Lan­ger Atem

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - ANDRE­AS JÜTT­NER

Jetzt kann ja ei­gent­lich nur noch der Os­car kom­men: Der Tri­umph­zug von Ma­ren Ades Tra­gi­ko­mö­die „To­ni Erd­mann“scheint nicht ab­rei­ßen zu wol­len. Zwar gab es bei der Urauf­füh­rung in Can­nes kei­nen of­fi­zi­el­len Preis, son­dern „nur“die Aus­zeich­nung der Kri­ti­ker­ju­ry – doch seit dem Ki­no­start im Ju­li pras­selt der Preis­re­gen. Der Er­folg auf gan­zer Li­nie beim Eu­ro­päi­schen Film­preis ist die bis­he­ri­ge Krö­nung. Und wer dar­aus ei­ne Ten­denz für die Os­car-Ver­lei­hung im Fe­bru­ar ab­le­sen will, muss nur auf das Sta­si-Dra­ma „Das Le­ben der An­de­ren“ver­wei­sen: Das hol­te 2006 den bis­lang letz­ten Eu­ro­päi­schen Film­preis nach Deutsch­land und er­hielt da­nach auch den Aus­lands-Os­car.

Al­ler­dings: So vie­le Prei­se „To­ni Erd­mann“auch noch ein­heim­sen mag – und ver­dient hat der Film sie al­le –, so ist der größ­te Er­folg doch die Re­so­nanz beim

Pu­bli­kum. Man be­den­ke: „To­ni Erd­mann“dau­ert zwei St­un­den 42 Mi­nu­ten und bie­tet we­der „Stars“noch „Ac­tion“– ja, nicht ein­mal emo­tio­na­le Ge­schmacks­ver­stär­kung in Form von Film­mu­sik, der man sonst bei kaum ei­nem Ki­no­be­such ent­kom­men kann. Dass die­se äu­ßer­lich schmuck­lo­se und bei al­ler Ko­mik mit­un­ter schmerz­haft le­bens­na­he Ge­schich­te über 700 000 Men­schen ins Ki­no lockt, be­stä­tigt Ma­ren Ades Prin­zip, ih­re Pro­jek­te mit lan­gem Atem zu ver­fol­gen: Statt dem Ber­li­na­le-Er­folg „Al­le An­de­ren“von 2009 schnell ei­nen wei­te­ren Film nach­zu­schie­ben, um sich als Mar­ke zu eta­blie­ren, hat sie über sie­ben Jah­re hin­weg an „To­ni Erd­mann“ge­feilt. Wenn es ihr ge­lingt, die­sen lan­gen Atem in der schnell­le­bi­gen Film­bran­che zu be­hal­ten, dann muss selbst ein Os­car für „To­ni Erd­mann“nicht das En­de der Fah­nen­stan­ge sein.

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