Beim And­achts­jod­ler flie­ßen Trä­nen

Ad­vent in Salz­burg

Pforzheimer Kurier - - REISE -

In Ge­schäf­ten, in den Stra­ßen, im Kopf – übe­r­all er­klingt Weih­nachts­mu­sik. Un­ter dem rie­si­gen, von Lich­tern fun­keln­den Baum drän­gen sich die Stän­de des Christ­kindl­markts wie ein be­geh­ba­rer Ad­vents­ka­len­der. Im Ad­vent ver­wan­delt sich Salz­burg zu­ver­läs­sig in ein Win­terwun­der­land, mit dem Dom- und Re­si­denz­platz als Herz al­len Zau­bers. Vom And­achts­jod­ler beim Ad­vents­sin­gen, zu dem ganz Salz­burg in Tracht er­scheint, bis zu den Weih­nachts­wün­schen, die per Luft­bal­lon in den Him­mel ge­schickt wer­den – für Wo­chen ver­sinkt die gan­ze Stadt im Weih­nachts­rausch.

Im ehe­ma­li­gen Ca­fé Glo­cken­spiel am Kopf des Mo­zart­plat­zes ist so­gar das gan­ze Jahr über Weih­nach­ten: Hier hat Ur­su­la Kloi­ber die Er­trä­ge ih­rer le­bens­lan­gen Lei­den­schaft für al­les, was mit dem Fest der Fes­te zu tun hat, ver­sam­melt: im ei­ge­nen, gleich­wohl öf­fent­li­chen Weih­nachts­mu­se­um.

Ad­vent­ka­len­der, Christ­baum­schmuck und Weih­nachts­kar­ten, das me­cha­ni­sche Weih­nachts­zim­mer, auf das sie 25 Jah­re war­ten muss­te, ein sil­ber-weiß glit­zern­der Ju­gend­stil­baum in ei­nem Spie­gel­ka­bi­nett, ei­ne voll­stän­dig ein­ge­rich­te­te Weih­nachts­stu­be und Skur­ri­les wie der im Ers­ten Welt­krieg per Feld2010 post ver­schick­te Mi­nia­tur-Weih­nachts­baum – ih­re Samm­lung, von der nur ein Teil Platz im Mu­se­um hat, er­zählt von viel mehr als nur vom Weih­nachts­fest.

Die Ex­po­na­te be­rich­ten von der Sehn­sucht der Men­schen nach ei­nem fried­li­chen Fest im Fa­mi­li­en­kreis, dem Weih­nach­ten mit Baum, Ge­schen­ken und strah­len­den Kin­der­au­gen, wie es im 19. Jahr­hun­dert zum bür­ger­li­chen Ide­al wur­de. Zu­gleich spie­geln sie ih­re Zeit: Hel­me, Zep­pe­line und Ka­no­nen als Baum­schmuck zeu­gen vom Ver­such, den Ers­ten Welt­krieg mit dem Christ­fest zu ver­söh­nen, ei­ne Weih­nachts­kar­te an den „lie­ben Sohn“in Ge­fan­gen­schaft im In­fek­ti­ons­spi­tal in Si­bi­ri­en von sei­ner Ver­geb­lich­keit.

Seit sie den Weih­nachts­schmuck ih­rer ös­ter­rei­chi­schen Groß­mut­ter erb­te, sam­melt Ur­su­la Kloi­ber kunst­hand­werk­lich her­ge­stell­te De­ko­ra­ti­ons­ob­jek­te: in An­ti­qui­tä­ten­ge­schäf­ten und auf Trö­del­märk­ten, in Deutsch­land, Ös­ter­reich und in den USA.

