Gu­ter­res be­glei­ten gro­ße Hoff­nun­gen

Der frü­he­re so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rungs­chef Por­tu­gals wird heu­te in New York als neu­er UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär ver­ei­digt

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Dahms

Ma­drid. Fe­li­pe Gon­zá­lez hat ge­misch­te Ge­füh­le, wenn es um An­tó­nio Gu­ter­res geht. „Die an­ge­neh­me Über­ra­schung, dass er der künf­ti­ge Ge­ne­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Na­tio­nen sein wird, wi­der­spricht mei­nem Mit­ge­fühl da­für, dass er es in die­sem Mo­ment sein wird“, sag­te der lang­jäh­ri­ge spa­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent in sei­ner Lau­da­tio aus An­lass der Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de der Ma­dri­der Uni­ver­si­dad Eu­ro­pea an Gu­ter­res Mit­te No­vem­ber.

Seit der frü­he­re so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rungs­chef Por­tu­gals und ehe­ma­li­ge UNFlücht­lings­kom­mis­sar An­fang Ok­to­ber vom UN-Si­cher­heits­rat als Nach­fol­ger des jet­zi­gen Amts­in­ha­bers Ban Ki-moon no­mi­niert wur­de, ist in al­ler Welt nur Freund­li­ches über ihn ge­sagt wor­den. Selbst Je­an Kras­no, die Lei­te­rin der Kam­pa­gne für die Wahl ei­ner Frau zur UN-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin, schreibt, dass ih­re Ent­täu­schung über die er­neu­te Ent­schei­dung für ei­nen Mann an der Spit­ze der UN nicht be­deu­te, „dass Gu­ter­res ei­ne schlech­te Wahl ist“. Sei­ne No­mi­nie­rung ha­be al­ler­dings wie­der ein­mal ge­zeigt, „dass die UN un­fä­hig ist, sich zu er­neu­ern“.

Mit­ge­fühl und ein Schuss Skep­sis be­glei­ten den 67-jäh­ri­gen Po­li­ti­ker auf dem Weg in sein neu­es Amt, das er am 1. Ja­nu­ar an­tritt und für das er heu­te in New York ver­ei­digt wird. Vor al­lem aber be­glei­ten ihn gro­ße Hoff­nun­gen. In Zei­ten, in de­nen vie­le Po­li­ti­ker fin­den, dass sie kei­ne di­plo­ma­ti­schen Rück­sich­ten neh­men müs­sen, ver­kör­pert der So­zia­list und Ka­tho­lik Gu­ter­res das, was an di­plo­ma­ti­schem Esprit in die­ser Welt noch üb­rig ist: viel­leicht mehr, als der Lärm der Po­lit­pol­te­rer ah­nen lässt. Sei­ne Wahl selbst ist ein In­diz da­für.

Gu­ter­res ist in den ver­gan­ge­nen zwei Mo­na­ten durch die Welt ge­reist. Er hat die Haupt­städ­te der UN-Ve­to­mäch­te be­sucht und sich mit The­re­sa May, François Hol­lan­de, Wla­di­mir Pu­tin, Xi Jin­ping und Ba­rack Oba­ma ge­trof­fen. Über­all wur­de er freund­lich emp­fan­gen. Er sei ein Mann „von ex­zel­len­ter Re­pu­ta­ti­on“, sag­te Oba­ma über ihn, ge­nau der Rich­ti­ge, um sich den „wach­sen­den Her­aus­for­de­run­gen“der Ge­gen­wart zu stel­len. Eben die­ses Ge­fühl tei­len vie­le Men­schen: dass die Welt ge­ra­de durch be­son­ders un­ru­hi­ge Ge­wäs­ser se­gelt. „Die Ver­ein­ten Na­tio­nen wur­den nicht ge­grün­det, um uns ins Pa­ra­dies zu füh­ren, son­dern um uns vor der Höl­le zu be­wah­ren“, sag­te der da­ma­li­ge UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär Dag Ham­marsk­jöld 1954. Die Her­aus­for­de­rung für Gu­ter­res ist heu­te die­sel­be. Er be­sitzt gu­te Vor­aus­set­zun­gen. Er sagt, was zu sa­gen ist, so deut­lich wie mög­lich, aber nicht schär­fer als nö­tig. Wäh­rend sei­nes Pe­king-Be­suchs ver­gan­ge­ne Wo­che sprach er von der not­wen­di­gen „Kom­bi­na­ti­on von Bür­ger­rech­ten mit so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Rech­ten“. Das ist ei­nen Satz, der sich für kei­nen ein­schla­gen­den Tweet eig­nen wür­de, der aber klar ge­nug ist, um die Sor­ge um die Men­schen­rechts­la­ge in Chi­na her­aus­zu­hö­ren. Im de­mo­kra­ti­schen Eu­ro­pa nimmt sich Gu­ter­res ei­ne an­de­re Ton­la­ge her­aus: Die „eu­ro­päi­sche Un­fä­hig­keit, sich zu or­ga­ni­sie­ren“, um der An­kunft Hun­dert­tau­sen­der Flücht­lin­ge auf ge­ord­ne­te Wei­se zu be­geg­nen, ha­be hier den Bo­den „für Po­pu­lis­mus und Frem­den­feind­lich­keit“be­rei­tet, sag­te er bei der Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de in Ma­drid.

Noch weiß man nicht, wel­chen Ton Gu­ter­res ge­gen­über Do­nald Trump an­schla­gen wird, der sich ge­ra­de an­schickt, an et­li­chen Säu­len der in­ter­na­tio­na­len po­li­ti­schen Ar­chi­tek­tur zu rüt­teln. Der neue UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär hat noch nicht mit dem neu­en US-Prä­si­den­ten ge­re­det. Wer­den die bei­den mit­ein­an­der kön­nen? „Gu­ter­res ist ein groß­ar­ti­ger Mann, aber er ist kein Su­per­mann“, sagt die so­zia­lis­ti­sche por­tu­gie­si­sche Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Li­lia­na Ro­d­ri­gues. Doch sie ist sich si­cher: „Sei­ne di­plo­ma­ti­schen Fä­hig­kei­ten wer­den uns al­le über­ra­schen.“

WIRD ÜBER­ALL FREUND­LICH EMP­FAN­GEN: An­tó­nio Gu­ter­res, der neue UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär, ist in den ver­gan­ge­nen zwei Mo­na­ten durch die Welt ge­reist und hat sich mit den Mäch­ti­gen die­ser Welt ge­trof­fen. Fo­to: dpa

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