Ita­li­ens Lieb­lings­wein sucht neu­es Image

Der Chi­an­ti Clas­si­co wird 300 Jah­re alt – und kämpft ge­gen sei­nen bil­li­gen Bru­der

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Al­vi­se Ar­mel­li­ni

Flo­renz. Per De­kret er­klär­te Groß­her­zog Co­si­mo III. de’ Me­di­ci von Tos­ka­na im Jahr 1716 die Hü­gel von Chi­an­ti zwi­schen Flo­renz und Sie­na zum ers­ten ge­schütz­ten Wein­an­bau­ge­biet welt­weit. 300 Jah­re spä­ter ist der Chi­an­ti Ita­li­ens be­lieb­tes­ter Rot­wein und ein wich­ti­ges Ex­port­gut. Doch vie­le as­so­zi­ie­ren den Rebs­aft eher mit Fu­sel aus Korb­fla­schen auf ka­rier­ten Tisch­de­cken an­statt mit ed­ler Qua­li­tät. „Wir ha­ben ein Image­pro­blem“, sagt Ser­gio Zin­ga­rel­li, Vor­sit­zen­der des Chi­an­ti-Clas­si­co-Her­stel­ler­ver­bands und Be­sit­zer des Wein­guts Roc­ca del­le Ma­cie, bei Fei­er­lich­kei­ten in Flo­renz. Nicht zu­letzt des­halb wol­le man den Chi­an­ti Clas­si­co als UN-Wel­ter­be schüt­zen las­sen. An­de­re Re­gio­nen wie die Lang­he in der nord­ita­lie­ni­schen Re­gi­on Pie­mont so­wie die Cham­pa­gne und Bor­deaux in Frank­reich hät­ten dies be­reits ge­tan.

Die Wein­her­stel­lung in Chi­an­ti ist seit 1398 his­to­risch be­legt. Drei Jahr­hun­der­te spä­ter re­gu­lier­te Groß­her­zog Co­si­mo die Pro­duk­ti­on. Ih­re ein­fa­che, haupt­säch­lich auf San­giove­se-Trau­ben ba­sier­te For­mel wur­de in den 1870er Jah­ren vom ad­li­gen Staats­mann Bet­ti­no Ri­ca­so­li fest­ge­legt. Die Pro­ble­me be­gan­nen im frü­hen 20. Jahr­hun­dert, als Chi­an­ti we­gen der wach­sen­den Nach­fra­ge auch au­ßer­halb der Stamm­re­gi­on an­ge­baut wur­de. Das Ori­gi­nal­pro­dukt wur­de in „Chi­an­ti Clas­si­co“um­be­nannt, um es von den neu­en tos­ka­ni­schen Chi­an­ti-Va­ri­an­ten zu tren­nen. „Das ist et­wa so, wie ei­nen Opel mit ei­nem Por­sche zu ver­glei­chen“, sagt Jeff Por­ter, der als Che­fWein­ken­ner für den Re­stau­rant­be­sit­zer und Fern­seh­star Joe Bas­tia­nich ar­bei­tet. Um ih­ren „Por­sche“ab­zu­set­zen, ha­ben die Her­stel­ler des Chi­an­ti Clas­si­co kürz­lich das Eti­kett mit dem schwar­zen Hahn wie­der­ein­ge­führt und da­zu ei­ne neue „Gran Se­le­zio­ne“, die sich ge­gen die bes­ten Grands Crus be­haup­ten soll. „Die Qua­li­tät un­se­rer Wei­ne ist min­des­tens ge­nau­so gut, ich wür­de so­gar sa­gen bes­ser, als die un­se­rer fran­zö­si­schen Cou­sins“, meint der aus Flo­renz stam­men­de ita­lie­ni­sche Pre­mier Mat­teo Ren­zi bei den Fei­er­lich­kei­ten. Den­noch sei es schwer, die Wahr­neh­mung der Leu­te zu än­dern, glaubt Por­ter. „Man kann in ein Ge­schäft ge­hen und Chi­an­ti für drei bis vier Eu­ro fin­den. Und dann sieht man ei­nen Chi­an­ti Clas­si­co für 20 Eu­ro, und die Leu­te ken­nen den Un­ter­schied nicht“, er­klärt er. „Sie ver­ste­hen es erst, wenn sie die Wei­ne pro­bie­ren.“Her­stel­ler müss­ten mehr da­für tun, das Ein­zig­ar­ti­ge ih­rer Wei­ne her­aus­zu­stel­len.

Das gel­te auch in­ter­na­tio­nal. Vor 15 Jah­ren wur­den 60 Pro­zent der Wein­sor­te ex­por­tiert, 2015 schon 80 Pro­zent. Größ­ter Ab­neh­mer sind mit 31 Pro­zent der Chi­an­ti-Clas­si­co-Aus­fuh­ren die USA, zwölf Pro­zent ge­hen nach Deutsch­land. Das nächs­te Ziel der ita­lie­ni­schen Händ­ler ist Chi­na, wo der­zeit fran­zö­si­sche Wei­ne den Markt do­mi­nie­ren. Seit 2010 wur­den ei­ni­ge Wein­gü­ter an Chi­ne­sen ver­kauft, ein wei­te­res an den New Yor­ker Ge­trän­ke­her­stel­ler Con­stel­la­ti­on Brands. San Fe­li­ce in der Nä­he von Sie­na ge­hört seit den 1970er Jah­ren der deut­schen Al­li­anz-Grup­pe. Die meis­ten Wein­gü­ter der Re­gi­on sind aber wei­ter im Fa­mi­li­en­be­sitz und hal­ten jahr­hun­der­te­al­te Win­zer­tra­di­tio­nen auf­recht.

Das Gut Ba­ro­ne Ri­ca­so­li exis­tiert seit dem 12. Jahr­hun­dert. Es ist das größ­te der Re­gi­on und ei­nes der äl­tes­ten welt­weit. An­de­re sind ver­gleichs­wei­se neu: Zin­ga­rel­li zum Bei­spiel ist der Sohn ei­nes Bo­xers, der für Bud Spen­cer und Te­rence Hill Wes­tern pro­du­zier­te, be­vor er in den 1970er Jah­ren auf Wein­an­bau um­sat­tel­te. Kur­ze Zeit spä­ter über­nahm der deut­sche Kunst­händ­ler Pe­ter Fem­fert mit sei­ner Frau Ste­fa­nia Ca­na­li das Gut Nit­tar­di – ein Bou­tique-Wein­gut, das ein­mal dem Re­nais­sance-Künst­ler Mi­che­lan­ge­lo ge­hör­te. Das Ge­län­de ist mit Skulp­tu­ren und In­stal­la­tio­nen über­sät, je­des Jahr ent­wirft ein zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler ein Eti­kett für die Wei­ne. Dar­un­ter Yo­ko Ono so­wie die No­bel­preis­trä­ger Gün­ter Grass und Da­rio Fo.

RE­NAIS­SANCE-KÜNST­LER Mi­che­lan­ge­lo ge­hör­te ein­mal das Gut Nit­tar­di na­he Flo­renz. Heu­te ent­wirft jähr­lich ein an­de­rer zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler ein Wein-Eti­kett. Fo­to: dpa

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