Zehn Jah­re lang such­te Ur­su­la Kloi­ber nach ei­nem Haus für ih­re Samm­lung, die sie im Jahr 2000 im Baye­ri­schen Na­tio­nal­mu­se­um in München un­ter dem Ti­tel „Fes­te zwi­schen Ad­vent und Neu­jahr in Süd­deutsch­land und Ös­ter­reich 1840–1940“zum ers­ten Mal der Öf­fent­lich­keit ge­zeigt hat­te. „Oh­ne die Aus­stel­lung hät­te ich mich das nie ge­traut.“Schließ­lich schenk­te ihr Mann ihr das Haus in bes­ter La­ge am Mo­zart­platz. Es folg­te „ein Mör­der­um­bau“, so Ur­su­la Kloi­ber. Zu Weih­nach­ten 2014 war Er­öff­nung, seit­her kom­men die Be­su­cher das gan­ze Jahr: aus der Ukrai­ne und den USA, aus Ja­pan, Ko­rea, Finn­land, Spa­ni­en und Ita­li­en, ob es drau­ßen schneit oder wenn die Som­mer­son­ne auf dem Mo­zart­platz brennt.

Dass Salz­burg im Win­ter zum Syn­onym für al­pen­län­di­schen Weih­nachts­zau­ber wird, hat Tra­di­ti­on – und liegt wo­mög­lich auch dar­an, dass die Be­woh­ner der Stadt seit je­her an­hand von kirch­li­chen Fest- und Fei­er­ta­gen ih­ren Weg durchs Jahr fin­den.

Im Ad­vent kom­men ei­ne Mil­li­on Men­schen nach Salz­burg, um den Christ­kindl­markt auf Re­si­denz- und Dom­platz und die an­de­ren Weih­nachts­märk­te in der Stadt zu be­su­chen; um vor dem Dom weih­nacht­li­chem Ch­or­ge­sang zu lau­schen und zu se­hen, wie das Christ­kind höchst­selbst – dar­ge­stellt durch ei­ne jun­ge Frau – in ei­nem Fens­ter über dem Mo­zart­platz er­scheint.

Das Ad­vents­sin­gen im Gro­ßen Fest­spiel­haus ent­stand aus der Hoff­nung auf bes­se­re Zei­ten, die beim ers­ten Kon­zert 1946 je­der brauch­te. Aber: „Beim Ad­vents­sin­gen wer­den kei­ne Weih­nachts­lie­der ge­sun­gen“, er­klärt Hans Köhl, seit 1988 Ge­schäfts­füh­rer und künst­le­ri­scher Lei­ter des Ad­vents­sin­gens. Nicht nur beim Pro­gramm lässt er sich auf kei­nen Kom­pro­miss ein. Das Ad­vents­sin­gen ist die ein­zi­ge Ver­an­stal­tung im Fest­spiel­haus, die oh­ne Sub­ven­tio­nen aus­kommt. „Öf­fent­li­che Mit­tel gibt’s nur bei ei­nem ne­ga­ti­ven Er­geb­nis, das packt mich beim Stolz.“

Der stu­dier­te Schlag­zeu­ger, der spä­ter in den Han­del wech­sel­te, kennt sich mit Mu­sik ge­nau­so aus wie mit Buch­füh­rung. Als Chef des Ad­vents­sin­gens hat er den Job sei­nes Le­bens ge­fun­den. 36 000 Men­schen be­su­chen je­des Jahr in der Vor­weih­nachts­zeit die Ins­ze­nie­run­gen von Hir­ten­spiel und tra­di­tio­nel­len

Wei­sen ei­nes gro­ßen ge­misch­ten Chors. Ein­hei­mi­sche er­schei­nen zum Ad­vents­sin­gen selbst­ver­ständ­lich in Tracht. Und wenn am En­de der Auf­füh­rung zwei­tau­send Gäs­te auf­ste­hen und mit dem Chor den And­achts­jod­ler sin­gen, bleibt im Fest­spiel­haus kein Au­ge tro­cken.

Ste­fa­nie Bi­sping

ÖS­TER­REI­CHI­SCHES WIN­TERWUN­DER­LAND: Im Ad­vent ver­sinkt ganz Salz­burg im Weih­nachts­rausch. Wie einst das Fest der Fes­te ge­fei­ert wur­de, wird im Weih­nachts­mu­se­um am Mo­zart­platz ge­zeigt. Foto: Salz­burg Tou­ris­mus / Bi­sping

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