te der Punsch­kon­su­men­ten über­haupt wuss­te, was da ge­fei­ert wur­de.

Ich öff­ne­te den Man­tel. Die ei­ser­ne Re­gel mach­te näm­lich ei­ne Aus­nah­me, es herrsch­ten an­ge­neh­me Früh­lings­tem­pe­ra­tu­ren. Egal! Mei­ne Mä­dels be­schlos­sen, erst mal ei­ne Run­de durch die Stän­de zu schlen­dern, Zu­cker­wat­te und Leb­ku­chen, Brat­wurst und Eier­punsch zu schnup­pern. Die­ser Mix an ad­vent­li­chen Aro­men schien die Men­schen fried­lich und fröhlich zu stim­men. Ei­ne Se­kun­de spä­ter kreisch­te Ju­lia vor Schmerz ge­pei­nigt auf. Ei­nen Kin­der­wa­gen un­ge­bremst in die Achil­les­seh­ne ran­giert zu be­kom­men – und das noch oh­ne Ent­schul­di­gung der schwung­vol­len Mut­ter – war ein bö­ser Be­ginn. Über­haupt nahm das Ge­wühl ste­tig zu, Grüpp­chen tra­fen sich, stopp­ten mit­ten in der schmals­ten Gas­se, Ess­ba­res wur­de trop­fend über den Köp­fen der Men­ge jon­gliert, manch Zi­ga­ret­ten­loch in Win­ter­ja­cken ge­brannt. Wir ver­stän­dig­ten uns durch hoch­ge­reck­te Ar­me und laut­star­kes Ge­kreisch, um uns im drän­gen­den Strom der Weih­nachts­märkt­ler nicht ganz zu ver­lie­ren. St­ef­fi woll­te Eier­punsch. Ina Glüh­wein, aber nur von dem Stand vor der Apo­the­ke, Bri­git­te erst mal was zu es­sen. Da­bei ei­ni­ge Qua­drat­me­ter Stand­platz zu behaup­ten, al­les Er­wünsch­te her­bei zu trans­por­tie­ren und sich wie­der zu fin­den, ver­lang­te gu­te Lo­gis­tik. So, nun aber soll­ten end­lich Be­sinn­lich­keit und Vor­freu­de ein­keh­ren. Das Kin­der­ka­rus­sell blink­te in rot-vio­lett-gelb und du­del­te „Whi­te Christ­mas“in End­los­schlei­fe. Wir Mä­dels er­zähl­ten, ki­cher­ten, grüß­ten BeJe­des kann­te und Un­be­kann­te, be­spra­chen Schul­no­ten, Wahl­kampf­ver­spre­chen, Zy­klus und Trend­haar­schnit­te. Noch mehr Glüh­wein und Ma­gen­brot für al­le! Ich gönn­te mir ein Lan­gos, dick mit Knob­lauchso­ße be­stri­chen und Ber­ge ge­ras­pel­ten Kä­se dar­auf. Drei­tau­send Ka­lo­ri­en Se­lig­keit! Da traf mich der El­len­bo­gen ei­nes Vor­bei­quet­schen­den schmerz­haft in die Sei­te. Kei­ne Luft mehr und das De­kol­le­té vol­ler So­ße! Mei­ne Freun­din­nen tupf­ten, tät­schel­ten und rie­fen dem Übel­tä­ter bö­se Ver­wün­schun­gen hin­ter­her. Was für ei­ne ad­vent­li­che Ge­müt­lich­keit!

Ei­ne gu­te St­un­de spä­ter wa­ren wir vier Me­ter und vier­tau­send Ka­lo­ri­en wei­ter. Bri­git­te hat­te Sod­bren­nen vom Glüh­wein und stieg auf Ja­ger­tee um, St­ef­fi hat­te sich ei­ne Bei­na­he-Kei­le­rei mit zwei Her­ren in Weih­nachts­mann­müt­zen ge­lie­fert, die sich in der Schupf­nu­delSchlan­ge vor­drän­gel­ten und Ina sang mit dem Ka­rus­sell um die Wet­te. Und ich? Ich fasste es nicht! Mir war der Geld­beu­tel ge­klaut wor­den. Mein hüb­scher, klei­ner Geld­beu­tel in Pink, ver­meint­lich gut ver­staut in den Tie­fen mei­ner Je­ans.

Was für ein Abend! Was für ei­ne fest­li­che Zeit, die­ser Ad­vent! Ich den­ke, wir Mä­dels ge­hen Sams­tag gleich noch­mal auf den Weih­nachts­markt!

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